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Selbstverletzung und Suizidgedanken

Wie Eltern Warnzeichen erkennen, das Gespräch suchen und im Ernstfall richtig handeln. Bei akuter Gefahr gilt zuerst der Notruf 112.

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Elternsprache

Mein Kind verletzt sich selbst oder sagt, dass es nicht mehr leben will.

Fachliche Orientierung: Querschnittssymptom, AWMF-S2k-Leitlinie 028-031. Diese Seite stellt keine Diagnose.

Fachliche Leitlinie

Diese Einordnung orientiert sich an der AWMF-S2k-Leitlinie „Suizidalität im Kindes- und Jugendalter“ (Register 028-031). Ihre Gültigkeit ist am 30.05.2021 abgelaufen. Eine überarbeitete Fassung ist bei der AWMF angemeldet, den aktuellen Stand findet ihr im Register.

Zwei Dinge, die getrennt gehören

Ein Pflaster am Unterarm im Juli. Blutflecken auf dem Handtuch. Die Klinge fehlt im Anspitzer. So entdecken viele Eltern, dass sich ihr Kind selbst verletzt. Der erste Gedanke ist oft: Will mein Kind sterben?

Fachlich gibt es dafür zwei getrennte Begriffe mit zwei eigenen Leitlinien. Nicht-suizidale Selbstverletzung (NSSV) heißt: Ein Jugendlicher ritzt, schneidet, verbrennt oder schlägt sich, ohne sterben zu wollen. Die Verletzung macht Druck, Leere oder Wut für einen Moment aushaltbar. Suizidalität meint Gedanken an den eigenen Tod bis hin zu Plänen und Versuchen. Beides kann bei demselben Kind vorkommen, auch gleichzeitig. Wer sich immer wieder verletzt, hat zudem ein höheres Suizidrisiko. Deshalb fragt ihr nach, auch wenn ihr glaubt, die Antwort zu kennen.

Im Notfall zuerst

Sofort 112 oder die Notaufnahme der nächsten Kinderklinik oder Kinder- und Jugendpsychiatrie, wenn

  • euer Kind von Suizidgedanken mit Plan spricht, etwas vorbereitet hat oder nicht zusagen kann, sich nichts anzutun,
  • eine Wunde tief ist oder stark blutet,
  • euer Kind Tabletten oder andere Stoffe geschluckt hat, auch wenn es ihm gerade gut zu gehen scheint,
  • die Lage zu Hause nicht mehr sicher ist.

Bei akuter Suizidgefahr geht Sicherheit vor. Lasst euer Kind nicht allein. Schließt Medikamente weg, räumt Klingen und Messer aus dem Zugriff und sichert Waffen und den Zugang zu Dach, Balkon oder anderen Höhen. Rund um die Uhr und kostenlos erreichbar ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Für junge Menschen gibt es die Nummer gegen Kummer unter 116 111 und krisenchat.de. Im Zweifel ruft ihr an. Alles Weitere auf der Seite Notfall und Krise und zum Ausdrucken auf der Notfallkarte.

Die ersten zehn Minuten, wenn ihr frische Wunden seht

  1. Durchatmen und erst die Wunde. Das Gespräch kann ein paar Minuten warten. Ein Kind, das versorgt wird, merkt, dass ihr nicht wegrennt.
  2. Versorgen. Hände waschen. Blutende Schnitte mit einer sauberen Kompresse oder einem frischen Tuch fest abdrücken. Oberflächliche Kratzer und Schnitte säubern und mit Pflaster oder sterilem Verband abdecken. Kleine Verbrennungen einige Minuten unter handwarmem Wasser kühlen, ohne Eis und ohne Hausmittel.
  3. Entscheiden, ob es zum Arzt geht. In eine Praxis oder Notaufnahme gehören Wunden, deren Ränder auseinanderklaffen, die tief sind oder trotz Druck weiterbluten, Verletzungen an Hand und Fingern mit Taubheit oder eingeschränkter Bewegung, großflächige Verbrennungen und Blasen. Auch Rötung, Schwellung, Eiter oder Fieber in den Tagen danach sind ein Grund für die Praxis. Nehmt den Impfpass mit, damit der Tetanusschutz geprüft werden kann. Tiefe oder stark blutende Wunden und geschluckte Tabletten sind ein Fall für die 112.
  4. Was ihr sagen könnt. „Ich hab die Wunde gesehen. Ich kümmere mich jetzt erst mal darum.“ „Ich bin nicht wütend auf dich. Ich will verstehen, was gerade so schwer ist.“ Und dann die direkte Frage: „Wolltest du dich dabei umbringen? Denkst du gerade daran?“
  5. Was ihr besser nicht sagt. „Warum tust du uns das an?“ „Versprich mir, dass das nie wieder passiert.“ „Das machst du doch nur für Aufmerksamkeit.“ Auch Drohungen mit Handyentzug oder Hausarrest helfen hier nicht weiter.
  6. Den nächsten Schritt festmachen. Sagt, wie es weitergeht, etwa einen Termin in der Kinderarztpraxis in den nächsten Tagen. Bei einem Ja auf die Suizidfrage gilt der Notfallweg oben.

NSSV oder Suizidalität: die Unterschiede auf einen Blick

Nicht-suizidale SelbstverletzungSuizidalität
AbsichtSterben ist nicht das ZielGedanken an den Tod, Wunsch nicht mehr zu leben, bis zu konkreten Plänen
FunktionDruck, Leere, Wut oder Taubheit für den Moment aushaltbar machen, manchmal sich selbst bestrafenAusweg aus einer Lage, die unerträglich und aussichtslos wirkt
Woran ihr es merktWiederholte, eher oberflächliche Verletzungen, oft versteckt, oft nach Streit, Kränkung oder ÜberforderungSätze über Tod und Abschied, verschenkte Dinge, Suche nach Methoden im Netz
Umgang mit GegenständenKein Durchsuchen von Zimmer und Tasche, keine täglichen Armkontrollen, Verbandszeug bereitlegenMittel sofort sichern: Medikamente, Klingen, Waffen, Zugang zu Höhen
Was jetzt zu tun istWunde versorgen, ruhig sprechen, in den nächsten Tagen fachliche Hilfe suchenNicht allein lassen, 112 oder Notaufnahme, noch am selben Tag

Seid ihr unsicher, in welche Spalte euer Kind gehört, handelt nach der rechten.

Warum Verbote bei NSSV wenig ausrichten

Für viele Jugendliche ist das Verletzen eine Notlösung, die im Moment tatsächlich wirkt. Wer nur verbietet, nimmt das einzige Ventil weg, das das Kind gerade kennt. Der Druck bleibt. Nach Durchsuchungen und Strafen wandert das Verletzen meist an Stellen, die ihr nicht seht, an Oberschenkel oder Bauch.

Eine Therapie arbeitet deshalb zuerst an anderen Wegen durch den Druck, zum Beispiel mit starken Sinnesreizen, Bewegung oder Ablenkung, die das Kind vorher geübt hat. Dazu kommt die Frage, woher der Druck kommt: Mobbing, eine Depression, Streit zu Hause, ein Erlebnis, über das niemand spricht. Das Aufhören kommt meist später als die neuen Wege. Rückfälle gehören dazu.

Für das Gespräch zu Hause trägt ein Satz besonders: „Ich sehe das, ich verurteile dich nicht und wir suchen zusammen Hilfe.“

Vom Kopfschlagen bis zum Ritzen: Unterschiede nach Alter

Bei Grundschulkindern sieht Selbstverletzung oft anders aus: Kopf gegen die Wand, sich beißen, Haut aufkratzen, meist mitten in Wut oder Überforderung. Hier ist die Kinderarztpraxis der erste Weg, bei Entwicklungsfragen auch ein Sozialpädiatrisches Zentrum. Im Jugendalter kommen Ritzen, Schneiden und Verbrennen dazu, meist heimlich. Lange Ärmel im Sommer, abgesagter Schwimmunterricht und abgeschlossene Badezimmertüren gehören zu den Hinweisen. Weitere Beobachtungen sammelt der Wegweiser Selbstverletzung.

Was ihr für das Erstgespräch vorbereitet

Schreibt auf, was ihr wisst, ohne euer Kind dafür auszufragen: seit wann, wie oft, an welchen Stellen, nach welchen Situationen. Notiert, ob euer Kind je über Tod oder Suizid gesprochen hat. Bringt Impfpass und eine Liste der Medikamente mit, die zu Hause liegen. Fragt bei der Schulsozialarbeit, ob dort etwas aufgefallen ist. Und überlegt mit eurem Kind, ob es einen Teil des Gesprächs allein führen möchte. Viele Jugendliche erzählen ohne Eltern im Raum mehr.

Wer zuständig ist und wofür

  • Notaufnahme oder Chirurgie: frische tiefe Wunden, Vergiftungen.
  • Kinderarztpraxis: Wunden ansehen, körperlich abklären, überweisen. Oft der leichteste erste Schritt.
  • Kinder- und jugendpsychiatrische Praxis: Diagnostik, Einschätzung der Suizidgefahr, Behandlung begleitender Erkrankungen.
  • Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie: bei wiederholter Selbstverletzung, Suizidgedanken oder wenn ambulante Termine nicht reichen. Adressen nach Bundesland im Verzeichnis der Klinikambulanzen.
  • Psychotherapeutische Sprechstunde über die Terminservicestelle 116 117: Klärung, ob eine Psychotherapie passt.
  • Erziehungsberatungsstelle: Entlastung und Beratung für euch, kostenlos und ohne Überweisung.

Bis auf die Erziehungsberatung, die ohnehin kostenlos ist, rechnen alle Stellen in dieser Liste bei gesetzlich Versicherten mit der Krankenkasse ab. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz kann lang sein. Bei Suizidgedanken wartet ihr nicht, dann gilt der Notfallweg. Für die Zeit dazwischen helfen der Therapieplatz-Helfer und die Tipps zum Überbrücken der Wartezeit.

Was die Leitlinien sagen und wie alt sie sind

Beide deutschen Leitlinien stammen von 2016 und sind abgelaufen. Die S2k-Leitlinie zu NSSV im Kindes- und Jugendalter (AWMF 028-029) galt bis Februar 2020, die Überarbeitung ist noch im Anmeldeverfahren. Die S2k-Leitlinie zu Suizidalität im Kindes- und Jugendalter (028-031) galt bis Mai 2021 und wird überarbeitet. Zusätzlich ist eine fächerübergreifende S3-Leitlinie „Umgang mit Suizidalität“ (038-028) angemeldet. Sie ist bisher nicht erschienen. Die aktuelle S3-Leitlinie zu Depression bei Kindern und Jugendlichen (028-043, gültig bis 2030) verweist für akute Suizidalität auf 028-031 und sieht bei fehlender Absprachefähigkeit schützende Maßnahmen bis zur stationären Aufnahme vor.

Behandelt wird psychotherapeutisch. Häufig steckt eine weitere Erkrankung dahinter, etwa eine Depression, die eigene Behandlung braucht.

Wenn ihr selbst erschreckt

Angst, Hilflosigkeit, manchmal Wut: Das ist die normale Reaktion von Eltern auf Blut am eigenen Kind. Euer Kind hat die Verletzungen wahrscheinlich aus Scham so lange versteckt. Eure erste Reaktion prägt, ob es beim nächsten Mal von selbst kommt. Holt euch eigene Entlastung, bei einer Beratungsstelle oder beim Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Während Fachleute behandeln, bleibt ihr ansprechbar, auch nach einem Rückfall.

Quellen

  • AWMF-Leitlinie 028-029 (S2k): Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Kindes- und Jugendalter. DGKJP, Stand 12.04.2016, Gültigkeit am 19.02.2020 abgelaufen, Überarbeitung im Anmeldeverfahren. Registereintrag
  • AWMF-Leitlinie 028-031 (S2k): Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. DGKJP, Stand 21.07.2016, Gültigkeit am 30.05.2021 abgelaufen, wird überarbeitet. Registereintrag
  • AWMF-Leitlinie 038-028 (S3, angemeldet): Umgang mit Suizidalität. DGPPN, DGKJP, DEGAM, angemeldet am 20.12.2021, noch nicht veröffentlicht. Registereintrag
  • AWMF-Leitlinie 028-043 (S3): Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. DGKJP, Stand 10.03.2026, gültig bis 01.12.2030. Registereintrag
  • Becker M, Correll CU: Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 2020; 117: 261-267. Artikel

Häufige Eltern-Fragen

Wann ist Selbstverletzung ein Notfall?

Bei Suizidgedanken oder konkreten Plänen, bei tiefen oder stark blutenden Wunden und immer dann, wenn ihr die Lage nicht mehr sicher einschätzen könnt. Dann ruft 112 oder fahrt in die nächste Kinderklinik oder Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bei Suizidgefahr bleibt bei eurem Kind und nehmt Medikamente, Klingen und andere gefährliche Mittel aus seiner Reichweite. Rund um die Uhr erreichbar sind die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 und krisenchat.de für junge Menschen unter 25. Die Nummer gegen Kummer 116 111 ist montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr besetzt.

Will mein Kind mit der Selbstverletzung Aufmerksamkeit?

Fast nie. Die meisten Jugendlichen verletzen sich heimlich und schämen sich dafür. Sie tun es, um unerträgliche Anspannung, innere Leere oder Gefühle zu dämpfen, für die ihnen gerade die Worte fehlen. Wer es als Theater abtut, macht es dem Kind schwerer, sich Hilfe zu holen.

Wie spreche ich mein Kind auf Selbstverletzung an?

Ruhig, ohne Vorwurf und ohne Panik. Sagt, was euch aufgefallen ist, und hört dann vor allem zu. Für den Anfang reicht oft ein Satz wie „Ich habe die Schnitte gesehen. Ich mache mir Sorgen um dich und will mit dir zusammen Hilfe suchen.“ Bei Selbstverletzung ohne Suizidgedanken verschärfen Strafen, das Durchsuchen des Zimmers oder ständige Kontrolle die Lage meist. Bei Suizidgedanken gilt etwas anderes: Dann sichert ihr gefährliche Gegenstände und Medikamente.

Wer behandelt selbstverletzendes Verhalten bei Jugendlichen?

Psychotherapeut:innen für Kinder und Jugendliche und die Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Praxen oder Klinikambulanzen. Einen Termin in einer psychotherapeutischen Sprechstunde vermittelt auch die 116 117. Die Kinderarztpraxis versorgt Wunden und kann überweisen. Die deutsche S2k-Leitlinie zu nicht-suizidalem selbstverletzendem Verhalten stammt von 2016, ist abgelaufen und wird überarbeitet.

Selbstverletzung und Suizidgedanken: Therapeut:innen vor Ort finden

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Bei schwerem Verlauf

Wenn eine Praxis nicht ausreicht

Bei schwerem, komplexem oder akutem Verlauf ist die Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie die richtige Stelle, mit einem multiprofessionellen Team. Im Verzeichnis der Klinikambulanzen findet ihr die Häuser nach Bundesland. Bei akuter Gefahr zählt zuerst der Notfallweg.

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