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Bipolare Störung im Kindes- und Jugendalter

Echte bipolare Störungen sind bei Kindern selten und werden leicht mit anderem verwechselt. Wann genaues Hinschauen wichtig ist und wer das einordnen kann.

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Elternsprache

Die Stimmung meines Kindes schwankt extrem zwischen Hochphasen und tiefen Tiefs.

Fachliche Orientierung: ICD-10 F31, ICD-11 6A60. Diese Seite stellt keine Diagnose.

Eine Woche mit drei Stunden Schlaf

Ein Jugendlicher schläft seit Tagen kaum und ist trotzdem hellwach. Er redet ohne Pause, plant ein eigenes Label, bestellt nachts Equipment und hält Widerspruch kaum aus. Zwei Wochen vorher lag er antriebslos im Bett. So kann der Anfang einer bipolaren Störung aussehen: abgegrenzte Phasen mit gehobener oder gereizter Stimmung (Manie, in leichter Form Hypomanie), im Wechsel mit depressiven Phasen.

Vor der Pubertät ist eine bipolare Störung selten. Die meisten Kinder mit starken Stimmungsschwankungen haben etwas anderes. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick, bevor das Wort „bipolar“ fällt.

Woran sich eine Manie von Launen unterscheidet

Den Unterschied macht der Verlauf. Eine manische oder hypomane Phase hebt sich deutlich vom sonstigen Wesen des Kindes ab und hält Tage bis Wochen an. Danach ist das Kind oft wieder so wie vorher, bis die nächste Phase kommt. Typisch sind:

  • deutlich weniger Schlafbedürfnis, ohne am nächsten Tag müde zu sein,
  • Rededrang und Gedanken, die springen,
  • Größenideen, etwa die feste Überzeugung, bald berühmt zu werden,
  • riskantes Verhalten mit Geld, im Straßenverkehr, bei Sexualität oder Drogen,
  • dazwischen depressive Phasen mit Rückzug und Freudlosigkeit.

Im Grundschulalter steckt hinter täglicher Reizbarkeit und Wutausbrüchen meist etwas anderes. Im Jugendalter zeigen sich erste Episoden häufiger. Einen guten Hinweis zur Abgrenzung gibt dann der Schlaf: Ein Teenager, der lange wach bleibt, ist morgens müde. In einer Manie fehlt diese Müdigkeit.

Was oft dahintersteckt, wenn es nicht bipolar ist

BildVerlaufSchlafWas typisch ist
ADHSSeit der frühen Kindheit, durchgehend, in Schule und FamilieEinschlafen oft schwer, danach müdeUnruhe, Ablenkbarkeit, Impulsivität ohne gehobene Stimmung
Störung des Sozialverhaltens oder oppositionelles VerhaltenDauerhaft, oft an Regeln und bestimmte Personen gebundenMeist unauffälligStreit, Regelbrüche, Wut gegen Grenzen
Reizbarkeit bei einer DepressionPhase über Wochen, gedrückte GrundstimmungGestört oder vermehrt, tagsüber erschöpftGereizt, freudlos, Rückzug
Disruptive Affektregulationsstörung (DSM-5)Über lange Zeit fast täglich gereizt, keine abgegrenzten PhasenMeist unauffälligHäufige heftige Wutausbrüche, dazwischen anhaltend schlechte Laune
Bipolare StörungAbgegrenzte Episoden, dazwischen oft wie früherKaum Schlafbedürfnis, trotzdem voller EnergieGehobene oder gereizte Stimmung, Größenideen, Rededrang, Risiko

Die disruptive Affektregulationsstörung steht im amerikanischen Diagnosesystem DSM-5 bei den depressiven Störungen. Sie wurde unter anderem eingeführt, weil in den USA zuvor viele dauerhaft gereizte Kinder als bipolar eingestuft wurden. Die ICD-11 der WHO kennt diese Diagnose nicht. Dort wird chronische Reizbarkeit als Form der Störung mit oppositionellem Trotzverhalten beschrieben. Für euch heißt das: Dauerhafte Gereiztheit ohne klare Phasen spricht eher gegen eine bipolare Störung. Eine Abklärung braucht sie trotzdem.

Das Stimmungstagebuch

Ein einzelner Arzttermin zeigt einen Moment. Phasen sieht man erst über Wochen. Führt deshalb vier bis acht Wochen lang jeden Abend eine Zeile. Wenn euer Kind mitmacht, füllt es eine eigene Spalte aus.

DatumSchlafstundenStimmung von −3 bis +3EnergieAuffälliges
Mo80normalSchule, Training, nichts Besonderes
Di5+1hochBis spät Musik gemacht, morgens trotzdem fit
Mi3+2sehr hochRedet ohne Pause, hat online Geld ausgegeben, wird wütend bei Nein
Do9−1niedrigMüde, will nicht reden, Training abgesagt

So lest ihr die Skala: −3 heißt sehr gedrückt, 0 heißt wie sonst, +3 heißt extrem aufgedreht oder gereizt-überdreht. Notiert unter „Auffälliges“ auch Streit, Prüfungen, Medikamente, Alkohol, Cannabis und Energydrinks. Mehrere Tage hintereinander mit wenig Schlaf und hoher Energie zeigt ihr zeitnah in der Praxis. Für andere Beobachtungen gibt es den Beobachtungsbogen.

Was ihr vor der Abklärung notiert

Bringt das Tagebuch mit, dazu Zeugnisse und Rückmeldungen der Schule. Fragt in der Familie nach: Gab es bei Eltern, Großeltern oder Geschwistern Depressionen, manische Phasen oder Klinikaufenthalte wegen der Stimmung? Das fließt in die Diagnostik ein. Schreibt auch alle Medikamente auf, die euer Kind nimmt oder in letzter Zeit genommen hat.

Wer eine bipolare Störung abklären kann

Die Diagnose gehört in die Hände von Kinder- und Jugendpsychiater:innen, in einer Praxis oder in der Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Oft braucht es mehrere Termine und einen Blick auf den Verlauf. Die Kinderarztpraxis klärt vorher körperliche Ursachen ab und überweist. Medikamente zur Stabilisierung der Stimmung verordnet und begleitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit regelmäßigen Kontrollen. Psychotherapie kommt ergänzend dazu: Aufklärung der ganzen Familie über Frühwarnzeichen, ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus, ein Plan für die nächste Phase. Fällt in einer Phase viel Unterricht aus, kann ein Nachteilsausgleich in der Schule in Frage kommen. Geschwister bekommen in solchen Wochen oft wenig ab. Die Erziehungsberatungsstelle ist auch für sie und für euch da, kostenlos und ohne Überweisung.

Sofort 112 oder Notaufnahme heißt es, wenn euer Kind Dinge hört oder glaubt, die nicht real sind, sich oder andere in Gefahr bringt, tagelang gar nicht schläft oder von Suizidgedanken spricht. Alles Weitere unter Notfall und Krise.

Die Leitlinie und ihre Grenzen

Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen“ (AWMF 038-019) kommt aus der Erwachsenenpsychiatrie, federführend ist die DGPPN. Sie hat den Stand von 2019, ihre Gültigkeit ist im Februar 2024 abgelaufen. Eine Neufassung („BipolarLiving“) ist angemeldet und war für September 2026 geplant, erschienen ist sie noch nicht. Eine eigene Leitlinie für Kinder und Jugendliche gibt es im AWMF-Register nicht. Fragt in der Praxis nach, worauf sich die Empfehlung für euer Kind stützt.

Die Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und die begleitende Psychotherapie sind Kassenleistung. Wer privat versichert ist, klärt die Erstattung über den Tarif. Führt das Tagebuch bis zum Termin weiter, auch an unauffälligen Tagen. Wie ihr die Wartezeit sonst füllt, steht im Ratgeber Wartezeit überbrücken.

Quellen

  • AWMF-Leitlinie 038-019 (S3): Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. DGPPN, Stand 23.05.2019, Gültigkeit am 28.02.2024 abgelaufen, Überarbeitung („BipolarLiving“) angemeldet am 06.05.2025, noch nicht veröffentlicht. Leitlinie der Erwachsenenpsychiatrie. Registereintrag
  • AWMF-Leitlinie 028-043 (S3): Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. DGKJP, Stand 10.03.2026, gültig bis 01.12.2030. Registereintrag

Häufige Eltern-Fragen

Sind starke Stimmungsschwankungen bei Jugendlichen schon bipolar?

Meistens nicht. Stimmungsschwankungen gehören zur Pubertät, oft mehrmals am Tag. Eine bipolare Störung ist bei Kindern selten. Sie zeigt sich in abgegrenzten Phasen über Tage bis Wochen: ungewöhnlich gehobene oder gereizte Stimmung, kaum Schlafbedürfnis ohne Müdigkeit, viele Pläne auf einmal, riskantes Verhalten. Dazwischen liegen oft depressive Phasen.

Womit wird eine bipolare Störung bei Jugendlichen verwechselt?

Mit ADHS, Depression, Belastungsreaktionen, den Folgen von Drogen oder Störungen des Sozialverhaltens. Ein Merkmal hilft bei der Einordnung: Die Unruhe bei ADHS ist dauerhaft da, eine Manie kommt in Phasen. Deshalb fragen Fachleute genau nach dem Verlauf und nach Verwandten mit ähnlichen Phasen.

Wer stellt die Diagnose einer bipolaren Störung?

Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, oft über mehrere Termine und mit Hilfe eines Stimmungstagebuchs. Wirkt euer Kind in einer Phase getrieben, schläft kaum noch oder bringt sich durch riskantes Verhalten in Gefahr, gehört es zeitnah in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, nachts in die Notaufnahme. Die deutsche S3-Leitlinie zu bipolaren Störungen kommt aus der Erwachsenenpsychiatrie, ist abgelaufen und wird überarbeitet.

Ein Elternteil hat eine bipolare Störung. Ist unser Kind gefährdet?

Das Risiko ist erhöht, weil die Veranlagung in Familien weitergegeben wird. Die meisten Kinder betroffener Eltern erkranken trotzdem nicht. Sagt allen, die euer Kind behandeln, von der Erkrankung in der Familie; das beeinflusst die Diagnostik und die Wahl von Medikamenten.

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Bei schwerem Verlauf

Wenn eine Praxis nicht ausreicht

Bei schwerem, komplexem oder akutem Verlauf ist die Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie die richtige Stelle, mit einem multiprofessionellen Team. Im Verzeichnis der Klinikambulanzen findet ihr die Häuser nach Bundesland. Bei akuter Gefahr zählt zuerst der Notfallweg.

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