Mein Kind spricht kaum, reagiert wenig oder verliert Fähigkeiten
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Euer Kind ist zwei, sagt „Mama“, „Ball“ und „nein“, und auf dem Spielplatz plappern die Gleichaltrigen in ganzen Sätzen. Oder es hat schon gesprochen und sagt plötzlich weniger. Beides ist ein guter Grund, nicht abzuwarten.
Spät dran, schlecht hörend oder etwas anderes?
Die meisten Kinder sagen zwischen ein und anderthalb Jahren ihre ersten Wörter, manche lassen sich bis etwa zweieinhalb Zeit. Mit 20 Monaten kann der Wortschatz gesunder Kinder zwischen 50 und rund 200 Wörtern liegen. Die Spanne ist also groß. Viele Kinder, die spät anfangen, holen bis zum dritten Geburtstag auf.
Ein Teil holt nicht auf. Dann kann eine Sprachentwicklungsstörung vorliegen, also ein Kind, das bei sonst normaler Entwicklung Wörter, Grammatik oder Laute deutlich schwerer lernt. Eine häufig übersehene Ursache ist das Hören. Wiederholte Mittelohrergüsse nach Erkältungen können über Monate wie Watte im Ohr wirken.
Seltener ist der Sprachrückstand Teil eines größeren Bildes. Dazu gehören eine allgemeine Entwicklungsverzögerung oder eine Autismus-Spektrum-Störung. Hinweise darauf sind weniger die fehlenden Wörter als ein Kind, das kaum Blickkontakt sucht, nicht auf Dinge zeigt, um euch etwas zu zeigen, und wenig auf seinen Namen reagiert.
Hörtest vor jeder Sprachdiagnostik
Zuerst körperlich abklären: Hören, Sehen und körperliche Entwicklung sollten zuerst geprüft werden, bevor andere Ursachen eingeordnet werden.
Bevor jemand über Sprache urteilt, muss feststehen, dass euer Kind gut hört. Das Neugeborenen-Hörscreening liegt lange zurück und schließt spätere Probleme nicht aus. Die Kinderarztpraxis kann eine Untersuchung beim HNO-Arzt oder in der Pädaudiologie veranlassen.
Danach schaut die Praxis auf Motorik, Spielverhalten und Kontakt. Eine Überweisung zur Logopädie, in die Frühförderung oder an ein Sozialpädiatrisches Zentrum folgt je nach Befund. Die S3-Leitlinie zu Sprachentwicklungsstörungen empfiehlt, bei echten Störungen nicht abzuwarten.
Woran ihr den Sprachstand eures Kindes festmachen könnt
- Wie viele Wörter benutzt euer Kind von sich aus? Schreibt eine Woche lang alle auf, die ihr hört.
- Versteht es einfache Aufforderungen ohne Geste, etwa „Hol deine Schuhe“?
- Zeigt es mit dem Finger auf Dinge, um euch etwas zu zeigen, und schaut dabei zu euch?
- Reagiert es, wenn ihr es von hinten beim Namen ruft?
- Hat es Wörter oder Fähigkeiten verloren, die es schon sicher konnte?
- Hatte es oft Mittelohrentzündungen oder schnarcht es stark?
- Wächst es mehrsprachig auf, und wie spricht es in der anderen Sprache?
Mit zwei, drei und vier Jahren zählt jeweils etwas anderes
Mit zwei Jahren schauen Fachleute vor allem auf den Wortschatz und darauf, ob erste Zwei-Wort-Sätze wie „Mama spielen“ kommen. Mit drei geht es um Sätze und Verständlichkeit für Fremde. Mit vier fallen eher Aussprache und Grammatik auf, etwa wenn das Kind noch „Tuh“ statt „Schuh“ sagt.
Mehrsprachigkeit verursacht keine Sprachstörung. Ein Kind, das in beiden Sprachen auffällig wenig spricht, braucht trotzdem eine Abklärung. Fragt nach einer Fachkraft, die beide Sprachen einbeziehen kann.
Wenn ein Kind Gelerntes wieder verliert
Zeitnah abklären, wenn euer Kind bereits gelernte Fähigkeiten verliert oder gar nicht auf Ansprache reagiert.
Ein Rückschritt ist ein anderes Signal als langsames Lernen. Hat euer Kind Wörter, Spielen oder Kontakt verloren, wartet nicht auf die nächste U-Untersuchung. Ruft in der Praxis an und sagt genau diesen Satz, dann gibt es meist einen Termin innerhalb weniger Tage.
Kommen ein Krampfanfall, ein Unfall mit Kopfverletzung oder plötzliche Lähmungen dazu, gehört euer Kind sofort in eine Kinderklinik.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Kinderarzt, Logopädie, Frühförderung oder SPZ
Kinderärztin oder Kinderarzt; bei bestätigtem Bedarf Frühförderung oder ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ).
Die Kinderarztpraxis ist Lotsin. Sie verordnet Logopädie auf Heilmittelrezept, bei einem Kind mit mehreren Baustellen kommt die Frühförderung infrage. Interdisziplinäre Frühförderstellen arbeiten bis zur Einschulung, die Kosten tragen Krankenkasse und Sozial- oder Jugendhilfeträger gemeinsam.
Ein Sozialpädiatrisches Zentrum ist sinnvoll, wenn Sprache, Motorik, Verhalten und Kontakt zusammen auffallen oder ein Autismus-Verdacht im Raum steht. Die Wartezeiten dort sind oft lang. Lasst euch früh überweisen und auf die Liste setzen.
Sprache im Alltag locken, ohne zu üben
- Kinderärztlichen Termin vereinbaren und gezielt eine Entwicklungseinschätzung ansprechen.
- In der Kita nachfragen, was dort beobachtet wird, und es schriftlich festhalten.
- Nach Frühförderung oder einem SPZ in eurer Region suchen.
Sprecht beim Wickeln, Kochen und Einkaufen laut mit, was ihr tut. Wiederholt das, was euer Kind sagt, richtig und etwas länger: Aus „Auto da“ wird „Ja, da fährt ein rotes Auto“. Bilderbücher, bei denen ihr auf Dinge zeigt und wartet, wirken mehr als Lern-Apps.
Was den Spracherwerb eher bremst
- Nachsprechen verlangen („Sag mal Schuh!“). Das setzt unter Druck und verstummt Kinder eher.
- Fehler direkt verbessern. Besser richtig wiederholen und weitersprechen.
- Zur Familiensprache wechseln, weil ihr glaubt, zwei Sprachen seien zu viel.
- Die Sorge mit „Jungs sprechen eben später“ wegschieben und ein Jahr abwarten.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.