Ratgeber

Wenn ihr euch mit der Belastung eures Kindes allein fühlt

Wenn die Sorge ums Kind euch selbst erschöpft: Elterntelefon, Erziehungsberatung, Hausarzt, Mutter-Kind-Kur und ein Selbstcheck für Eltern.

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Ein Elternteil sitzt allein am Fenster und ist in Gedanken.

Abends, wenn das Kind endlich schläft, läuft im Kopf alles weiter. Der Anruf der Schule. Der Satz, den ihr beim Abendessen bereut habt. Die Praxis, die wieder nicht zurückgerufen hat.

Viele Eltern tragen die Sorge um ihr Kind still mit sich. Nach außen funktioniert ihr, innen wird es enger. Freunde sagen „Das wächst sich aus“, und irgendwann hört ihr auf, davon zu erzählen.

Diese Seite handelt von euch. Woran ihr merkt, dass ihr selbst Hilfe braucht, und wo es sie gibt: am Telefon, in der Beratungsstelle, in der Hausarztpraxis, in einer Kur. Wie Belastung eine ganze Familie verändert, ordnet die Themenseite Familienbelastung ein.

Warum das Alleinsein so zermürbt

Eine Sorge, die man nur mit sich selbst bespricht, dreht sich im Kreis. Es fehlt jemand, der sagt: Das kenne ich. Bei uns war es ähnlich, und das hier hat geholfen.

Im Freundeskreis fehlt dieses Gegenüber oft. Wer kein Kind mit Panikattacken oder Schulvermeidung hat, kennt die Lage nicht. Ein Satz wie „Sei halt mal strenger“ trifft dann daneben und macht einsamer.

Zermürbend ist oft das, was rund um das Kind fehlt: Plätze, Rückrufe, Stellen, die miteinander reden. In der Familienhilfe habe ich oft Mütter und Väter getroffen, die seit Monaten keinen Abend mehr für sich hatten und das erst merkten, als jemand danach fragte.

Woran ihr merkt, dass ihr selbst Hilfe braucht

Die Sätze sind kein Test, ihr müsst nicht mitzählen. Findet ihr euch in mehreren wieder, ist das ein guter Anlass, mit jemandem zu sprechen.

  • Ihr schlaft seit Wochen schlecht, auch in Nächten, in denen das Kind durchschläft.
  • Morgens ist der Druck im Bauch schon da, bevor der Tag begonnen hat.
  • Kleinigkeiten bringen euch zum Weinen oder zum Schreien, und hinterher erkennt ihr euch nicht wieder.
  • Ihr sagt Treffen ab, weil ihr keine Kraft für Erklärungen habt.
  • Gespräche in der Partnerschaft drehen sich nur noch um das Kind, oder sie finden gar nicht mehr statt.
  • Die Geschwister laufen nebenher, und ihr habt ihnen gegenüber ein schlechtes Gewissen.
  • Ihr greift abends öfter zu Wein, Tabletten oder dem Handy, um abzuschalten.
  • Kopfschmerzen, Rücken oder Magen melden sich häufiger als früher.
  • Der Gedanke „Ich kann nicht mehr“ kommt auch an guten Tagen.
  • Ihr liebt euer Kind und seid trotzdem erleichtert, wenn es morgens aus dem Haus ist.

Die Liste zeigt, wie viel ihr gerade tragt. Eine Diagnose stellt sie nicht. Habt ihr Gedanken, euch etwas anzutun, oder wollt ihr nicht mehr leben, ruft sofort die Telefonseelsorge an: 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123, rund um die Uhr und kostenlos. Bei akuter Gefahr wählt 112. Weitere Nummern stehen auf der Notfallseite.

Am Telefon oder online: anonym und kostenlos

Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer erreicht ihr unter 0800 111 0 550. Montags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags bis 19 Uhr. Anonym und kostenlos. Ein fertiges Anliegen braucht ihr nicht. „Ich weiß gerade nicht weiter mit meinem Sohn“ reicht als erster Satz.

Wer lieber schreibt: Die Bundeskonferenz für Erziehungsberatung bietet unter bke-beratung.de eine Onlineberatung für Eltern an, kostenfrei und von Fachkräften. Weitere Stellen für Familien sammelt die Seite Hilfe- und Anlaufstellen.

Erziehungsberatung ist auch für Eltern allein da

Viele denken bei Erziehungsberatung an Kinder, die „Probleme machen“. Das Gesetz fasst es weiter. Nach § 28 SGB VIII helfen die Stellen Kindern, Jugendlichen und Eltern bei Problemen in der Familie, bei Erziehungsfragen und bei Trennung. Ihr könnt allein hingehen, ohne Kind und ohne Antrag beim Jugendamt. Die Beratung ist vertraulich und kostenfrei.

Mitbringen dürft ihr alles, was euch gerade aufreibt. Den Streit über den richtigen Umgang mit dem Kind. Die Erschöpfung. Die Frage, ob ihr zu streng seid oder zu nachgiebig. Adressen in eurer Nähe findet ihr über die Seite Erziehungsberatung.

Hausarztpraxis und eigene Psychotherapie

Erschöpfung kann auch körperliche Ursachen haben, etwa Eisenmangel oder eine Schilddrüsenstörung. Der erste Weg führt deshalb in die Hausarztpraxis. Erzählt dort, was zuhause los ist. Die Ärztin kann Blut untersuchen, euch krankschreiben und weiter überweisen.

Für eine eigene Psychotherapie gilt derselbe Weg wie beim Kind: psychotherapeutische Sprechstunde ohne Überweisung, und die Terminservicestelle unter 116 117 vermittelt einen Termin mit höchstens vier Wochen Wartezeit. Den Ablauf beschreibt der Ratgeber Therapieplatz für ein Kind finden. Für Erwachsene ist nur die Sprechstunde kürzer.

Wer selbst wieder schläft, hat beim fünften Wutanfall am Abend mehr Luft. Davon hat auch das Kind etwas.

Mutter-Kind-Kur und Vater-Kind-Kur

Die Krankenkasse zahlt medizinische Vorsorge und Rehabilitation für Mütter und Väter in Einrichtungen des Müttergenesungswerks oder gleichartigen Kliniken (§ 24 und § 41 SGB V). Kinder können mitfahren, als Mutter-Kind- oder Vater-Kind-Maßnahme. Für die Vorsorgekur müsst ihr nicht erst ambulante Angebote am Wohnort ausgeschöpft haben (§ 24 Abs. 1 SGB V).

  • Beratung: Beratungsstellen, die ihr über muettergenesungswerk.de findet, helfen kostenlos beim Antrag und bei der Wahl der Klinik.
  • Attest: Eure Hausarztpraxis stellt die medizinische Verordnung aus. Die Formulare dafür liegen in der Praxis.
  • Antrag: Mit Verordnung und Hilfe der Beratungsstelle geht der Antrag an die Krankenkasse.
  • Ablehnung: Gegen einen ablehnenden Bescheid könnt ihr innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen. Die Beratungsstelle hilft auch dabei.
  • Zuzahlung: Erwachsene zahlen 10 Euro pro Tag an die Klinik (§ 61 SGB V).

Wartet nicht, bis gar nichts mehr geht. Beschreibt euch die Liste oben an mehreren Stellen, sprecht die Hausärztin auf eine Kur an.

Partnerschaft und Geschwister

Ein belastetes Kind verschiebt das Gewicht in der Familie. Oft übernimmt ein Elternteil die Termine, die Anrufe, das Wissen über Medikamente und Fristen. Der andere fühlt sich außen vor oder ist heimlich froh darüber. Hinter dem Streit, der daraus entsteht, steckt meist schlichte Überlastung.

Teilt die Aufgaben sichtbar auf, auf einem Zettel am Kühlschrank: Wer telefoniert mit der Praxis, wer geht zum Elterngespräch, wer hat am Mittwochabend frei. Könnt ihr nicht mehr miteinander reden, ohne zu streiten, ist die Erziehungsberatung auch für Paare die richtige Adresse.

Geschwister merken mehr, als sie sagen. Manche werden auffällig still und pflegeleicht, damit nicht noch mehr Sorgen dazukommen. Eine halbe Stunde pro Woche allein mit Mama oder Papa, ohne Gespräch über das belastete Kind, gehört nur ihnen. Erklärt ihnen in einfachen Worten, was los ist: „Deine Schwester hat gerade große Angst, deshalb gehen wir zu einer Ärztin. Du bist nicht schuld daran.“

Andere Eltern zu treffen, die Ähnliches erleben, entlastet viele Familien. Wie ihr eine Gruppe findet, steht im Ratgeber Selbsthilfegruppe für Eltern finden.

Quellen

  • Nummer gegen Kummer: Elterntelefon 0800 111 0 550 mit Sprechzeiten, abgerufen am 21.10.2026, https://www.nummergegenkummer.de/elternberatung/elterntelefon/
  • Bundeskonferenz für Erziehungsberatung (bke): Beratung vertraulich und kostenfrei, Onlineberatung für Eltern, abgerufen am 21.10.2026, https://www.bke.de/ und https://www.bke-beratung.de/
  • § 28 SGB VIII (Erziehungsberatung) und § 36a Abs. 2 SGB VIII (direkte Inanspruchnahme), abgerufen am 21.10.2026, https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__28.html
  • § 75 Abs. 1a SGB V (Terminservicestelle, Psychotherapie ohne Überweisung), abgerufen am 21.10.2026, https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__75.html
  • § 24 SGB V (Medizinische Vorsorge für Mütter und Väter), § 41 SGB V (Medizinische Rehabilitation für Mütter und Väter), § 61 SGB V (Zuzahlung), abgerufen am 21.10.2026, https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__24.html
  • Deutsches Müttergenesungswerk: Ihr Weg zur Kur, abgerufen am 21.10.2026, https://www.muettergenesungswerk.de/reif-fuer-die-kur/ihr-weg-zur-kur/

Häufige Fragen

Ist es übertrieben, sich als Elternteil selbst Hilfe zu holen?

Nein. Wer ein belastetes Kind über Monate begleitet, trägt viel. Elterntelefon, Erziehungsberatung und Hausarztpraxis sind für genau diese Lage da. Ihr müsst dafür nicht erst zusammenbrechen.

Können wir ohne unser Kind zur Erziehungsberatung?

Ja. Die Stellen beraten auch Eltern allein oder als Paar, bei Erziehungsfragen, Konflikten in der Familie und bei Trennung. Die Beratung ist kostenfrei und vertraulich, ein Antrag beim Jugendamt ist nicht nötig.

Wer bezahlt eine Mutter-Kind-Kur oder Vater-Kind-Kur?

Die Krankenkasse, wenn die Maßnahme medizinisch notwendig ist (§ 24 oder § 41 SGB V). Erwachsene zahlen 10 Euro pro Tag zu. Die Beratungsstellen, die über das Müttergenesungswerk zu finden sind, helfen kostenlos beim Antrag.

Was, wenn ich gerade gar keine Kraft für eine Gruppe habe?

Dann reicht ein Anruf. Das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer berät anonym und kostenlos unter 0800 111 0 550. Ein erstes Gespräch verlangt nichts von euch.

Diese Information dient der Orientierung. Sie ersetzt keine individuelle fachliche Einschätzung.

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