Mein Kind weigert sich, zur Schule zu gehen
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Der Rucksack steht gepackt im Flur, und euer Kind kommt nicht aus dem Zimmer. Es weint, schreit oder sagt nur noch „Ich geh da nicht hin“. Schulvermeidung lässt sich gut auflösen, wenn Elternhaus und Schule früh zusammenarbeiten.
Viele Eltern stehen dabei zwischen zwei Stühlen. Die Schulpflicht drückt, das Kind wirkt verzweifelt. Beides stimmt, und beides gehört auf den Tisch.
Angst, Schwänzen oder Rückzug: drei Wege aus der Schule
Fachleute unterscheiden grob drei Formen. Bei der Schulangst fürchtet das Kind etwas in der Schule selbst, eine Prüfung, eine Lehrkraft, Mitschüler, das Vorlesen vor der Klasse. Bei der sogenannten Schulphobie ist es eher die Angst, sich von zu Hause zu trennen, oft mit der Sorge, Mutter oder Vater könnte etwas passieren. Beim Schwänzen weiß das Kind, wo es hingeht, und die Eltern meist nicht.
Dahinter stehen häufig Angststörungen, Depressionen, Mobbing oder unentdeckte Lernschwierigkeiten. Manchmal ist es auch die Familie, die gerade wankt: Trennung, Krankheit, ein Umzug. Ein Kind, das zu Hause bleibt, passt dann auf etwas auf.
Mit der Schule klären, was dort passiert
Ruft die Klassenlehrkraft an und fragt konkret: Wie wirkt euer Kind im Unterricht, mit wem verbringt es die Pausen, gab es Vorfälle? Lehrkräfte sehen andere Dinge als ihr. Bittet auch die Schulsozialarbeit dazu, falls es sie gibt.
Wenn Bauch- oder Kopfschmerzen im Vordergrund stehen, gehört vorher ein Termin in der Kinderarztpraxis dazu. Für alles andere ist der Austausch mit der Schule der erste Schritt.
Was ihr vor dem Gespräch mit der Schule sammeln solltet
- Seit wann fehlt euer Kind, an welchen Tagen und zu welchen Stunden?
- Gibt es Fächer, Lehrkräfte oder Situationen wie Sportunterricht oder Busfahrt, die es besonders meidet?
- Hat es Kontakt zu Klassenkameraden, auch online?
- Wie verbringt es die Tage zu Hause: Bett, Bildschirm, Lernen, Rückzug?
- Sagt euer Kind selbst, wovor es Angst hat, oder weicht es aus?
- Was hat sich in der Familie im letzten halben Jahr verändert?
Grundschule, Wechsel auf die weiterführende Schule, Oberstufe
Bei jüngeren Kindern ist Trennungsangst häufiger, oft nach Ferien, Krankheit oder einem Umzug. Sie klammern morgens an der Tür und beruhigen sich in der Klasse manchmal schnell.
Rund um den Wechsel in die fünfte Klasse und später in der achten, neunten Klasse häufen sich die Fälle. Bei Jugendlichen stecken öfter soziale Ängste, Depressionen oder Mobbing dahinter, und der Rückzug zieht sich über Wochen ins Zimmer und vor den Bildschirm.
Wenn sich hinter der Weigerung Hoffnungslosigkeit zeigt
Dringlich, wenn die Schulvermeidung mehrere Wochen anhält, mit starker Angst oder Rückzug einhergeht.
Wenn euer Kind sagt, es sehe keinen Sinn mehr, sich verletzt oder von Sterben spricht, geht es nicht mehr um Schule. Dann gilt die Notfallroute: 112, die Notaufnahme einer Kinder- und Jugendpsychiatrie oder ein Krisendienst.
Fehlt euer Kind bereits mehrere Wochen, braucht es zeitnah fachliche Hilfe. Manche Schulen leiten nach längeren Fehlzeiten auch Bußgeld- oder Jugendamtsverfahren ein. Wer früh mit der Schule spricht und Hilfe sucht, kann das meist abwenden.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Schulpsychologie, Erziehungsberatung, Psychotherapie
Gespräch mit der Schule sowie Schulpsychologie oder Erziehungsberatung; bei anhaltender Angst fachliche Abklärung.
Der schulpsychologische Dienst des Schulamts berät Eltern, Kind und Lehrkräfte gemeinsam und ist kostenlos. Erziehungsberatungsstellen helfen ebenfalls ohne Antrag. Beide kennen Wiedereinstiegspläne, etwa erst zwei Stunden am Tag, dann mehr.
Bei deutlichen Ängsten oder gedrückter Stimmung folgt die psychotherapeutische Sprechstunde. Kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanzen und Tageskliniken haben teils eigene Angebote für Schulvermeidung.
Den Tag zu Hause nicht gemütlicher machen als die Schule
- Konkrete Beobachtungen sammeln: seit wann, welche Fächer, welche Situationen.
- Frühzeitig Kontakt mit der Schule aufnehmen, bevor Fehlzeiten sich verfestigen.
- Nach schulpsychologischer Beratung oder einer Erziehungsberatungsstelle suchen.
Bleibt euer Kind daheim, gelten Schulzeiten: aufstehen, anziehen, Aufgaben, kein Bildschirm bis zum Nachmittag. So bleibt der Rhythmus erhalten, an den die Rückkehr anknüpfen kann. Bittet die Schule um Material, damit der Abstand zum Stoff nicht wächst.
Was die Rückkehr in die Klasse erschwert
- Das Kind mit Gewalt oder Drohungen in die Schule bringen.
- Es dauerhaft krankschreiben lassen, ohne dass jemand an den Gründen arbeitet.
- Den Schulwechsel als einzige Lösung sehen, bevor klar ist, was los ist.
- Monatelang warten, weil eine Therapie erst in einem halben Jahr beginnt. Schulpsychologie und Beratung können vorher anfangen.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.