Mein Kind wird in der Schule ausgegrenzt oder gemobbt
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Die neue Jacke ist zerrissen, das Pausenbrot verschwunden, und im Klassenchat taucht ein Foto auf, über das alle lachen. Euer Kind sagt „alles gut“ und geht morgens immer später los. Mobbing passiert oft lange, bevor Erwachsene davon erfahren.
Woran ihr Mobbing vom normalen Streit unterscheidet
Streit unter Kindern ist normal und meist gegenseitig. Mobbing liegt vor, wenn ein Kind über längere Zeit immer wieder gezielt herabgesetzt, ausgegrenzt, bedroht oder angegriffen wird und sich nicht wehren kann, weil die Kräfte ungleich verteilt sind. Meist stehen mehrere gegen eines, und viele schauen zu.
Es kann laut sein, mit Schubsen und Beleidigungen. Oft ist es leise: Gerüchte, Auslachen, nicht eingeladen werden, kein Platz im Bus. Cybermobbing in Gruppenchats und sozialen Netzwerken hört nach Schulschluss nicht auf und erreicht das Kind bis ins Kinderzimmer.
Treffen kann es jedes Kind. Kinder, die anders wirken, neu in der Klasse sind oder wenige Freunde haben, sind häufiger betroffen. Die Ursache liegt in der Gruppe und im Klassenklima. Das Kind ist nicht selbst schuld.
Bauchweh, kaputte Sachen, Rückzug: Warnzeichen für Mobbing klären
Viele gemobbte Kinder reden nicht darüber, aus Scham oder weil sie fürchten, dass es schlimmer wird. Achtet auf Hinweise: morgendliche Bauch- oder Kopfschmerzen an Schultagen, verlorene oder beschädigte Sachen, fehlendes Geld, Umwege nach Hause, keine Verabredungen mehr, Panik beim Blick aufs Handy.
Bei wiederkehrenden körperlichen Beschwerden gehört zusätzlich die Kinderarztpraxis dazu. Sie kann körperliche Ursachen ausschließen und die Belastung einordnen.
Mobbing dokumentieren: was ihr aufschreiben solltet
Eine sachliche Liste mit Datum macht es der Schule schwerer, das Problem kleinzureden.
- Was ist wann passiert, wo genau, und wer war beteiligt oder hat zugesehen?
- Welche Nachrichten, Bilder oder Kommentare gibt es? Macht Screenshots mit Datum und Namen.
- Welche Sachen wurden beschädigt oder weggenommen?
- Wem hat euer Kind schon davon erzählt, und was ist daraufhin passiert?
- Wie geht es eurem Kind seitdem: Schlaf, Appetit, Stimmung, Lust auf Schule?
- Hat euer Kind schon einmal gesagt, dass es nicht mehr kann oder nicht mehr leben will?
Mobbing in der Grundschule und in der Pubertät
In der Grundschule läuft Mobbing oft offen über Ausgrenzen beim Spielen, Hänseln und körperliche Übergriffe auf dem Pausenhof. Lehrkräfte bekommen es eher mit, und Kinder erzählen zu Hause noch mehr.
In der fünften bis achten Klasse verlagert sich viel ins Netz. Gruppenchats, gefälschte Profile, weitergeleitete Fotos. Jugendliche erzählen seltener, weil sie Angst haben, dass Eltern das Handy wegnehmen oder in der Schule einen Auftritt hinlegen. Kinder und Jugendliche können sich auch selbst anonym an die Nummer gegen Kummer wenden, unter 116 111.
Wann Mobbing sofortiges Eingreifen verlangt
Dringlich bei körperlicher Gewalt, starkem Rückzug, Ängsten, Schulvermeidung oder Selbstverletzung.
Sofort handeln müsst ihr bei körperlicher Gewalt, Drohungen, Erpressung oder Nacktbildern, die verbreitet werden. Das sind Straftaten, und eine Anzeige bei der Polizei ist möglich. Spricht euer Kind davon, nicht mehr leben zu wollen, oder verletzt es sich selbst, gilt die Notfallroute unten, unabhängig davon, was in der Schule passiert ist.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Klassenleitung, Schulleitung, Schulpsychologie bei Mobbing
Gespräch mit Klassenleitung und Schule sowie Schulpsychologie oder Erziehungsberatung; bei seelischer Belastung Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.
Der erste Weg führt zur Klassenleitung, am besten mit einem vereinbarten Termin und eurer Liste. Die Schule hat eine Fürsorgepflicht und muss handeln. Fragt, welches Vorgehen sie bei Mobbing nutzt und wann ihr wieder voneinander hört. Passiert nichts, sind Schulleitung, Schulsozialarbeit, schulpsychologischer Dienst und schließlich die Schulaufsicht die nächsten Stellen.
Leidet euer Kind deutlich, mit Angst, Rückzug oder Schulvermeidung, ist parallel eine psychotherapeutische Sprechstunde sinnvoll. Mobbing lässt Spuren im Selbstwert, die nicht automatisch verschwinden, wenn die Schule handelt.
Eurem gemobbten Kind heute Rückhalt geben
- Konkret festhalten, was wann passiert, möglichst mit Datum und Beteiligten.
- Euer Kind ernst nehmen und ihm keine Mitschuld geben.
- Frühzeitig Kontakt mit der Schule aufnehmen und auf eine gemeinsame Lösung dringen.
Glaubt eurem Kind und sagt ihm, dass es richtig war, euch davon zu erzählen. Besprecht gemeinsam, was ihr als Nächstes tut, bevor ihr in der Schule anruft. Kinder, die übergangen werden, erzählen beim nächsten Mal oft nichts mehr. Bei Cybermobbing: Inhalte sichern, die Absender blockieren und bei der Plattform melden.
Was gemobbten Kindern eher schadet
- Ratschläge wie „Wehr dich halt“ oder „Ignorier die einfach“. Hätte das funktioniert, wäre es kein Mobbing.
- Die Eltern der anderen Kinder direkt zur Rede stellen. Das eskaliert oft und trifft am Ende euer Kind. Lasst die Schule moderieren.
- Das Handy wegnehmen, um euer Kind zu schützen. Es fühlt sich dann bestraft und erzählt nichts mehr.
- Abwarten, ob es sich bis zu den Ferien von allein beruhigt.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.