Um halb elf brennt noch Licht
Das Kind liegt seit einer Stunde im Bett und ruft zum vierten Mal. Der Zwölfjährige ist morgens nicht wachzukriegen und schläft am Samstag bis Mittag. Die Fünfjährige sitzt nachts schreiend im Bett und erkennt euch nicht. Hinter „schläft schlecht“ stecken sehr verschiedene Dinge. Bevor jemand von einer Schlafstörung spricht, lohnt es sich, genau zu beschreiben, was nachts passiert.
Als behandlungsbedürftig gilt eine Ein- oder Durchschlafstörung, wenn sie mindestens dreimal pro Woche über mindestens einen Monat auftritt und das Kind darunter leidet oder tagsüber nicht mehr gut zurechtkommt. So steht es in den ICD-10-Kriterien, die auch die Kinderleitlinie übernimmt.
Was in welchem Alter typisch ist
Kita-Alter. Einschlafen nur mit Mama im Bett, nächtliches Wandern ins Elternbett, lange Zubettgeh-Kämpfe. Für Kinder bis knapp sechs Jahre gilt die S2k-Leitlinie 028-041 zu psychischen Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter. Sie hat ein eigenes Schlafkapitel. Mehr zu den ganz Kleinen steht auf der Seite Regulationsstörungen bei Babys und Kleinkindern.
Grundschule. Angst vor der Dunkelheit, Grübeln über die Schule, Albträume nach einem gruseligen Film. Hier taucht auch der Nachtschreck auf. Wenn ein Kind jeden Abend Bauchweh bekommt, sobald die Schultasche gepackt wird, gehört die Seite zu Ängsten bei Kindern mit in den Blick.
Jugend. In der Pubertät verschiebt sich die innere Uhr nach hinten. Die Schule fängt trotzdem um acht an. Die Folge laut Leitlinie: ein Schlafdefizit unter der Woche, langes Ausschlafen am Wochenende, Konzentrationsprobleme im Unterricht. Dazu kommen Handy im Bett und Energydrinks. Ein Jugendlicher, der monatelang schlecht schläft und gleichzeitig keine Freude mehr an Hobbys hat, braucht auch einen Blick auf seine Stimmung. Hinweise dazu stehen auf der Seite Depression bei Kindern und Jugendlichen.
Albtraum, Nachtschreck oder Schlafwandeln?
Diese drei werden oft verwechselt. Die Unterscheidung entscheidet darüber, ob ihr euer Kind tröstet oder einfach nur sichert.
| Albtraum | Nachtschreck (Pavor nocturnus) | Schlafwandeln | |
|---|---|---|---|
| Wann in der Nacht | meist in der zweiten Nachthälfte | meist im ersten Drittel der Nacht, aus dem Tiefschlaf | meist im ersten Drittel der Nacht, aus dem Tiefschlaf |
| Wie das Kind wirkt | wacht auf, ist schnell orientiert, sucht euch | schreit panisch, schwitzt, Herz rast, wirkt verwirrt | steht auf, läuft umher, reagiert kaum auf Ansprache |
| Ansprechbar? | ja | kaum, schwer zu wecken | kaum, schwer zu wecken |
| Erinnerung am Morgen | ja, oft mit vielen Einzelheiten | keine oder nur Bruchstücke | keine |
| Was ihr tut | trösten, Licht an, dableiben. Kehrt dasselbe Thema immer wieder, tagsüber darüber reden. | danebenbleiben, vor Stößen schützen, nicht wachrütteln. Morgens müsst ihr nicht darüber reden, euer Kind weiß davon nichts. | ruhig zurück ins Bett führen. Treppen, Fenster und Haustür sichern. |
Nachtschreck und Schlafwandeln hängen am Tiefschlaf. Laut Leitlinie treten sie häufiger auf, wenn das Kind übermüdet ist, Fieber hat, unter Stress steht oder es laut ist. Regelmäßiger, ausreichender Schlaf ist deshalb die erste Maßnahme. Kommt der Nachtschreck jede Nacht zur selben Uhrzeit, kann ein sanftes Wecken 15 bis 30 Minuten vorher den Ablauf unterbrechen. Probiert das in Absprache mit der Kinderarztpraxis aus.
Häufige Albträume mit immer demselben Inhalt verdienen Aufmerksamkeit. Die Leitlinie nennt sie als Begleiter von Angst, Depression und Belastungsreaktionen nach schlimmen Erlebnissen. Mehr dazu auf der Seite zu Trauma und Belastungsreaktionen.
Das Zwei-Wochen-Schlafprotokoll
Für Kleinkinder empfiehlt die Leitlinie 028-041 ein Schlaftagebuch über ein bis zwei Wochen. Für ältere Kinder ist es genauso hilfreich. Druckt die Tabelle aus oder übertragt sie ins Handy. Ab etwa zehn Jahren kann euer Kind die Zeilen selbst ausfüllen. Das verändert oft schon etwas, weil es sein eigenes Muster sieht.
| Tag | Licht aus | ungefähr eingeschlafen | nachts wach (wie oft, wie lange) | aufgewacht | Nickerchen am Tag | letzter Bildschirm | Koffein (Cola, Energydrink, Tee) | Stimmung am Tag (1 bis 5) | Besonderes |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Mo | |||||||||
| Di | |||||||||
| … bis Tag 14 |
Schätzen reicht. Niemand soll nachts auf die Uhr starren. In die Spalte „Besonderes“ gehört alles, was den Tag geprägt hat: Klassenarbeit, Streit, Fieber, Übernachtung bei Freunden.
Schnarcht euer Kind laut oder macht es Atempausen, nehmt zwei, drei Minuten mit dem Handy auf. Auf der Aufnahme hört die Kinderärztin Pausen und Geräusche, die sich schwer beschreiben lassen.
Wie viel Schlaf normal ist
Die Kinderleitlinie 028-012 nennt Mittelwerte aus der deutschen KiGGS-Studie: mit 6 Jahren rund 10,5 Stunden, mit 10 Jahren rund 10, mit 14 Jahren rund 9, mit 16 Jahren rund 8. Mit 17 bis 18 Jahren ist der Bedarf von Erwachsenen erreicht, 7 bis 8 Stunden. Die Spannbreite ist groß. Bei 14-Jährigen reicht sie von 6 bis 12 Stunden. Die Leitlinie gewichtet deshalb das Befinden am Tag höher als die Stundenzahl. Ein Zehnjähriger, der mit 9 Stunden fit und gut gelaunt ist, hat kein Schlafproblem.
Körper zuerst
Lautes Schnarchen, Atemaussetzer und große Müdigkeit am Tag sind Gründe für die Kinderarztpraxis. Eine nächtliche Atemstörung gehört zu den organischen Ursachen, die die Leitlinie als Erstes ausschließen will. Je nach Befund geht es weiter in eine HNO-Praxis oder ein Schlaflabor für Kinder. Auch Neurodermitis mit nächtlichem Juckreiz oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten können den Schlaf stören.
Vom Kinderarzt bis zum Schlaflabor
- Kinder- und Jugendarztpraxis: erste Adresse, wegen der körperlichen Abklärung und der Überweisungen.
- HNO-Praxis oder Schlaflabor: bei Verdacht auf eine Atemstörung im Schlaf. Bei verletzungsgefährdendem Schlafwandeln kann die Leitlinie auch eine stationäre Beobachtung vorsehen.
- Psychotherapeutische Praxis: wenn Angst, Grübeln oder eine gedrückte Stimmung hinter dem Schlafproblem stehen. Den Einstieg bildet die psychotherapeutische Sprechstunde, Termine vermittelt die 116 117.
- Kinder- und jugendpsychiatrische Praxis: wenn Medikamente überhaupt infrage kommen oder mehrere Probleme zusammentreffen, etwa ADHS oder Autismus mit Einschlafstörung.
- Erziehungsberatungsstelle: kostenlos, gut für jahrelange Zubettgeh-Kämpfe und Elternbetten-Fragen.
Was Behandlung heißt
Am Anfang stehen Beratung und Schlafhygiene. Die Leitlinie wird dabei sehr konkret: Einschlafritual von 15 bis 30 Minuten, kein Medienkonsum in der Stunde vor dem Zubettgehen, das Bett nicht für Hausaufgaben, Handy oder Strafen nutzen. Ältere Kinder und Jugendliche sollen tagsüber höchstens 20 Minuten nachschlafen und nicht mehr nach 15 Uhr. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie gehört die Frage, wo das Handy nachts liegt, zu den ersten im Schlafgespräch.
Reicht das nicht, folgen verhaltenstherapeutische Bausteine: feste Rhythmen, Entspannungsverfahren wie Progressive Muskelentspannung, bei Jugendlichen kognitive Verhaltenstherapie gegen das nächtliche Grübeln. Der Erfolg wird wieder mit dem Protokoll überprüft.
Medikamente sind die Ausnahme und gehören in fachärztliche Hand. Ein Melatonin-Präparat mit verzögerter Freisetzung ist für Kinder von 2 bis 18 Jahren mit Autismus oder Smith-Magenis-Syndrom zugelassen, wenn Schlafhygiene allein nicht reicht. Melatonin-Gummidrops aus Drogerie und Internet sind Nahrungsergänzungsmittel. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, Kinder und Jugendliche ganz von ihrer Verwendung auszunehmen.
Stand der Leitlinien
Die Kinder- und Jugendleitlinie „Nichtorganische Schlafstörungen“ (AWMF 028-012) ist eine S1-Leitlinie und seit 30.06.2023 abgelaufen. Eine Neufassung als S2k-Leitlinie zur Insomnie bei Kindern und Jugendlichen ist angemeldet, geplant bis Mitte 2028. Die gültige S3-Leitlinie zur Insomnie (063-003) gilt nur für Erwachsene. Für Kinder unter sechs Jahren ist die gültige 028-041 die bessere Quelle.
Schlaflabor, Kasse und Melatonin-Gummis
Bei gesetzlich Versicherten laufen Kinderarzt, HNO, Schlaflabor und Psychotherapie über die Versichertenkarte. Die Erziehungsberatung kostet nichts. Melatonin-Gummis zahlt die Kasse nicht.
Auf einen Termin im Schlaflabor oder einen Therapieplatz müsst ihr meist warten. Das Protokoll und feste Aufstehzeiten, auch am Wochenende, könnt ihr sofort beginnen. Was abends konkret hilft, steht im Wegweiser Kind schläft schlecht. Für die Zeit bis zum Termin gibt es den Ratgeber Wartezeit überbrücken. Wenn das Handy im Bett der eigentliche Gegner ist, lest auf der Seite Sucht und Medien weiter.
Quellen
- AWMF-S1-Leitlinie „Nichtorganische Schlafstörungen (F51)“, Registernummer 028-012, Stand 18.07.2018, gültig bis 30.06.2023 (abgelaufen; Neufassung als S2k angemeldet, geplant bis 29.06.2028): Leitlinien-Detailseite
- AWMF-S2k-Leitlinie „Psychische Störungen im Säuglings-, Kleinkind- und Vorschulalter“, Registernummer 028-041, Stand 24.02.2025, gültig bis 30.06.2029: Leitlinien-Detailseite
- AWMF-S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“, Registernummer 063-003, Stand 16.04.2025, gültig bis 12.11.2029 (nur Erwachsene): Leitlinien-Detailseite
- Bundesinstitut für Risikobewertung, Stellungnahme Nr. 038/2024 vom 08.08.2024: „Melatoninhaltige Nahrungsergänzungsmittel: BfR weist auf mögliche Gesundheitsrisiken hin“: bfr.bund.de