Mein Kind zieht sich zurück, wirkt traurig oder antriebslos
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Die Zimmertür bleibt zu, das Training wird abgesagt, und auf „Wie war dein Tag?“ kommt nur ein Schulterzucken. Manches davon gehört zum Großwerden. Hält es Wochen an und wird der Alltag immer kleiner, kann eine Depression dahinterstecken.
Pubertät oder Depression?
Jugendliche ziehen sich von Eltern zurück, das ist Teil der Ablösung. Sie haben schlechte Tage, schlafen lange und finden euch peinlich. Entscheidend ist, ob sie sich gleichzeitig weiter Freunden, Hobbys und eigenen Plänen zuwenden.
Bei einer Depression schrumpft genau das. Typisch sind über mindestens zwei Wochen gedrückte Stimmung, Verlust von Freude und Interesse, Erschöpfung. Dazu kommen oft Schlafprobleme, Appetitveränderungen, Grübeln und Schuldgefühle. Bei Jugendlichen zeigt sich das häufig als Gereiztheit statt Traurigkeit. Sie schnauzen eher, als dass sie weinen.
Auslöser können Liebeskummer, Mobbing, Leistungsdruck, eine Trennung in der Familie oder ein Todesfall sein. Manchmal gibt es keinen erkennbaren Anlass, Depressionen kommen in manchen Familien gehäuft vor.
Seit wann, wie stark, in wie vielen Lebensbereichen
Bevor jemand von Depression spricht, lohnt eine nüchterne Bestandsaufnahme. Wie lange geht das schon? Betrifft es Schule, Freunde, Schlaf und Essen gleichzeitig? Eine Kinderarztpraxis kann zusätzlich prüfen, ob Schilddrüse, Eisenmangel oder ein Infekt wie Pfeiffersches Drüsenfieber die Müdigkeit erklären.
Fragt euer Kind direkt, ob es manchmal denkt, nicht mehr leben zu wollen. Diese Frage bringt niemanden auf die Idee. Sie zeigt, dass ihr auch das Schwerste hören wollt.
Woran ihr den Unterschied zu einer schlechten Phase seht
- Trifft euer Kind sich noch mit Freunden, auch online, oder sagt es alles ab?
- Hat es Hobbys aufgegeben, die ihm vor einem halben Jahr wichtig waren?
- Schläft es deutlich mehr oder kaum noch, isst es auffällig wenig oder viel?
- Sind die Noten abgesackt, fehlen Hausaufgaben, gibt es Fehltage?
- Äußert es Sätze wie „Ist doch eh egal“ oder „Ich bin zu nichts zu gebrauchen“?
- Trinkt es Alkohol, kifft es oder zieht es sich nachts zurück, um zu zocken?
Bei Kindern sieht Niedergeschlagenheit anders aus
Grundschulkinder sagen selten „Ich bin traurig“. Sie klagen über Bauchweh, wollen nicht mehr spielen, weinen schnell oder werden wütend. Ein Kind, das nicht mehr zum Geburtstag der besten Freundin will, sagt damit manchmal mehr als jeder Satz.
Bei Jugendlichen ab etwa zwölf werden Depressionen deutlich häufiger, bei Mädchen häufiger als bei Jungen. Hier kommen Selbstverletzung, Suizidgedanken und Substanzkonsum als Risiken dazu. Die S3-Leitlinie zur Depression im Kindes- und Jugendalter empfiehlt Psychotherapie als erste Behandlung, Medikamente vor allem bei mittelgradigen und schweren Verläufen.
Sätze, bei denen ihr nicht bis morgen wartet
Sofort handeln, wenn euer Kind von Hoffnungslosigkeit oder davon spricht, nicht mehr leben zu wollen, oder sich selbst verletzt.
Spricht euer Kind von Hoffnungslosigkeit, von Sterben, verschenkt es Lieblingssachen oder verabschiedet sich auffällig, lasst es nicht allein und holt Hilfe: 112, die Notaufnahme einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder den Krisendienst eurer Region. Medikamente, Klingen und andere gefährliche Mittel gehören sofort weggeschlossen.
Euer Kind selbst kann rund um die Uhr kostenlos mit krisenchat.de schreiben oder die Nummer gegen Kummer 116 111 anrufen. Ihr erreicht die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Sprechstunde bei einer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder kinder- und jugendpsychiatrische Sprechstunde; Kinderarztpraxis kann den Weg bahnen.
Für Jugendliche gibt es die psychotherapeutische Sprechstunde ohne Überweisung, die Versichertenkarte reicht. Dort wird eingeschätzt, ob eine Behandlung nötig ist und wie dringend. Lange Wartelisten lassen sich über die Terminservicestelle 116 117 teilweise abkürzen.
Kinder- und jugendpsychiatrische Praxen und Institutsambulanzen sind die richtige Adresse, wenn die Lage ernst ist, Medikamente infrage kommen oder Suizidgedanken bestehen. Ab 15 Jahren können Jugendliche sich auch selbst dort melden.
Kontakt halten, ohne zu verhören
- Ruhig und ohne Vorwürfe Interesse zeigen und zuhören, was euer Kind belastet.
- Beobachten, wie lange die Stimmung schon anhält und ob Schlaf, Appetit und Freunde betroffen sind.
- Eine psychotherapeutische Sprechstunde oder kinder- und jugendpsychiatrische Anlaufstelle suchen.
Gute Gespräche entstehen oft nebenbei: im Auto, beim Kochen, beim späten Snack in der Küche. Erzählt, was euch auffällt, ohne zu bewerten: „Du gehst nicht mehr zum Handball, und du wirkst müde. Ich mache mir Sorgen.“ Danach zuhören und aushalten, wenn wenig zurückkommt.
Was bei gedrückter Stimmung selten hilft
- „Reiß dich zusammen“ oder „Andere haben es viel schwerer“.
- Den Rückzug mit Handyverbot bestrafen und damit den letzten Kontakt zu Freunden kappen.
- Alles auf die Pubertät schieben und abwarten.
- Dem Kind Medikamente, Alkohol oder Schlafmittel aus dem Familienbestand zugänglich lassen.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.