← Wegweiser

Mein Kind muss bestimmte Dinge immer wieder tun (kontrollieren, waschen, zählen)

Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)

Euer Kind wäscht sich die Hände, bis die Haut rissig ist. Oder es muss die Schultasche fünfmal kontrollieren, bevor es losgehen kann, und kommt deshalb zu spät. Zwänge quälen die Kinder selbst am meisten. Viele verstecken sie lange, weil sie wissen, dass es „komisch“ ist.

Wie sich Zwangsgedanken und Zwangshandlungen bei Kindern zeigen

Bei einer Zwangsstörung drängen sich Gedanken auf, die Angst oder Ekel machen. Es könnte etwas Schlimmes passieren, die Hände könnten Keime tragen, etwas ist nicht genau richtig. Die Zwangshandlung soll das Gefühl beruhigen: waschen, kontrollieren, zählen, ordnen, wiederholen, sich rückversichern. Die Erleichterung hält kurz, dann kommt der Gedanke wieder, und die Rituale werden länger.

Zwangsstörungen beginnen häufig schon im Kindes- und Jugendalter. Oft gibt es Angehörige mit Zwängen oder Ängsten. Stress, Umbrüche und Krankheit können die Symptome verstärken. Bei vielen Kindern treten zusätzlich Ängste, eine gedrückte Stimmung, Tics oder ADHS auf.

Seltener beginnen Zwänge sehr plötzlich, innerhalb weniger Tage, zusammen mit Unruhe, Essensverweigerung oder Ängsten. Das sollte ärztlich angeschaut werden, auch weil ein Zusammenhang mit vorausgehenden Infekten diskutiert wird.

Kinderrituale, Tics oder Zwang: was zuerst unterschieden wird

Rituale gehören zur Kindheit. Dieselbe Gutenachtgeschichte, die Socken in einer bestimmten Reihenfolge, Pfützen auslassen auf dem Gehweg. Sie machen Spaß oder geben Sicherheit, und das Kind kann sie unterbrechen, ohne in Panik zu geraten. Bei Zwängen ist das anders. Sie kosten viel Zeit, oft mehr als eine Stunde am Tag, machen Angst, wenn sie unterbleiben, und bestimmen zunehmend den Familienalltag.

In der Abklärung wird außerdem geschaut, ob etwas anderes dahintersteckt. Zählen und Kontrollieren rund ums Essen kann zu einer Essstörung gehören. Feste Abläufe können Teil eines Autismus sein, Wiederholungsbewegungen ein Tic.

Was ihr über die Zwangsrituale eures Kindes notieren könnt

Nicht kommentieren, nur beobachten. Viele Kinder öffnen sich erst, wenn sie merken, dass niemand schimpft.

Zwänge bei Grundschulkindern und bei Jugendlichen

Jüngere Kinder können ihre Zwänge oft nicht erklären. Sie sagen „es fühlt sich nicht richtig an“ und wiederholen, bis es passt. Häufig binden sie Eltern in die Rituale ein.

Jugendliche erleben ihre Gedanken häufiger als unsinnig und schämen sich dafür, gerade wenn die Gedanken aggressive, religiöse oder sexuelle Inhalte haben. Solche Gedanken sagen nichts darüber, was euer Kind will oder tun wird. Sie sind so quälend, weil sie dem eigenen Wesen widersprechen.

Wann Zwänge dringend behandelt gehören

Dringlicher, wenn die Zwänge viel Zeit fressen, den Alltag stark einschränken oder euer Kind sehr darunter leidet.

Rasch handeln solltet ihr, wenn euer Kind wegen der Rituale nicht mehr zur Schule geht, nicht mehr isst oder trinkt, sich die Haut blutig wäscht oder von Verzweiflung bis hin zu Gedanken spricht, nicht mehr leben zu wollen. Dann ist ein kurzfristiger Termin in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Ambulanz der richtige Weg.

Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
  • Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
  • Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.

Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.

Verhaltenstherapie bei Zwängen: wer behandelt

Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie; die Kinderarztpraxis kann den Weg bahnen.

Erste Wahl bei Zwängen im Kindes- und Jugendalter ist eine kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition. Das Kind lernt in kleinen, gut vorbereiteten Schritten, den Zwangsgedanken auszuhalten, ohne das Ritual auszuführen. Eltern werden dabei eng einbezogen. Fragt in der psychotherapeutischen Sprechstunde, ob die Praxis Erfahrung mit Expositionsbehandlung bei Kindern hat.

Bei schweren Zwängen oder zusätzlicher Depression kann die Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Behandlung mit Medikamenten ergänzen. Einige Universitätskliniken haben Spezialambulanzen für Zwang und Tics.

Wie Familien aus der Zwangsspirale aussteigen

  1. Beobachten, welche Rituale auftreten, wie oft und in welchen Situationen.
  2. Nicht in die Rituale einsteigen oder sie für euer Kind übernehmen, auch wenn es schwerfällt.
  3. Eine psychotherapeutische Sprechstunde für Kinder und Jugendliche suchen.

Fast jede Familie mit einem zwangskranken Kind hat sich angepasst: zusätzliche Handtücher, Antworten auf immer gleiche Fragen, Umwege, damit niemand das Kind berührt. Das geschieht aus Liebe. Es hält den Zwang leider am Laufen. Ändert das nicht über Nacht und nicht allein. Schreibt auf, wo ihr mitmacht, und nehmt diese Liste mit in die Therapie.

Was den Zwang bei Kindern verstärkt

Unsicher, wo ihr anfangen sollt?

Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.

Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.

Nike fragen