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Mein Baby schreit sehr viel und lässt sich kaum beruhigen

Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)

Euer Baby schreit am späten Nachmittag stundenlang, nichts hilft, und ihr lauft mit ihm durch die Wohnung, bis die Arme zittern. Viel Schreien in den ersten Lebensmonaten ist häufig und meist harmlos, es zermürbt Eltern trotzdem.

Wer nachts zum vierten Mal aufsteht, fragt sich irgendwann, ob er etwas falsch macht. Am Schreien lässt sich das nicht ablesen. Es zeigt eher, wie viel euer Baby gerade verarbeiten muss und wie wenig Schlaf ihr inzwischen habt.

Warum manche Babys so viel schreien

Fachleute sprechen von exzessivem Schreien, wenn ein Säugling über drei Wochen an mehr als drei Tagen pro Woche jeweils länger als drei Stunden schreit und sich kaum beruhigen lässt. Diese sogenannte Dreierregel ist eine Orientierung. Viele Familien liegen knapp darunter und sind genauso am Ende.

Meist steckt keine Krankheit dahinter. Das Nervensystem eines jungen Babys muss erst lernen, von Wachsein in Schlaf umzuschalten und Reize zu sortieren. Gelingt das schlecht, kippt Müdigkeit in Schreien, und Schreien macht noch müder. Die Phase ist meist auf die ersten drei bis sechs Lebensmonate begrenzt, die Abendstunden sind oft am schlimmsten.

Seltener sind körperliche Gründe: eine Kuhmilcheiweißallergie, ein ausgeprägter Reflux mit Schmerzen, eine Harnwegsinfektion, zu wenig Milch. Und manchmal verstärkt sich etwas gegenseitig. Ein erschöpftes Elternteil ist angespannter, das Baby spürt es und kommt schlechter zur Ruhe.

Was in der Kinderarztpraxis beim Schreibaby geprüft wird

Zuerst körperlich abklären: Anhaltendes Schreien kann körperliche Ursachen haben (Schmerzen, Ernährung, Reflux). Das gehört zuerst kinderärztlich abgeklärt.

Die Praxis wiegt euer Baby, schaut auf die Gewichtskurve im gelben Heft und untersucht es gründlich. Gedeiht es, trinkt es ausreichend, sind Haut, Bauch und Atmung unauffällig, ist eine ernste Ursache unwahrscheinlich.

Sprecht offen an, wie es euch selbst geht. Kinderärztinnen fragen das inzwischen gezielt, weil das Schreien in der Leitlinie zu frühkindlichen Regulationsstörungen ausdrücklich als Belastung der ganzen Familie beschrieben wird. Wer dort „Ich kann nicht mehr“ sagt, geht meist mit einer Adresse oder Überweisung nach Hause.

Was ein Schreiprotokoll über drei, vier Tage zeigt

Ein Zettel neben dem Wickeltisch reicht. Viele Schreiambulanzen geben auch eigene Vorlagen aus.

Vom Neugeborenen bis zum vierten Monat

In den ersten Wochen nimmt das Schreien bei vielen Babys zu und wird ab dem dritten oder vierten Monat deutlich weniger. Schreit euer Kind danach weiterhin sehr viel, kommen Schlaf- oder Fütterprobleme dazu, lohnt ein genauerer Blick. Dann geht es oft um eine Regulationsstörung, die sich mit Unterstützung gut behandeln lässt.

Bei Neugeborenen in den ersten drei Lebensmonaten ist jedes Fieber ein Grund, sofort ärztliche Hilfe zu holen. Bei älteren Babys zählen eher Trinkmenge, Wachheit und ob sie euch noch anschauen.

Wann ein schreiendes Baby sofort in ärztliche Hände gehört

Sofort ärztlich, wenn das Baby Fieber hat, schlapp wirkt, nicht mehr trinkt oder ihr das Gefühl habt, die Kontrolle zu verlieren.

Sofort heißt: wenn das Schreien schrill und ganz anders klingt als sonst, euer Baby erbricht, sich die Fontanelle vorwölbt, es auffällig blass oder grau wird oder kaum noch reagiert. Dann ruft 112 oder fahrt in die Kinderklinik.

Genauso dringend ist eure eigene Grenze. Wenn ihr merkt, dass ihr das Baby schütteln möchtet oder es fester anfasst, als ihr wollt, legt es sicher auf den Rücken ins Bett und verlasst für ein paar Minuten den Raum. Schütteln kann Blutungen im Gehirn verursachen und tödlich sein. Ein Anruf beim Elterntelefon unter 0800 111 0 550 oder beim ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117 ist in dieser Lage richtig.

Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
  • Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
  • Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.

Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.

Kinderarztpraxis, Schreiambulanz und Frühe Hilfen

Kinderärztin oder Kinderarzt, bei anhaltender Belastung zusätzlich eine Schreiambulanz.

Die Kinderarztpraxis ist die erste Stelle, auch zwischen den U-Untersuchungen. Sie kennt die Schreiambulanzen in eurer Region. Das sind Beratungsstellen, oft an Kliniken, Sozialpädiatrischen Zentren oder Erziehungsberatungsstellen, die sich auf Säuglinge spezialisiert haben.

Frühe Hilfen bieten Familienhebammen und Familien-Gesundheits-Kinderkrankenpflegerinnen, die nach Hause kommen. Die Suche läuft über elternsein.info oder das Jugendamt. Das kostet euch nichts und ist keine Kontrolle durch das Amt.

Was heute Abend schon entlastet

  1. Einen kinderärztlichen Termin vereinbaren und Schrei-, Schlaf- und Trinkzeiten kurz notieren.
  2. Nach einer Schreiambulanz oder Frühen Hilfen in eurer Nähe suchen.
  3. Euch abwechseln und das Baby kurz sicher ablegen, wenn die Anspannung zu groß wird, statt es zu schütteln.

Teilt euch die Schreizeit in feste Schichten auf, auch wenn einer von euch morgens arbeiten muss. Wer allein erzieht, darf Nachbarn, Großeltern oder die Hebamme direkt um zwei Stunden bitten. Ein Baby, das abgelegt schreit, während ihr kurz atmet, nimmt keinen Schaden.

Was beim Dauerschreien meist nicht weiterhilft

Unsicher, wo ihr anfangen sollt?

Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.

Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.

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