Mein Kind hat morgens Bauchweh oder Kopfschmerzen und will nicht zur Schule
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Montag, 7.15 Uhr: Euer Kind sitzt blass am Frühstückstisch, hält sich den Bauch und sagt, es kann heute nicht. Am Samstag ist von den Schmerzen nichts zu sehen. Diese Schmerzen sind trotzdem echt und verdienen eine ordentliche Abklärung.
Echte Schmerzen mit Auslöser im Kopf
Wiederkehrende Bauch- oder Kopfschmerzen gehören zu den häufigsten Gründen, warum Schulkinder in die Kinderarztpraxis kommen. Bei den meisten findet sich keine Organkrankheit. Fachleute nennen das funktionelle Bauchschmerzen. Darm und Nerven reagieren bei diesen Kindern empfindlicher, und Anspannung verstärkt das spürbar.
Wenn die Schmerzen an Schultagen kommen und am Wochenende fehlen, steckt oft etwas in der Schule dahinter: Angst vor einer Lehrkraft, vor Tests, vor dem Bus, Streit in der Klasse, Überforderung im Stoff. Manchmal ist es Trennungsangst, die mit der Schule selbst wenig zu tun hat.
Seltener sind körperliche Ursachen wie eine Verstopfung, eine Laktoseunverträglichkeit, Zöliakie oder bei Kopfschmerzen eine nicht erkannte Sehschwäche. Genau die soll die Kinderärztin finden oder ausschließen.
Welche Warnzeichen die Ärztin bei Bauchweh ernst nimmt
Zuerst körperlich abklären: Wiederkehrende körperliche Beschwerden sollten zuerst kinderärztlich abgeklärt werden, auch wenn die Auslöser oft seelisch sind.
Die Praxis fragt nach Mustern und untersucht Bauch, Wachstum und Gewicht. Hellhörig wird sie bei Schmerzen, die nachts aufwecken, bei Gewichtsverlust, Fieber, Blut im Stuhl, anhaltendem Erbrechen oder Schmerzen weit weg vom Bauchnabel. Bei Kopfschmerzen achtet sie auf morgendliches Erbrechen, Sehstörungen oder Kopfschmerzen, die immer stärker werden.
Fehlen diese Zeichen und ist euer Kind gesund gewachsen, sind meist nur wenige Tests nötig. Viele Eltern sind danach erleichtert und gleichzeitig ratlos. Der nächste Schritt ist dann, den Auslöser zu finden, ohne den Schmerz kleinzureden.
Ein Bauchweh-Kalender für zwei Wochen
- An welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit kommen die Schmerzen, und wann gehen sie weg?
- Gibt es sie auch in den Ferien, am Wochenende oder vor schönen Ereignissen?
- Welche Fächer, Tests oder Personen stehen an den schlimmen Tagen auf dem Plan?
- Wie sieht der Stuhlgang aus, und wie oft geht euer Kind auf die Toilette?
- Was passiert, wenn es zu Hause bleibt: Bessert sich der Schmerz nach einer Stunde?
- Hat euer Kind in der Schule Freunde, und erzählt es von Pausen?
Bauchweh mit sieben, Kopfweh mit dreizehn
Jüngere Grundschulkinder können Angst schlecht in Worte fassen, ihr Bauch übernimmt das Sprechen. Bei ihnen geht es häufiger um Trennung von den Eltern, den Schulweg oder eine strenge Lehrkraft.
Ab der weiterführenden Schule verschiebt es sich oft zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit. Leistungsdruck, soziale Ängste und Konflikte in Chats spielen eine größere Rolle, und Jugendliche reden darüber eher mit Gleichaltrigen als mit euch.
Wenn aus Bauchweh ein Fernbleiben wird
Zeitnah handeln, wenn euer Kind über Wochen nicht mehr in die Schule geht oder sich völlig zurückzieht.
Akut ärztlich wird es bei sehr starken, zunehmenden Bauchschmerzen, besonders rechts unten, bei hohem Fieber, einem harten Bauch oder Erbrechen. Das hat dann mit Schule nichts zu tun.
Zeitnah handeln solltet ihr, sobald euer Kind mehrere Tage am Stück fehlt. Jede Woche zu Hause macht die Rückkehr schwerer, weil der Stoff wächst und die Angst vor Fragen der Mitschüler auch.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Kinderarztpraxis zuerst, danach Schule und Beratung
Kinderärztin oder Kinderarzt zur Abklärung, danach Gespräch mit der Schule und gegebenenfalls Erziehungs- oder Schulberatung.
Nach der Untersuchung kann die Praxis ein Attest für einzelne Tage ausstellen. Mehr als das braucht es selten, und Dauerkrankschreibungen helfen dem Kind nicht. Klärt mit der Ärztin, wie ihr mit Schmerzen an Schultagen umgeht, etwa: hingehen und sich bei Bedarf im Sekretariat melden.
Für das, was dahintersteckt, sind Klassenlehrkraft, Schulsozialarbeit und der schulpsychologische Dienst eures Schulamts die nächsten Stellen. Erziehungsberatungsstellen nach § 28 SGB VIII beraten kostenlos. Bleibt die Angst groß, folgt eine psychotherapeutische Sprechstunde.
Schulmorgen ohne Machtkampf
- Kinderärztlichen Termin vereinbaren, um körperliche Ursachen auszuschließen.
- Notieren, wann die Beschwerden auftreten: nur an Schultagen, vor Tests, nach bestimmten Situationen?
- Ein ruhiges Gespräch mit der Klassenlehrkraft vorbereiten.
Nehmt den Schmerz ernst und bleibt trotzdem beim Plan: Wärmflasche, kurz hinsetzen, dann losgehen. Ein Satz wie „Ich glaube dir, dass es wehtut, und wir schaffen den Weg zusammen“ hilft mehr als eine Diskussion über Fieber. Fragt am Nachmittag, nicht um 7.15 Uhr, was in der Schule gerade schwer ist.
Was den Kreislauf aus Schmerz und Schule verlängert
- Bei jedem Bauchweh zu Hause bleiben lassen und den Tag mit Fernsehen belohnen.
- Sagen, der Schmerz sei nur eingebildet.
- Immer neue Untersuchungen bei immer neuen Ärzten, wenn die Warnzeichen fehlen.
- Die Schule erst informieren, wenn schon Wochen fehlen.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.