Montag, 7:20 Uhr, die Jacke ist schon an
Euer Kind sitzt angezogen auf der Treppe und kommt nicht zur Tür hinaus. Es hat Bauchweh, vielleicht ist ihm übel. Um halb zehn, wenn klar ist, dass es heute zu Hause bleibt, geht es ihm besser. Am Samstag ist von allem nichts zu merken.
So sieht Schulvermeidung oft aus. Dahinter stehen meist Angst, eine Depression, Mobbing, eine unerkannte Lernstörung oder Belastungen in der Familie. Viele dieser Kinder wollen in die Schule und schaffen es nicht. Druck und Strafen machen die Lage in der Regel schwerer. Für Schulvermeidung gibt es keine eigene AWMF-Leitlinie, sie ist ein Querschnittsthema. Welche Behandlung passt, hängt davon ab, was dahintersteckt.
Drei Muster, die sich ähnlich anfühlen
| Schulangst | Trennungsangst (oft „Schulphobie“ genannt) | Schulschwänzen | |
|---|---|---|---|
| Was dahintersteckt | Angst vor etwas in der Schule: Klassenarbeiten, eine Lehrkraft, Mitschüler, Mobbing, Überforderung durch eine Lernstörung | Angst, sich von Mama oder Papa zu trennen, oft mit der Sorge, ihnen könnte etwas passieren. Die Schule selbst ist meist gar nicht das Problem | Die Schule ist unattraktiv geworden, anderes lockt mehr. Häufig Leistungsrückstand, Konflikte, eine Clique |
| Typischer Morgen | Bauchweh, Übelkeit, Kopfschmerzen, Weinen. In den Ferien verschwunden | Klammern und Panik an der Haustür oder am Klassenzimmer. Anrufe aus der Schule, ob es abgeholt werden kann | Das Kind geht los und kommt nicht an. Die Eltern erfahren es oft erst von der Schule |
| Wo das Kind den Tag verbringt | Zu Hause, die Eltern wissen Bescheid | Zu Hause in der Nähe der Eltern | Unterwegs, bei Freunden, im Bett mit dem Handy |
| Was hilft | Den Auslöser in der Schule finden und angehen, Lernstand prüfen, bei einer Angststörung Psychotherapie | Kurzer, gleichbleibender Abschied, feste Bezugsperson am Schultor, Psychotherapie mit Einbezug der Eltern | Klare Absprachen zwischen Eltern und Schule, sofortige Meldung bei Fehlen, Schulsozialarbeit, Jugendhilfe. Die Gründe für den Rückzug klären |
Mischformen sind häufig. Ein Kind, das in Mathe abgehängt ist, kann Schulangst entwickeln und später schwänzen. Die Tabelle hilft beim ersten Sortieren, die Abklärung ersetzt sie nicht. Mehr zu den Hintergründen steht auf den Seiten zu Angst, Mobbing und Depression.
Woran ihr es nach Alter merkt
In der Grundschule steht oft Trennungsangst im Vordergrund. Das Kind weint am Schultor, ruft in der Pause an, will abgeholt werden. Bauchweh vor der Schule ist hier das häufigste Körperzeichen, der Wegweiser zu Bauchschmerzen vor der Schule ordnet das ein.
Nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule kommen neue Auslöser dazu: eine fremde Klasse, mehr Leistungsdruck, eine Lernstörung, die bisher kompensiert wurde. Auffällig sind Muster wie „immer montags“ oder „immer vor Sport“.
Jugendliche fehlen eher stundenweise oder kommen zu spät. Schulvermeidung verbindet sich hier oft mit Niedergeschlagenheit, sozialem Rückzug und einem Tag-Nacht-Rhythmus, der sich verschiebt. Wenn euer Kind sagt, es habe keinen Sinn mehr, oder von Suizid spricht, gilt der Notfallweg.
Schulpflicht, Fehltage und Atteste
Die Schulpflicht regelt jedes Bundesland in seinem Schulgesetz. Unentschuldigtes Fehlen kann dort als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld geahndet werden. Wann die Schule ein ärztliches Attest verlangt, legen Land und Schule fest.
Viele Eltern verschweigen Fehltage aus Angst vor Ärger. Damit verliert ihr die Schule als Verbündete. Sagt früh, was los ist. Ein Attest erklärt Fehltage. Mit jeder weiteren Krankschreibung wächst aber der Abstand zur Klasse, zum Stoff und zu den Freunden.
Die E-Mail an die Klassenleitung
Ein erstes Schreiben kann so aussehen. Passt es an euer Kind an.
Betreff: Fehlzeiten von [Vorname], Klasse [x]: Bitte um ein Gespräch
Sehr geehrte Frau [Name],
[Vorname] hat in den letzten [drei Wochen] an [sieben] Tagen gefehlt. Morgens klagt [sie] über Bauchschmerzen und Übelkeit. An Wochenenden und in den Ferien treten diese Beschwerden nicht auf. Wir nehmen das ernst und lassen es ärztlich abklären. Ein Termin in der Kinderarztpraxis ist am [Datum].
Wir möchten gemeinsam mit Ihnen herausfinden, ob es in der Schule etwas gibt, das [Vorname] Angst macht, und wie eine Rückkehr gelingen kann. Dazu drei Fragen:
- Ist Ihnen im Unterricht oder in den Pausen etwas aufgefallen?
- Gibt es Fächer oder Tage, die besonders schwer sind?
- Wäre in den nächsten zwei Wochen ein Gespräch mit Ihnen und der Schulsozialarbeit möglich?
Für [Vorname] wäre eine feste Ansprechperson hilfreich, zu der [sie] morgens zuerst gehen kann.
Mit freundlichen Grüßen
[Namen, Telefonnummer]
Eine Diagnose müsst ihr der Schule nicht mitteilen. Beschreibt, was ihr beobachtet. Für das Gespräch selbst gibt es eine Vorbereitung unter Gespräch mit Schule und Kita.
Wer bei welcher Lage hilft
- Schulsozialarbeit: sitzt im Haus, kennt die Klasse und ist schnell erreichbar. Oft der beste erste Kontakt.
- Schulpsychologie: die schulpsychologische Beratung des Landes ist kostenfrei und kann bei Konflikten mit der Schule vermitteln.
- Kinderarztpraxis: schließt körperliche Ursachen für Bauchweh und Kopfschmerzen aus und ist oft die Stelle, die Fehltage bescheinigt.
- Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie: Einstieg über die Sprechstunde, Termine über die 116 117. Bei Angst ist Verhaltenstherapie mit schrittweiser Rückkehr in die Schule der übliche Weg.
- Kinder- und jugendpsychiatrische Praxis oder Institutsambulanz: bei längeren Fehlzeiten über mehrere Wochen, bei Verdacht auf Depression oder wenn ambulante Termine allein nicht reichen. Die Häuser stehen im Verzeichnis der Klinikambulanzen.
- Erziehungsberatungsstelle: kostenfrei, ohne Diagnose, für euch als Eltern und für die Morgen, die eskalieren. Mehr unter Erziehungsberatung.
Rückkehr in Stufen
Der Wiedereinstieg klappt selten auf einen Schlag. Bewährt hat sich ein schriftlicher Plan, den Kind, Eltern, Schule und Therapie kennen. Er beginnt mit dem, was heute machbar ist: erst die erste Stunde, dann bis zur großen Pause, dann der ganze Vormittag. Eine feste Person nimmt das Kind morgens in Empfang, ein ruhiger Raum steht für schwierige Momente bereit. Nach Ferien und Krankheit ist der erste Tag am schwersten, das gehört dazu. Ein Rückschlag heißt nicht, dass der Plan falsch war.
Wartet mit diesem Plan nicht auf den Therapieplatz. Schule und Schulsozialarbeit können sofort mitmachen. Weitere Schritte findet ihr im Ratgeber Schulvermeidung beim Kind.
Kosten, Wartezeit und warum jede Schulwoche zählt
Für Psychotherapie und die Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zahlt ihr als gesetzlich Versicherte nichts dazu. Schulsozialarbeit, Schulpsychologie und Erziehungsberatung kosten nichts. Droht wegen einer seelischen Erkrankung eine dauerhafte Beeinträchtigung der Teilhabe, kann das Jugendamt nach § 35a SGB VIII Eingliederungshilfe gewähren, etwa eine Schulbegleitung.
Die Wartezeit auf einen Therapieplatz ist oft lang, und für ein Kind, das nicht zur Schule geht, zählt jede Woche. Bei Fehlzeiten über mehrere Wochen fragt deshalb parallel in einer Institutsambulanz nach. Was die Zeit bis zum Therapiebeginn sinnvoll füllt, steht unter Wartezeit überbrücken.
Quellen
- AWMF-Leitlinienregister: keine Leitlinie und keine Anmeldung zu Schulvermeidung (Abfrage Oktober 2026). register.awmf.org
- AWMF-S3-Leitlinie „Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen“, Register 028-043, federführend DGKJP, Stand 10.03.2026, gültig bis 01.12.2030. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-043
- § 35a SGB VIII, Eingliederungshilfe für Kinder und Jugendliche mit seelischer Behinderung oder drohender seelischer Behinderung. gesetze-im-internet.de/sgb_8/__35a.html
- § 28 SGB VIII, Erziehungsberatung. gesetze-im-internet.de/sgb_8/__28.html