Was ist tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie?
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, kurz TP, ist eines der vier Richtlinienverfahren in Deutschland. Sie geht davon aus, dass heutige Beschwerden oft mit unbewussten Konflikten und frühen Beziehungserfahrungen zusammenhängen.
Anders als die klassische Psychoanalyse ist TP zeitlich begrenzt und arbeitet an einem konkreten Schwerpunkt, etwa an der Frage, warum ein Jugendlicher seit dem Schulwechsel jeden Kontakt abbricht. Es gibt weniger Übungen als in der Verhaltenstherapie. Im Mittelpunkt stehen das Gespräch und die Beziehung zur Therapeut:in.
Bei Kindern wird TP an Alter und Sprache angepasst. Jüngere Kinder spielen in den Stunden, malen oder bauen, und die Eltern haben eigene Termine.
Was sagt die Forschung?
Zur psychodynamischen Kurzzeittherapie im Jugendalter gibt es bisher wenige, aber wachsende Studien. Die größte randomisierte Studie (IMPACT) verglich bei Jugendlichen mit Depression drei Behandlungen: kognitive Verhaltenstherapie, eine psychodynamische Kurzzeittherapie und eine kurze psychosoziale Intervention. Zwischen den drei Gruppen fand sie keine bedeutsamen Unterschiede in der Wirkung.
Eine Meta-Analyse fasst elf kontrollierte Studien zur psychodynamischen Kurzzeittherapie bei Kindern und Jugendlichen zusammen. Das Ergebnis passt dazu: Die Behandlung wirkte ähnlich wie die meist aktiven Vergleichsbehandlungen, aber nicht besser. Die TP ist in Deutschland die Form psychodynamischer Therapie, die diesen Kurzzeitmodellen am nächsten kommt. Ganz deckungsgleich sind sie nicht, die Ergebnisse lassen sich also nur mit Vorsicht übertragen. Eine Übersichtsarbeit zur gesamten Studienlage beschreibt dasselbe Bild: mehr Forschung als früher, aber weniger als zur KVT, und deutlich mehr zu Kurzzeit- als zu Langzeitformen.
Für Eltern heißt das: In den vorhandenen Studien schnitt die psychodynamische Kurzzeittherapie ähnlich ab wie andere Behandlungen. Eine breite Basis aus vielen Meta-Analysen wie bei der KVT gibt es für Jugendliche noch nicht. Aussagen zur Wirksamkeit bleiben deshalb zurückhaltend.
Wann wird TP eingesetzt?
TP kann passen, wenn:
- sich die Beschwerden schwer eingrenzen lassen und eng mit Selbstwert, Beziehungen oder der Frage „Wer bin ich?“ verwoben sind.
- frühere Belastungen oder familiäre Muster eine deutliche Rolle spielen, ohne dass ein akutes Trauma im Vordergrund steht.
- das Kind oder die Jugendliche Zeit und Bereitschaft für einen längeren Verstehensprozess mitbringt.
- Übungen aus der Verhaltenstherapie wenig gebracht haben oder nicht zum Kind passen.
Die gesetzliche Krankenkasse zahlt TP als Richtlinienverfahren. Wie viele Stunden möglich sind, regelt die Psychotherapie-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses.
Was ist zu beachten?
TP setzt weniger auf schnelle Verhaltensänderung. Bei einer akuten Schulvermeidung oder bei Zwangshandlungen, die den Alltag lahmlegen, kommt man mit einer symptombezogenen Therapie wie der KVT oft schneller voran.
Bei akuten Krisen wie Suizidalität, einer Essstörung mit körperlicher Gefährdung oder einer Psychose reicht TP allein nicht aus. Dann braucht es zusätzlich ärztlich-psychiatrische und unter Umständen stationäre Behandlung.
Was bedeutet das konkret für euer Kind?
Fragen vor dem Start:
- Sind die Beschwerden eher diffus und ziehen sich durch den ganzen Alltag, oder lassen sie sich klar abgrenzen?
- Kann euer Kind, seinem Alter entsprechend, über das sprechen oder spielen, was in ihm vorgeht?
- Könnt ihr eine Therapie über mehrere Monate bis ein, zwei Jahre realistisch mittragen?
Eine erste Einschätzung bekommt ihr in einer kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Sprechstunde.
Quellen
Die Evidenzstufen A bis D sind auf der Redaktionsseite erklärt.
- Goodyer I.M. et al. (2017). Cognitive-behavioural therapy and short-term psychoanalytic psychotherapy versus brief psychosocial intervention in adolescents with unipolar major depression (IMPACT): a multicentre, pragmatic, observer-blind, randomised controlled superiority trial. The Lancet Psychiatry. DOI: 10.1016/S2215-0366(16)30378-9. Randomisierte kontrollierte Studie, Evidenzstufe B.
- Abbass A.A. et al. (2013). Psychodynamic Psychotherapy for Children and Adolescents: A Meta-Analysis of Short-Term Psychodynamic Models. Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry. DOI: 10.1016/j.jaac.2013.05.014. Meta-Analyse, Evidenzstufe A.
- Midgley N. et al. (2021). The Evidence-Base for Psychodynamic Psychotherapy With Children and Adolescents: A Narrative Synthesis. Frontiers in Psychology. DOI: 10.3389/fpsyg.2021.662671. Übersichtsarbeit mit systematischer Suche und erzählender Auswertung, Evidenzstufe A.
Quellen recherchiert im Mai 2026 und mit den Originalpublikationen abgeglichen. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.