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Mein Kind tut sich beim Lesen, Schreiben oder Rechnen sehr schwer

Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)

Seit Wochen sitzt ihr jeden Nachmittag am Küchentisch. Euer Kind übt das Diktat zehnmal und schreibt am nächsten Tag trotzdem „Fata“ statt „Vater“. Oder es zählt bei 7 plus 5 noch an den Fingern, während die Klasse längst im Hunderterraum rechnet. Wenn Üben kaum etwas bewegt, steckt oft mehr dahinter als fehlender Fleiß.

Lese-Rechtschreib-Störung, Rechenstörung oder etwas anderes?

Bei einer umschriebenen Lernstörung ist eine einzelne Fähigkeit deutlich schwächer, als es Alter, Begabung und Unterricht erwarten lassen. Die Lese-Rechtschreib-Störung, oft Legasthenie genannt, betrifft das Lesen, das Schreiben oder beides. Die Rechenstörung, auch Dyskalkulie, betrifft das Verständnis von Mengen, Zahlen und Rechenwegen. Beides kommt in Familien gehäuft vor und hat mit Intelligenz nichts zu tun.

Andere Gründe gehören mit auf die Liste. Ein Kind mit ADHS verliert beim Lesen die Zeile, weil die Aufmerksamkeit abreißt. Ein Kind, das im Unterricht schlecht hört, hat Laute nie sauber unterschieden. Sorgen, häufiger Lehrerwechsel oder viele Fehlzeiten hinterlassen ebenfalls Lücken.

Was viele Familien unterschätzen: Nach zwei, drei Jahren Misserfolg kommen oft Bauchweh vor Klassenarbeiten, Wut bei den Hausaufgaben und der Satz „Ich bin einfach dumm“ dazu.

Hör- und Sehtest vor jeder Lerndiagnostik

Zuerst körperlich abklären: Hören und Sehen sollten zuerst geprüft werden, bevor eine Lernstörung eingeordnet wird.

Bevor eine Lernstörung festgestellt wird, gehören Hören und Sehen geprüft, auch wenn die letzte U-Untersuchung unauffällig war. Ein unerkanntes Schielen, eine Weitsichtigkeit oder eine leichte Hörminderung nach vielen Mittelohrentzündungen erklären manche Schwierigkeit.

Die eigentliche Diagnostik umfasst standardisierte Lese-, Rechtschreib- oder Rechentests, einen Intelligenztest und ein ausführliches Gespräch über Entwicklung, Schule und Belastungen. Sie wird von Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozialpädiatrischen Zentren oder spezialisierten Psychotherapiepraxen gemacht.

Wo es beim Lesen, Schreiben oder Rechnen hakt

Sammelt zwei, drei Hefte und eine aktuelle Klassenarbeit. Die Fehlerart sagt Fachleuten viel.

Lernstörungen in der ersten Klasse und später

In den ersten beiden Schuljahren lernen alle Kinder unterschiedlich schnell. Eine Diagnose wird meist ab dem Ende der zweiten Klasse gestellt. Hinweise gibt es oft früher, etwa wenn Reime im Kindergarten schwerfallen oder Zahlen sich nicht merken lassen. Eine schulische Förderung kann sofort beginnen.

Ab der weiterführenden Schule wird es eng. Fremdsprachen, Textaufgaben und längere Klassenarbeiten verschärfen eine unerkannte Störung. Auch Jugendliche können noch diagnostiziert werden und haben dann Anspruch auf Unterstützung.

Wann Lernprobleme schnell Unterstützung brauchen

Kein Notfall. Wichtig ist, früh zu klären, damit euer Kind nicht den Anschluss und die Lernfreude verliert.

Eilig wird es, wenn euer Kind sich wegen der Schule massiv zurückzieht, morgens nicht mehr aus dem Haus will, sich selbst abwertet oder von Hoffnungslosigkeit spricht. Dann steht die seelische Belastung im Vordergrund, und eine kinder- und jugendpsychiatrische oder psychotherapeutische Einschätzung kommt vor der Lernförderung.

Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
  • Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
  • Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.

Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.

Schule, Diagnostikstelle, Jugendamt: der Weg zur Lerntherapie

Kinderärztin oder Kinderarzt für Hör- und Sehprüfung, dann schulpsychologische Beratung und eine spezialisierte Lerndiagnostik (LRS, Dyskalkulie).

Sprecht zuerst mit der Klassenlehrkraft und fragt nach schulischer Förderung und Beobachtungen. Viele Bundesländer regeln in eigenen Erlassen, wann es einen Nachteilsausgleich gibt, etwa mehr Zeit oder vorgelesene Aufgaben, und ob Rechtschreibleistungen geringer gewichtet werden. Grundlage sind die Grundsätze der Kultusministerkonferenz zu besonderen Schwierigkeiten beim Lesen, Rechtschreiben und Rechnen.

Lerntherapie zahlt die Krankenkasse nicht. Droht wegen der Lernstörung eine seelische Behinderung, etwa durch Schulangst oder Rückzug, kann das Jugendamt sie als Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII übernehmen. Dafür braucht es eine fachärztliche oder psychotherapeutische Stellungnahme.

Hausaufgaben entlasten, solange die Diagnostik läuft

  1. Beispiele sammeln, wo genau es hakt: Lesen, Schreiben oder Rechnen.
  2. Mit der Schule sprechen und nach Beobachtungen und einem Nachteilsausgleich fragen.
  3. Hören und Sehen kinderärztlich prüfen lassen.

Begrenzt die Übungszeit auf eine feste Spanne, etwa 20 Minuten, und hört dann auf, egal wie weit ihr gekommen seid. Sprecht das mit der Lehrkraft ab. Lest abwechselnd vor, eine Seite ihr, ein Satz euer Kind. Und plant jede Woche etwas ein, das euer Kind richtig gut kann, ohne Bewertung.

Was bei Lese- oder Rechenschwierigkeiten wenig bringt

Unsicher, wo ihr anfangen sollt?

Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.

Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.

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