Zwanzig Minuten Hausaufgaben, zwei Stunden am Küchentisch
Das Arbeitsblatt ist für zwanzig Minuten gedacht. Um sieben sitzt ihr immer noch dran. Das Kind hat dreimal den Stift gesucht, zweimal getrunken und einmal geweint. Am nächsten Morgen fehlt der Turnbeutel, und aus der Schule kommt die Nachricht, es rufe ständig rein oder sitze nur da und schaue aus dem Fenster.
Jedes Kind hat solche Tage. Bei ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bleiben sie: über Monate, zu Hause und in der Schule, deutlich stärker als bei Gleichaltrigen. Betroffen ist die Steuerung von Aufmerksamkeit, Impulsen und Bewegungsdrang. Fachleute unterscheiden ein vorwiegend unaufmerksames Bild, ein vorwiegend hyperaktiv-impulsives und eine Mischform. Mädchen zeigen öfter das stille, verträumte Bild. Sie stören den Unterricht kaum und werden deshalb häufig spät abgeklärt. Der Entwurf der neuen Leitlinie nennt für Deutschland 4,4 Prozent der 3- bis 17-Jährigen, gestützt auf die KiGGS-Studie.
Erziehung verursacht ADHS nicht. Wie der Alltag organisiert ist, entscheidet mit darüber, wie viel Streit es gibt.
So zeigt es sich in welchem Alter
Kita-Alter. Das Kind rennt auf dem Parkplatz los, bevor ihr die Hand greifen könnt. Im Stuhlkreis hält es zwei Minuten durch. Spiele wechseln im Minutentakt, die Türme der anderen Kinder gehen dabei öfter zu Bruch. Viel Bewegung ist in diesem Alter normal, darum gehen Fachleute bei Vorschulkindern mit einer Diagnose vorsichtig um.
Grundschule. Das Federmäppchen bleibt in der Schule liegen, die Hausaufgabe steht nicht im Heft. Beim Abschreiben fehlen Wörter, die das Kind eigentlich kann. Die Antwort kommt, bevor die Frage fertig ist. In der Pause gibt es Ärger, weil es beim Fangen die Regeln nicht abwartet.
Ab der weiterführenden Schule. Der sichtbare Bewegungsdrang wird oft leiser und wandert nach innen: Herumrutschen, Wippen mit dem Fuß, das Handy ständig in der Hand. Ab Klasse 7 verlangt die Schule mehr Planung, und genau dort sacken bei vielen die Noten ab. Referate entstehen in der Nacht davor. Dazu kommen Zuspätkommen, verlorene Schlüssel und spontane Entscheidungen, die im Straßenverkehr oder mit Freunden gefährlich werden.
„Bei Lego kann er sich doch stundenlang konzentrieren“
Den Satz höre ich in der Klinik oft, von Großeltern, von Lehrkräften und manchmal von Eltern selbst. Er stimmt. ADHS heißt: Aufmerksamkeit lässt sich schlecht willentlich lenken. Was sofort belohnt, sich schnell verändert oder brennend interessiert, hält das Kind fest. Das Lego-Raumschiff, das Computerspiel, alles über Haie. Manchmal so fest, dass es euer Rufen zum Essen nicht hört. Fachleute nennen das Hyperfokus. Lernwörter, Zimmer aufräumen oder die Mathe-Textaufgabe rutschen dagegen weg, weil sie langweilig sind und von außen kommen.
Der lange Nachmittag am Bauset spricht also nicht gegen ADHS. Für die Diagnostik zählt, wie es bei den Aufgaben läuft, die sich das Kind nicht aussucht. Schreibt beides auf. Gerade der Unterschied hilft der Fachperson beim Einordnen.
Zwei Wochen mitschreiben, bevor ihr zum Kinderarzt geht
Im Termin habt ihr wenig Zeit, und das Kind sitzt dort oft brav auf dem Stuhl. Den Küchentisch um sieben Uhr abends sieht die Ärztin nicht. Eine Tabelle über zwei Wochen zeigt ihr, was ihr seht. Drei bis fünf Einträge am Tag reichen. Tragt auch die guten Momente ein, sonst entsteht ein schiefes Bild.
| Tag und Situation | Was passiert | Wie lange | Was hilft |
|---|---|---|---|
| Mo, Hausaufgaben Mathe | steht sechsmal auf, sucht den Radiergummi, weint am Ende | 70 Minuten für eine Seite | Küchenwecker auf 10 Minuten, dann kurz aufs Trampolin |
| Di, Anziehen vor der Schule | bleibt mit einer Socke am Fenster stehen, vergisst die Jacke | 25 Minuten | Bildkarten an der Tür, immer nur ein Auftrag |
| Mi, Fußballtraining | hört die Ansage nicht, drängelt in der Schlange | ganzes Training | Trainerin ruft den Namen, bevor sie etwas erklärt |
| Do, Lego allein | baut ruhig und genau, reagiert nicht auf Rufen | 90 Minuten | Hand auf die Schulter, kurz anschauen, dann ansagen |
| Fr, Abendessen | kippelt, steht viermal auf, unterbricht die Schwester | 20 Minuten | darf zwischendurch Wasser holen |
Dazu gehören in die Mappe:
- das gelbe Kinderuntersuchungsheft
- die letzten Zeugnisse mit den Sätzen zum Arbeits- und Sozialverhalten
- Mitteilungen aus dem Hausaufgabenheft und E-Mails der Schule
- eine kurze Einschätzung der Klassenlehrkraft. Eine Bitte reicht: „Könnten Sie mir aufschreiben, wie Sie mein Kind im Unterricht erleben?“
Weitere Vorlagen findet ihr im Beobachtungsbogen für Eltern.
Wer was übernimmt
- Kinderarztpraxis. Die erste Station. Sie prüft Hören, Sehen, Schlaf und körperliche Ursachen und schreibt die Überweisung.
- Kinder- und jugendpsychiatrische Praxis. Diagnostik, Blick auf Begleitprobleme wie Angst oder Lernstörungen und, wenn es so weit ist, die Entscheidung über Medikamente. Mehr zur Rolle von Kinder- und Jugendpsychiater:innen.
- Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ). Nur mit Überweisung. Sinnvoll, wenn Sprache, Motorik und Verhalten zusammen Fragen aufwerfen, vor allem bei jüngeren Kindern.
- Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Diagnostik und Verhaltenstherapie, immer mit Elternarbeit. Der Einstieg läuft über die psychotherapeutische Sprechstunde, Termine vermittelt auch die 116 117.
- Erziehungsberatungsstelle. Kostenfrei, ohne Diagnose, ohne Überweisung. Die richtige Adresse für die Abende, an denen jede Kleinigkeit eskaliert. So läuft Erziehungsberatung ab.
Was in der Diagnostik passiert
Eine ADHS-Diagnose setzt sich aus mehreren Quellen zusammen. Ein Aufmerksamkeitstest am Computer reicht dafür allein nicht. Ihr erzählt die Entwicklung seit der Geburt. Eltern und Lehrkräfte füllen Fragebögen aus. Die Fachperson spricht mit dem Kind und beobachtet es. Meist kommen Tests zu Intelligenz und Aufmerksamkeit dazu und eine körperliche Untersuchung. Ausgeschlossen wird, was ähnlich aussieht: eine Hörstörung, eine Lese-Rechtschreib-Störung, Ängste, chronisch zu wenig Schlaf, eine akute Belastung in der Familie. Die Auffälligkeiten müssen seit mindestens sechs Monaten bestehen und in mehr als einem Lebensbereich auftreten.
Fachliche Grundlage ist die S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ (AWMF 028-045) von 2018. Ihre Gültigkeit lief im Mai 2022 ab. Die überarbeitete Fassung (Version 2.0) war im Herbst 2026 in der öffentlichen Konsultation und ist noch nicht verabschiedet. Den Ablauf Schritt für Schritt beschreibt der Ratgeber ADHS-Diagnostik beim Kind.
Medikamente: wann sie Thema werden
Die Leitlinie von 2018 staffelt die Behandlung nach Schweregrad. Bei leichter ADHS stehen Aufklärung, Elterntraining, Absprachen mit der Schule und Verhaltenstherapie im Vordergrund. Bei mittelgradiger ADHS bekommt die Familie nach ausführlicher Aufklärung intensivere psychosoziale Hilfen, Medikamente oder beides angeboten. Bei schwerer ADHS steht die medikamentöse Behandlung vorn, begleitet von Aufklärung und Hilfen für Familie und Schule. Im Vorschulalter beginnt man mit Elterntraining und Beratung.
Entschieden wird gemeinsam mit Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Fragt nach, wenn euch etwas unklar ist, und lasst euch die Begründung erklären. Drei Fragen für das Gespräch:
- Woran merken wir in den ersten Wochen, ob es hilft?
- Worauf achten wir bei Appetit und Einschlafen?
- Wann ist der nächste Kontrolltermin, und wen erreichen wir vorher, wenn etwas nicht passt?
Wirkt ein Kind mit Medikament matt, traurig oder wie abgeschaltet, sprecht das sofort in der Praxis an. Dann wird die Behandlung überprüft.
Was Krankenkasse, Jugendamt und Schule tragen
Diagnostik und Behandlung in Kinderarztpraxis, SPZ, kinder- und jugendpsychiatrischer Praxis und bei Psychotherapeut:innen mit Kassensitz zahlt die gesetzliche Krankenversicherung. In der Kinderpsychotherapie gehören Termine mit euch als Eltern dazu, die sogenannten Bezugspersonenstunden. Die Erziehungsberatung kostet nichts.
Verliert ein Kind wegen der ADHS den Anschluss in der Klasse oder unter Gleichaltrigen, kann das Jugendamt Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII leisten, zum Beispiel eine Schulbegleitung. Dafür braucht es eine Stellungnahme aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder -psychotherapie. In vielen Bundesländern kann die Schule außerdem einen Nachteilsausgleich gewähren, etwa Klassenarbeiten in einem ruhigen Nebenraum. Selbst zahlt ihr, wenn ihr gesetzlich versichert seid und ohne genehmigte Kostenerstattung in eine reine Privatpraxis geht.
Die Wartezeit füllen
Auf einen Diagnostiktermin warten Familien oft Monate. Führt in dieser Zeit die Tabelle weiter, sie wird mit jeder Woche aussagekräftiger. Sprecht mit der Klassenlehrkraft über einen Platz vorn am Rand und über kurze Bewegungspausen, etwa das Austeilen von Heften. Fragt bei der Erziehungsberatungsstelle nach einer Elterngruppe zum Thema ADHS. Weitere Ideen stehen im Ratgeber Wartezeit überbrücken.
Quellen
- AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“, Registernummer 028-045, Stand 22.06.2018, gültig bis 01.05.2022, in Überarbeitung. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045
- DGPPN: Konsultationsfassung der S3-Leitlinie ADHS, Version 2.0, Langfassung (Entwurf, öffentliche Konsultation 2026, nicht verabschiedet). dgppn.de, PDF