Diagnostik, Psychotherapie oder Beratung: Was braucht mein Kind?
Was eine Diagnostik klärt, wann Psychotherapie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie passt und was Erziehungsberatung leistet. Mit Übersichtstabelle.
Von Janike Arent · Stand
Drei Gespräche, drei Ratschläge. Die Kinderarztpraxis empfiehlt eine Diagnostik, die Klassenlehrerin die Erziehungsberatung, eine Bekannte schwört auf ihre Kindertherapeutin. Alle meinen es gut. Gemeint sind aber drei verschiedene Hilfen, jede mit eigenem Zugang, eigener Wartezeit und eigenem Kostenträger.
Wer am falschen Ende anfängt, verliert Monate. Eine ADHS-Abklärung macht keine Erziehungsberatungsstelle. Eine Magersucht mit Gewichtsverlust gehört in ärztliche Behandlung.
Unten steht, was jede Stelle macht, wer sie bezahlt und wie ihr hineinkommt. Die Übersichtstabelle in der Mitte könnt ihr ausdrucken und neben das Telefon legen.
Diagnostik klärt die Frage, bevor behandelt wird
Diagnostik heißt: Beschwerden, Entwicklung und Alltag werden systematisch eingeordnet. Dazu gehören Gespräche mit euch und dem Kind, Fragebögen für Eltern und Schule, Beobachtung und je nach Frage psychologische Tests. Bei Verdacht auf ADHS oder Autismus gehört eine körperliche Untersuchung dazu.
Am Ende steht eine Diagnose oder die begründete Aussage, dass keine vorliegt. Dazu eine Empfehlung, was jetzt passt. Ein einzelner Testwert aus einem Computertest ist noch kein Befund. Fragt nach einem schriftlichen Bericht in einer Sprache, die ihr versteht.
Wer diagnostiziert, hängt von der Frage ab. Entwicklung, ADHS und Autismus klären meist Kinder- und Jugendpsychiatrie oder SPZ. Bei Angst, gedrückter Stimmung, Zwängen oder nach belastenden Erlebnissen beginnt die Abklärung oft in einer psychotherapeutischen Praxis.
Psychotherapie: Sprechstunde, Probatorik, Antrag
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie ist Krankenbehandlung. Sie kommt infrage, wenn eine psychische Störung Schule, Schlaf, Freundschaften oder das Familienleben deutlich einschränkt. Behandeln dürfen Psychotherapeutinnen mit Approbation und Fachkunde für Kinder und Jugendliche sowie entsprechend weitergebildete Ärztinnen. Die Krankenkasse zahlt vier Verfahren: Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie und seit 2024 auch die systemische Therapie. Worin sie sich unterscheiden, zeigt der Vergleich der Therapieverfahren.
Bei gesetzlich Versicherten läuft der Weg in festen Stufen:
- Psychotherapeutische Sprechstunde: erster Kontakt, ohne Überweisung. Bei Kindern und Jugendlichen bis zu zehn Termine zu je 25 Minuten, vier davon auch mit den Eltern allein. Am Ende bekommt ihr das Formular PTV 11 mit der Einschätzung.
- Akutbehandlung, wenn es schnell gehen muss: bei Kindern und Jugendlichen bis zu 30 Einheiten zu je 25 Minuten, die Termine mit Eltern eingerechnet (bei Erwachsenen bis zu 24). Ein Antrag bei der Kasse ist dafür nicht nötig.
- Probatorische Sitzungen: bei Kindern und Jugendlichen zwei bis sechs. Kind, Eltern und Therapeutin prüfen, ob die Zusammenarbeit trägt.
- Konsiliarbericht: Spätestens nach der Probatorik prüft eine Ärztin, meist die Kinderärztin, ob körperliche Ursachen mitspielen.
- Antrag bei der Krankenkasse, danach Kurzzeit- oder Langzeittherapie.
Behandelt wird bis zum 21. Geburtstag. Eltern werden regelmäßig einbezogen, oft mit eigenen Terminen. Wie ihr überhaupt an einen Platz kommt, beschreibt der Ratgeber Therapieplatz für ein Kind finden.
Kinder- und Jugendpsychiatrie: wenn es medizinisch wird
Fachärztinnen für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie haben Medizin studiert. Sie untersuchen körperlich, ordnen Medikamente ein und dürfen sie verschreiben. Psychotherapeutinnen ohne Medizinstudium dürfen das nicht.
Dieser Weg passt bei schwerer Depression, Essstörungen mit Gewichtsverlust, Psychosen, starken Zwängen, ausgeprägter Selbstverletzung, Suizidgedanken oder wenn mehrere Diagnosen zusammenkommen. Ein Termin dort heißt nicht, dass euer Kind Tabletten bekommt. Ob ein Medikament sinnvoll ist, besprecht ihr mit der Ärztin, und ihr könnt Zeit zum Nachdenken einfordern.
Die Terminservicestelle 116 117 vermittelt hier nur mit Überweisung. Bei komplexen Verläufen nehmen psychiatrische Institutsambulanzen an Kliniken Kinder und Jugendliche ambulant auf. Adressen sammelt die Seite Klinikambulanzen.
Erziehungsberatung: ohne Antrag und kostenfrei
Erziehungs- und Familienberatungsstellen arbeiten nach § 28 SGB VIII. Sie helfen Kindern, Jugendlichen und Eltern bei Problemen in der Familie, bei Erziehungsfragen und bei Trennung. Laut Bundeskonferenz für Erziehungsberatung gibt es bundesweit über 1.000 solcher Stellen. Die Beratung ist vertraulich und kostenfrei. Ihr meldet euch direkt dort an, ein Antrag beim Jugendamt ist dafür nicht vorgesehen (§ 36a Abs. 2 SGB VIII).
Im Team arbeiten Psychologinnen, Sozialpädagogen und oft Heilpädagoginnen. Eine Kassendiagnose stellen sie nicht, und sie behandeln keine Störung. Mitbringen könnt ihr, was die Familie gerade aufreibt: den Streit jeden Morgen um halb acht, den Geschwisterzoff, die Frage, ob ihr überhaupt eine Therapie sucht. Wartezeiten sind von Stelle zu Stelle sehr verschieden. Fragt bei der Anmeldung nach offenen Sprechstunden.
Eine gute Beratungsstelle sagt von sich aus, wann sie weiterverweist. Verletzt sich euer Kind, isst es kaum noch oder geht es seit Wochen nicht zur Schule, reicht Beratung allein nicht. Mehr zu den Stellen und ihrer Suche: Erziehungsberatung.
Wer macht was: die Übersicht zum Ausdrucken
Die Spalte „Wer zahlt“ gilt für gesetzlich Versicherte. Bei privater Versicherung entscheidet euer Tarif.
| Stelle | Was dort passiert | Zugang | Wer zahlt |
|---|---|---|---|
| Kinder- und Jugendarztpraxis | Erste Einschätzung, körperliche Ursachen prüfen, Überweisung, Konsiliarbericht | Direkt | Krankenkasse |
| Psychotherapiepraxis für Kinder und Jugendliche | Sprechstunde, Diagnostik, Akutbehandlung, Psychotherapie | Direkt oder über 116 117, ohne Überweisung | Krankenkasse bei Kassensitz, sonst privat oder über Kostenerstattung |
| Kinder- und Jugendpsychiatrie, Praxis oder Institutsambulanz | Medizinische Diagnostik, Medikamente, Krisen, komplexe Verläufe | Mit Überweisung | Krankenkasse |
| Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) | Entwicklung, Autismus, ADHS bei jüngeren Kindern, Diagnostik im Team | Mit Überweisung | Krankenkasse |
| Erziehungs- und Familienberatungsstelle | Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche, Orientierung, Entlastung | Direkt, ohne Antrag | Kommune oder freier Träger, für euch kostenfrei |
| Schulpsychologie | Lern- und Schulprobleme einordnen, Vermittlung mit der Schule | Über die Schule oder direkt | Bundesland, für euch kostenfrei |
| Coaching, Lebensberatung | Begleitung ohne Heilbehandlung | Direkt | Ihr selbst |
| Notaufnahme, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie | Akute Krise, Gefahr für Leben oder Gesundheit | Sofort, ohne Termin | Krankenkasse |
Coaching: Jeder darf sich so nennen
Coach ist kein geschützter Titel. Das Wort sagt nichts über Ausbildung. Für Eltern kann ein Coaching trotzdem passen, etwa um den Familienalltag mit einem Kind mit ADHS neu zu organisieren. Eine psychische Störung behandeln oder eine Diagnose stellen darf es nicht.
Drei Fragen klären viel: „Welche Ausbildung haben Sie?“ „Was tun Sie, wenn Sie merken, dass mein Kind Behandlung braucht?“ „Was kostet eine Stunde?“ Wird eine Diagnose kleingeredet oder eine Therapie als überflüssig dargestellt, ist das ein Grund zu gehen.
Akute Gefahr: nicht auf einen Rückruf warten
Spricht euer Kind über Suizid, verletzt es sich schwer, isst es kaum noch oder ist es zuhause nicht mehr sicher zu betreuen, gilt keine Warteliste. Ruft 112 oder fahrt in die Notaufnahme. Den ärztlichen Bereitschaftsdienst erreicht ihr unter 116 117. Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie nehmen in Notfällen auch ohne Termin auf.
Bis Hilfe da ist: Bleibt bei eurem Kind und räumt Medikamente, Klingen und andere gefährliche Mittel weg. Alle Nummern, auch für Jugendliche selbst, stehen auf der Notfallseite.
Quellen
- Kassenärztliche Bundesvereinigung: Psychotherapie, Fragen und Antworten (Sprechstunde bei Kindern und Jugendlichen bis zu zehn Termine à 25 Minuten, vier davon mit Bezugspersonen ohne das Kind, bis zu sechs probatorische Sitzungen, Akutbehandlung 24 Einheiten à 25 Minuten, Konsiliarbericht), abgerufen am 21.10.2026, https://www.kbv.de/praxis/patientenversorgung/psychotherapie/faq-psychotherapie
- Kassenärztliche Vereinigung Hessen: EBM Psychotherapie, Ablaufschema (Akutbehandlung bei Kindern, Jugendlichen und ihren Bezugspersonen höchstens 30 Einheiten, bei Erwachsenen höchstens 24), abgerufen am 21.10.2026, https://www.kvhessen.de/fileadmin/user_upload/kvhessen/Mitglieder/Abrechnung_Honorar/EBM_PSYCHOTHERAPIE_Ablaufschema.pdf
- Gemeinsamer Bundesausschuss: Beschluss vom 18.01.2024 zur Systemischen Therapie bei Kindern und Jugendlichen (Psychotherapie-Richtlinie), Bundesanzeiger 11.04.2024, https://www.g-ba.de/downloads/39-261-6420/2024-01-18_PT-RL_Systemische-Therapie_Kinder-Jugendliche_BAnz.pdf
- § 75 Abs. 1a SGB V (Terminservicestellen, Überweisung bei Facharztterminen, Psychotherapie ohne Überweisung), abgerufen am 21.10.2026, https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__75.html
- § 28 SGB VIII (Erziehungsberatung), abgerufen am 21.10.2026, https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__28.html
- § 36a Abs. 2 SGB VIII (unmittelbare Inanspruchnahme der Erziehungsberatung), abgerufen am 21.10.2026, https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__36a.html
- Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): über 1.000 Beratungsstellen, Beratung vertraulich und kostenfrei, abgerufen am 21.10.2026, https://www.bke.de/
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Diagnostik und Psychotherapie?
Diagnostik klärt, was los ist. Psychotherapie behandelt eine festgestellte psychische Störung über Wochen bis Monate. In der Praxis gehen beide ineinander über: Sprechstunde und probatorische Sitzungen enthalten schon diagnostische Anteile.
Kann Erziehungsberatung eine Psychotherapie ersetzen?
Bei einer behandlungsbedürftigen Störung nicht. Beratung entlastet die Familie und hilft über die Wartezeit. Viele Familien nutzen beides, nacheinander oder parallel.
Brauchen wir für die Psychotherapie eine Überweisung?
Für die Sprechstunde in einer Psychotherapiepraxis reicht die Versichertenkarte. Vor einer Kurz- oder Langzeittherapie braucht es aber einen ärztlichen Konsiliarbericht, meist von der Kinderarztpraxis.
Wann ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie die bessere Adresse?
Bei schweren oder komplexen Verläufen, wenn Medikamente geprüft werden sollen, bei Essstörungen mit Gewichtsverlust, Suizidgedanken oder mehreren Diagnosen gleichzeitig. Auch ADHS und Autismus werden häufig dort abgeklärt.
Was kostet das alles?
Bei gesetzlich Versicherten zahlt die Krankenkasse Diagnostik und Behandlung in Praxen mit Kassensitz, im SPZ und in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Erziehungsberatung und Schulpsychologie sind kostenfrei. Private Testungen und Coaching zahlt ihr selbst. Die Unterschiede erklärt der Ratgeber Kasse, privat oder Selbstzahler.
Diese Information dient der Orientierung. Sie ersetzt keine individuelle fachliche Einschätzung.