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Ich vermute, dass meinem Kind Gewalt oder Missbrauch widerfahren ist

Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)

Ein Satz eures Kindes, ein blauer Fleck an einer ungewöhnlichen Stelle, ein Verhalten, das sich plötzlich verändert hat. Der Verdacht, dass jemand eurem Kind Gewalt angetan haben könnte, schnürt einem die Luft ab. Gerade jetzt hilft ein ruhiger, geordneter nächster Schritt mehr als schnelles Handeln auf eigene Faust.

Diese Seite ist für Eltern gedacht, die einen Verdacht haben, aber noch nicht wissen, wohin damit. Sie ersetzt keine Fachberatung. Sie hilft, die ersten Stunden und Tage so zu gestalten, dass euer Kind geschützt ist.

Welche Anzeichen auf Gewalt oder Missbrauch hindeuten können

Kinder erzählen selten in einem Satz, was passiert ist. Oft kommen Andeutungen in Etappen, beim Baden, im Auto, beim Einschlafen. Manche Kinder zeigen Belastung im Verhalten: Sie wollen plötzlich nicht mehr zu einer bestimmten Person, nässen wieder ein, schlafen schlecht, ziehen sich zurück oder zeigen ein sexualisiertes Verhalten, das nicht zu ihrem Alter passt.

Alle diese Zeichen können auch andere Ursachen haben. Eine Trennung, Ärger in der Kita, eine Erkrankung. Ein einzelnes Zeichen beweist nichts. Das ist der Grund, warum eine spezialisierte Fachberatung so wichtig ist: Sie hilft euch, Beobachtungen einzuordnen, ohne dass das Kind in eine Befragung gerät.

Gewalt kann von außen kommen, aus dem Sportverein, von älteren Kindern, über das Internet. Sie kann auch aus der eigenen Familie kommen. Auch wenn ein Kind miterlebt, wie ein Elternteil geschlagen oder bedroht wird, ist das eine Gefährdung des Kindes.

Was bei einem Gewaltverdacht medizinisch geklärt werden sollte

Bei sichtbaren Verletzungen, Schmerzen im Genital- oder Analbereich oder einem Übergriff, der erst kurz zurückliegt, gehört euer Kind ärztlich untersucht. Am besten in einer Kinderklinik mit Kinderschutzgruppe oder einer Kinderschutzambulanz. Dort wird kindgerecht untersucht und so dokumentiert, dass die Befunde später verwertbar sind. Manche Spuren lassen sich nur in den ersten Tagen sichern.

Auch ohne sichtbare Verletzung kann eine Untersuchung entlasten oder Klarheit bringen. Ob und wann sie sinnvoll ist, besprecht ihr mit der Fachberatung.

Was ihr bei einem Missbrauchsverdacht festhalten könnt

Notiert mit Datum und Uhrzeit, ohne Deutung. Diese Notizen helfen der Fachberatung und schützen euer Kind vor wiederholten Befragungen.

Gewaltverdacht bei kleinen Kindern und bei Jugendlichen

Kleine Kinder haben oft keine Worte für das, was passiert ist. Sie zeigen es im Spiel, mit Puppen, in Zeichnungen oder im Körper. Deutet solche Szenen nicht selbst. Beschreibt sie der Fachberatung so genau wie möglich.

Jugendliche erzählen häufiger Gleichaltrigen als Eltern. Bei ihnen spielen Übergriffe in Beziehungen und im Netz eine größere Rolle, etwa erpresste Nacktbilder. Viele schämen sich und fürchten, ihr Handy zu verlieren. Ein klarer Satz hilft: „Du bekommst keinen Ärger, wir suchen zusammen Hilfe.“

Wenn die Gefahr durch Gewalt noch andauert

Sofort, wenn die Gefahr noch andauert, akute Verletzungen vorliegen oder das Kind in unmittelbarem Kontakt zur möglichen Täterin oder zum Täter steht.

Akuter Schutz geht vor allem anderen. Bei Gefahr für Leib und Leben ruft ihr 110 oder 112. Wenn die verdächtigte Person mit im Haushalt lebt oder euer Kind gleich wieder abholen wird, holt euch noch am selben Tag Hilfe beim Jugendamt oder außerhalb der Dienstzeit beim Bereitschaftsdienst des Jugendamts, den die Polizei vermitteln kann. Das Jugendamt muss handeln, wenn es von einer Gefährdung erfährt.

Wenn ihr selbst Gewalt durch einen Partner oder eine Partnerin erlebt, berät das Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen rund um die Uhr unter 116 016. Dort könnt ihr auch besprechen, wo ihr mit euren Kindern kurzfristig sicher unterkommt, etwa in einem Frauenhaus.

Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
  • Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
  • Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.

Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.

Fachberatung, Jugendamt oder Kinderschutzambulanz bei Missbrauchsverdacht

Spezialisierte Fachberatungsstelle (z. B. Kinderschutzambulanz, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt); bei akuter Gefahr Polizei und Klinik.

Spezialisierte Fachberatungsstellen bei sexualisierter Gewalt und Kinderschutzzentren beraten Eltern, auch anonym. Sie helfen bei der Frage, ob und wann eine Anzeige sinnvoll ist, wie ihr mit dem Kind sprecht und wer welche Schritte geht. Adressen in eurer Nähe findet ihr über das Hilfe-Portal Sexueller Missbrauch. Das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch ist kostenfrei und anonym unter 0800 22 55 530 erreichbar, das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer unter 0800 111 0 550.

Das Jugendamt berät Eltern ebenfalls und hat einen gesetzlichen Schutzauftrag (§ 8a SGB VIII). Fachkräfte in Kita, Schule oder Praxis, denen ihr euch anvertraut, haben ihrerseits Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft für Kinderschutz (§ 8b SGB VIII).

So sprecht ihr mit eurem Kind über den Verdacht

  1. Ruhig bleiben, dem Kind glauben und nicht ausfragen oder zur Konfrontation drängen.
  2. Beobachtungen und Aussagen mit Datum sachlich notieren.
  3. Eine spezialisierte Fachberatungsstelle kontaktieren, bevor ihr weitere Schritte geht. Anonyme Beratung ist möglich.

Wenn euer Kind von sich aus erzählt: zuhören, ruhig bleiben, glauben. Ein Satz wie „Gut, dass du mir das sagst. Du hast nichts falsch gemacht“ reicht. Fragt nicht nach Details und stellt keine Fragen, die eine Antwort vorgeben, etwa „Hat Onkel X dich angefasst?“. Versprecht nicht, dass ihr es niemandem erzählt. Sagt stattdessen, dass ihr euch Hilfe holt, damit es aufhört.

Ihr dürft und solltet euch dabei selbst Unterstützung holen. Wut, Schuldgefühle und Zweifel sind in so einer Lage normal. Sprecht darüber in der Beratung oder mit einer vertrauten erwachsenen Person, wenn euer Kind nicht zuhört.

Was bei einem Gewaltverdacht eher schadet

Anonyme, kostenlose Beratung beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch unter 0800 22 55 530 und beim Elterntelefon unter 0800 111 0 550.

Unsicher, wo ihr anfangen sollt?

Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.

Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.

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