Zwei Dinge, die getrennt gehören
Ein Pflaster am Unterarm im Juli. Blutflecken auf dem Handtuch. Die Klinge fehlt im Anspitzer. So entdecken viele Eltern, dass sich ihr Kind selbst verletzt. Der erste Gedanke ist oft: Will mein Kind sterben?
Fachlich gibt es dafür zwei getrennte Begriffe mit zwei eigenen Leitlinien. Nicht-suizidale Selbstverletzung (NSSV) heißt: Ein Jugendlicher ritzt, schneidet, verbrennt oder schlägt sich, ohne sterben zu wollen. Die Verletzung macht Druck, Leere oder Wut für einen Moment aushaltbar. Suizidalität meint Gedanken an den eigenen Tod bis hin zu Plänen und Versuchen. Beides kann bei demselben Kind vorkommen, auch gleichzeitig. Wer sich immer wieder verletzt, hat zudem ein höheres Suizidrisiko. Deshalb fragt ihr nach, auch wenn ihr glaubt, die Antwort zu kennen.
Im Notfall zuerst
Sofort 112 oder die Notaufnahme der nächsten Kinderklinik oder Kinder- und Jugendpsychiatrie, wenn
- euer Kind von Suizidgedanken mit Plan spricht, etwas vorbereitet hat oder nicht zusagen kann, sich nichts anzutun,
- eine Wunde tief ist oder stark blutet,
- euer Kind Tabletten oder andere Stoffe geschluckt hat, auch wenn es ihm gerade gut zu gehen scheint,
- die Lage zu Hause nicht mehr sicher ist.
Bei akuter Suizidgefahr geht Sicherheit vor. Lasst euer Kind nicht allein. Schließt Medikamente weg, räumt Klingen und Messer aus dem Zugriff und sichert Waffen und den Zugang zu Dach, Balkon oder anderen Höhen. Rund um die Uhr und kostenlos erreichbar ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Für junge Menschen gibt es die Nummer gegen Kummer unter 116 111 und krisenchat.de. Im Zweifel ruft ihr an. Alles Weitere auf der Seite Notfall und Krise und zum Ausdrucken auf der Notfallkarte.
Die ersten zehn Minuten, wenn ihr frische Wunden seht
- Durchatmen und erst die Wunde. Das Gespräch kann ein paar Minuten warten. Ein Kind, das versorgt wird, merkt, dass ihr nicht wegrennt.
- Versorgen. Hände waschen. Blutende Schnitte mit einer sauberen Kompresse oder einem frischen Tuch fest abdrücken. Oberflächliche Kratzer und Schnitte säubern und mit Pflaster oder sterilem Verband abdecken. Kleine Verbrennungen einige Minuten unter handwarmem Wasser kühlen, ohne Eis und ohne Hausmittel.
- Entscheiden, ob es zum Arzt geht. In eine Praxis oder Notaufnahme gehören Wunden, deren Ränder auseinanderklaffen, die tief sind oder trotz Druck weiterbluten, Verletzungen an Hand und Fingern mit Taubheit oder eingeschränkter Bewegung, großflächige Verbrennungen und Blasen. Auch Rötung, Schwellung, Eiter oder Fieber in den Tagen danach sind ein Grund für die Praxis. Nehmt den Impfpass mit, damit der Tetanusschutz geprüft werden kann. Tiefe oder stark blutende Wunden und geschluckte Tabletten sind ein Fall für die 112.
- Was ihr sagen könnt. „Ich hab die Wunde gesehen. Ich kümmere mich jetzt erst mal darum.“ „Ich bin nicht wütend auf dich. Ich will verstehen, was gerade so schwer ist.“ Und dann die direkte Frage: „Wolltest du dich dabei umbringen? Denkst du gerade daran?“
- Was ihr besser nicht sagt. „Warum tust du uns das an?“ „Versprich mir, dass das nie wieder passiert.“ „Das machst du doch nur für Aufmerksamkeit.“ Auch Drohungen mit Handyentzug oder Hausarrest helfen hier nicht weiter.
- Den nächsten Schritt festmachen. Sagt, wie es weitergeht, etwa einen Termin in der Kinderarztpraxis in den nächsten Tagen. Bei einem Ja auf die Suizidfrage gilt der Notfallweg oben.
NSSV oder Suizidalität: die Unterschiede auf einen Blick
| Nicht-suizidale Selbstverletzung | Suizidalität | |
|---|---|---|
| Absicht | Sterben ist nicht das Ziel | Gedanken an den Tod, Wunsch nicht mehr zu leben, bis zu konkreten Plänen |
| Funktion | Druck, Leere, Wut oder Taubheit für den Moment aushaltbar machen, manchmal sich selbst bestrafen | Ausweg aus einer Lage, die unerträglich und aussichtslos wirkt |
| Woran ihr es merkt | Wiederholte, eher oberflächliche Verletzungen, oft versteckt, oft nach Streit, Kränkung oder Überforderung | Sätze über Tod und Abschied, verschenkte Dinge, Suche nach Methoden im Netz |
| Umgang mit Gegenständen | Kein Durchsuchen von Zimmer und Tasche, keine täglichen Armkontrollen, Verbandszeug bereitlegen | Mittel sofort sichern: Medikamente, Klingen, Waffen, Zugang zu Höhen |
| Was jetzt zu tun ist | Wunde versorgen, ruhig sprechen, in den nächsten Tagen fachliche Hilfe suchen | Nicht allein lassen, 112 oder Notaufnahme, noch am selben Tag |
Seid ihr unsicher, in welche Spalte euer Kind gehört, handelt nach der rechten.
Warum Verbote bei NSSV wenig ausrichten
Für viele Jugendliche ist das Verletzen eine Notlösung, die im Moment tatsächlich wirkt. Wer nur verbietet, nimmt das einzige Ventil weg, das das Kind gerade kennt. Der Druck bleibt. Nach Durchsuchungen und Strafen wandert das Verletzen meist an Stellen, die ihr nicht seht, an Oberschenkel oder Bauch.
Eine Therapie arbeitet deshalb zuerst an anderen Wegen durch den Druck, zum Beispiel mit starken Sinnesreizen, Bewegung oder Ablenkung, die das Kind vorher geübt hat. Dazu kommt die Frage, woher der Druck kommt: Mobbing, eine Depression, Streit zu Hause, ein Erlebnis, über das niemand spricht. Das Aufhören kommt meist später als die neuen Wege. Rückfälle gehören dazu.
Für das Gespräch zu Hause trägt ein Satz besonders: „Ich sehe das, ich verurteile dich nicht und wir suchen zusammen Hilfe.“
Vom Kopfschlagen bis zum Ritzen: Unterschiede nach Alter
Bei Grundschulkindern sieht Selbstverletzung oft anders aus: Kopf gegen die Wand, sich beißen, Haut aufkratzen, meist mitten in Wut oder Überforderung. Hier ist die Kinderarztpraxis der erste Weg, bei Entwicklungsfragen auch ein Sozialpädiatrisches Zentrum. Im Jugendalter kommen Ritzen, Schneiden und Verbrennen dazu, meist heimlich. Lange Ärmel im Sommer, abgesagter Schwimmunterricht und abgeschlossene Badezimmertüren gehören zu den Hinweisen. Weitere Beobachtungen sammelt der Wegweiser Selbstverletzung.
Was ihr für das Erstgespräch vorbereitet
Schreibt auf, was ihr wisst, ohne euer Kind dafür auszufragen: seit wann, wie oft, an welchen Stellen, nach welchen Situationen. Notiert, ob euer Kind je über Tod oder Suizid gesprochen hat. Bringt Impfpass und eine Liste der Medikamente mit, die zu Hause liegen. Fragt bei der Schulsozialarbeit, ob dort etwas aufgefallen ist. Und überlegt mit eurem Kind, ob es einen Teil des Gesprächs allein führen möchte. Viele Jugendliche erzählen ohne Eltern im Raum mehr.
Wer zuständig ist und wofür
- Notaufnahme oder Chirurgie: frische tiefe Wunden, Vergiftungen.
- Kinderarztpraxis: Wunden ansehen, körperlich abklären, überweisen. Oft der leichteste erste Schritt.
- Kinder- und jugendpsychiatrische Praxis: Diagnostik, Einschätzung der Suizidgefahr, Behandlung begleitender Erkrankungen.
- Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie: bei wiederholter Selbstverletzung, Suizidgedanken oder wenn ambulante Termine nicht reichen. Adressen nach Bundesland im Verzeichnis der Klinikambulanzen.
- Psychotherapeutische Sprechstunde über die Terminservicestelle 116 117: Klärung, ob eine Psychotherapie passt.
- Erziehungsberatungsstelle: Entlastung und Beratung für euch, kostenlos und ohne Überweisung.
Bis auf die Erziehungsberatung, die ohnehin kostenlos ist, rechnen alle Stellen in dieser Liste bei gesetzlich Versicherten mit der Krankenkasse ab. Die Wartezeit auf einen Therapieplatz kann lang sein. Bei Suizidgedanken wartet ihr nicht, dann gilt der Notfallweg. Für die Zeit dazwischen helfen der Therapieplatz-Helfer und die Tipps zum Überbrücken der Wartezeit.
Was die Leitlinien sagen und wie alt sie sind
Beide deutschen Leitlinien stammen von 2016 und sind abgelaufen. Die S2k-Leitlinie zu NSSV im Kindes- und Jugendalter (AWMF 028-029) galt bis Februar 2020, die Überarbeitung ist noch im Anmeldeverfahren. Die S2k-Leitlinie zu Suizidalität im Kindes- und Jugendalter (028-031) galt bis Mai 2021 und wird überarbeitet. Zusätzlich ist eine fächerübergreifende S3-Leitlinie „Umgang mit Suizidalität“ (038-028) angemeldet. Sie ist bisher nicht erschienen. Die aktuelle S3-Leitlinie zu Depression bei Kindern und Jugendlichen (028-043, gültig bis 2030) verweist für akute Suizidalität auf 028-031 und sieht bei fehlender Absprachefähigkeit schützende Maßnahmen bis zur stationären Aufnahme vor.
Behandelt wird psychotherapeutisch. Häufig steckt eine weitere Erkrankung dahinter, etwa eine Depression, die eigene Behandlung braucht.
Wenn ihr selbst erschreckt
Angst, Hilflosigkeit, manchmal Wut: Das ist die normale Reaktion von Eltern auf Blut am eigenen Kind. Euer Kind hat die Verletzungen wahrscheinlich aus Scham so lange versteckt. Eure erste Reaktion prägt, ob es beim nächsten Mal von selbst kommt. Holt euch eigene Entlastung, bei einer Beratungsstelle oder beim Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Während Fachleute behandeln, bleibt ihr ansprechbar, auch nach einem Rückfall.
Quellen
- AWMF-Leitlinie 028-029 (S2k): Nicht-suizidales selbstverletzendes Verhalten (NSSV) im Kindes- und Jugendalter. DGKJP, Stand 12.04.2016, Gültigkeit am 19.02.2020 abgelaufen, Überarbeitung im Anmeldeverfahren. Registereintrag
- AWMF-Leitlinie 028-031 (S2k): Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. DGKJP, Stand 21.07.2016, Gültigkeit am 30.05.2021 abgelaufen, wird überarbeitet. Registereintrag
- AWMF-Leitlinie 038-028 (S3, angemeldet): Umgang mit Suizidalität. DGPPN, DGKJP, DEGAM, angemeldet am 20.12.2021, noch nicht veröffentlicht. Registereintrag
- AWMF-Leitlinie 028-043 (S3): Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. DGKJP, Stand 10.03.2026, gültig bis 01.12.2030. Registereintrag
- Becker M, Correll CU: Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 2020; 117: 261-267. Artikel