Eine Woche mit drei Stunden Schlaf
Ein Jugendlicher schläft seit Tagen kaum und ist trotzdem hellwach. Er redet ohne Pause, plant ein eigenes Label, bestellt nachts Equipment und hält Widerspruch kaum aus. Zwei Wochen vorher lag er antriebslos im Bett. So kann der Anfang einer bipolaren Störung aussehen: abgegrenzte Phasen mit gehobener oder gereizter Stimmung (Manie, in leichter Form Hypomanie), im Wechsel mit depressiven Phasen.
Vor der Pubertät ist eine bipolare Störung selten. Die meisten Kinder mit starken Stimmungsschwankungen haben etwas anderes. Deshalb lohnt sich ein genauer Blick, bevor das Wort „bipolar“ fällt.
Woran sich eine Manie von Launen unterscheidet
Den Unterschied macht der Verlauf. Eine manische oder hypomane Phase hebt sich deutlich vom sonstigen Wesen des Kindes ab und hält Tage bis Wochen an. Danach ist das Kind oft wieder so wie vorher, bis die nächste Phase kommt. Typisch sind:
- deutlich weniger Schlafbedürfnis, ohne am nächsten Tag müde zu sein,
- Rededrang und Gedanken, die springen,
- Größenideen, etwa die feste Überzeugung, bald berühmt zu werden,
- riskantes Verhalten mit Geld, im Straßenverkehr, bei Sexualität oder Drogen,
- dazwischen depressive Phasen mit Rückzug und Freudlosigkeit.
Im Grundschulalter steckt hinter täglicher Reizbarkeit und Wutausbrüchen meist etwas anderes. Im Jugendalter zeigen sich erste Episoden häufiger. Einen guten Hinweis zur Abgrenzung gibt dann der Schlaf: Ein Teenager, der lange wach bleibt, ist morgens müde. In einer Manie fehlt diese Müdigkeit.
Was oft dahintersteckt, wenn es nicht bipolar ist
| Bild | Verlauf | Schlaf | Was typisch ist |
|---|---|---|---|
| ADHS | Seit der frühen Kindheit, durchgehend, in Schule und Familie | Einschlafen oft schwer, danach müde | Unruhe, Ablenkbarkeit, Impulsivität ohne gehobene Stimmung |
| Störung des Sozialverhaltens oder oppositionelles Verhalten | Dauerhaft, oft an Regeln und bestimmte Personen gebunden | Meist unauffällig | Streit, Regelbrüche, Wut gegen Grenzen |
| Reizbarkeit bei einer Depression | Phase über Wochen, gedrückte Grundstimmung | Gestört oder vermehrt, tagsüber erschöpft | Gereizt, freudlos, Rückzug |
| Disruptive Affektregulationsstörung (DSM-5) | Über lange Zeit fast täglich gereizt, keine abgegrenzten Phasen | Meist unauffällig | Häufige heftige Wutausbrüche, dazwischen anhaltend schlechte Laune |
| Bipolare Störung | Abgegrenzte Episoden, dazwischen oft wie früher | Kaum Schlafbedürfnis, trotzdem voller Energie | Gehobene oder gereizte Stimmung, Größenideen, Rededrang, Risiko |
Die disruptive Affektregulationsstörung steht im amerikanischen Diagnosesystem DSM-5 bei den depressiven Störungen. Sie wurde unter anderem eingeführt, weil in den USA zuvor viele dauerhaft gereizte Kinder als bipolar eingestuft wurden. Die ICD-11 der WHO kennt diese Diagnose nicht. Dort wird chronische Reizbarkeit als Form der Störung mit oppositionellem Trotzverhalten beschrieben. Für euch heißt das: Dauerhafte Gereiztheit ohne klare Phasen spricht eher gegen eine bipolare Störung. Eine Abklärung braucht sie trotzdem.
Das Stimmungstagebuch
Ein einzelner Arzttermin zeigt einen Moment. Phasen sieht man erst über Wochen. Führt deshalb vier bis acht Wochen lang jeden Abend eine Zeile. Wenn euer Kind mitmacht, füllt es eine eigene Spalte aus.
| Datum | Schlafstunden | Stimmung von −3 bis +3 | Energie | Auffälliges |
|---|---|---|---|---|
| Mo | 8 | 0 | normal | Schule, Training, nichts Besonderes |
| Di | 5 | +1 | hoch | Bis spät Musik gemacht, morgens trotzdem fit |
| Mi | 3 | +2 | sehr hoch | Redet ohne Pause, hat online Geld ausgegeben, wird wütend bei Nein |
| Do | 9 | −1 | niedrig | Müde, will nicht reden, Training abgesagt |
So lest ihr die Skala: −3 heißt sehr gedrückt, 0 heißt wie sonst, +3 heißt extrem aufgedreht oder gereizt-überdreht. Notiert unter „Auffälliges“ auch Streit, Prüfungen, Medikamente, Alkohol, Cannabis und Energydrinks. Mehrere Tage hintereinander mit wenig Schlaf und hoher Energie zeigt ihr zeitnah in der Praxis. Für andere Beobachtungen gibt es den Beobachtungsbogen.
Was ihr vor der Abklärung notiert
Bringt das Tagebuch mit, dazu Zeugnisse und Rückmeldungen der Schule. Fragt in der Familie nach: Gab es bei Eltern, Großeltern oder Geschwistern Depressionen, manische Phasen oder Klinikaufenthalte wegen der Stimmung? Das fließt in die Diagnostik ein. Schreibt auch alle Medikamente auf, die euer Kind nimmt oder in letzter Zeit genommen hat.
Wer eine bipolare Störung abklären kann
Die Diagnose gehört in die Hände von Kinder- und Jugendpsychiater:innen, in einer Praxis oder in der Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Oft braucht es mehrere Termine und einen Blick auf den Verlauf. Die Kinderarztpraxis klärt vorher körperliche Ursachen ab und überweist. Medikamente zur Stabilisierung der Stimmung verordnet und begleitet die Kinder- und Jugendpsychiatrie, mit regelmäßigen Kontrollen. Psychotherapie kommt ergänzend dazu: Aufklärung der ganzen Familie über Frühwarnzeichen, ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus, ein Plan für die nächste Phase. Fällt in einer Phase viel Unterricht aus, kann ein Nachteilsausgleich in der Schule in Frage kommen. Geschwister bekommen in solchen Wochen oft wenig ab. Die Erziehungsberatungsstelle ist auch für sie und für euch da, kostenlos und ohne Überweisung.
Sofort 112 oder Notaufnahme heißt es, wenn euer Kind Dinge hört oder glaubt, die nicht real sind, sich oder andere in Gefahr bringt, tagelang gar nicht schläft oder von Suizidgedanken spricht. Alles Weitere unter Notfall und Krise.
Die Leitlinie und ihre Grenzen
Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen“ (AWMF 038-019) kommt aus der Erwachsenenpsychiatrie, federführend ist die DGPPN. Sie hat den Stand von 2019, ihre Gültigkeit ist im Februar 2024 abgelaufen. Eine Neufassung („BipolarLiving“) ist angemeldet und war für September 2026 geplant, erschienen ist sie noch nicht. Eine eigene Leitlinie für Kinder und Jugendliche gibt es im AWMF-Register nicht. Fragt in der Praxis nach, worauf sich die Empfehlung für euer Kind stützt.
Die Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und die begleitende Psychotherapie sind Kassenleistung. Wer privat versichert ist, klärt die Erstattung über den Tarif. Führt das Tagebuch bis zum Termin weiter, auch an unauffälligen Tagen. Wie ihr die Wartezeit sonst füllt, steht im Ratgeber Wartezeit überbrücken.
Quellen
- AWMF-Leitlinie 038-019 (S3): Diagnostik und Therapie Bipolarer Störungen. DGPPN, Stand 23.05.2019, Gültigkeit am 28.02.2024 abgelaufen, Überarbeitung („BipolarLiving“) angemeldet am 06.05.2025, noch nicht veröffentlicht. Leitlinie der Erwachsenenpsychiatrie. Registereintrag
- AWMF-Leitlinie 028-043 (S3): Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. DGKJP, Stand 10.03.2026, gültig bis 01.12.2030. Registereintrag