Mein Kind verletzt sich selbst
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Lange Ärmel im Hochsommer, Pflaster an den Unterarmen, verschwundene Anspitzerklingen. Wenn ihr entdeckt, dass euer Kind sich selbst verletzt, ist der Schreck riesig. Selbstverletzung braucht fachliche Hilfe und lässt sich behandeln.
Zwei Dinge gehören auseinander: Selbstverletzung ohne Todeswunsch und Suizidgedanken. Beide können zusammen auftreten, sie sind aber nicht dasselbe, und sie verlangen unterschiedlich schnelles Handeln.
Druck abbauen mit der Klinge
Nicht-suizidale Selbstverletzung, Fachleute schreiben NSSV, meint absichtliches Ritzen, Schneiden, Verbrennen, Kratzen oder Schlagen ohne die Absicht zu sterben. Für viele Jugendliche ist es ein Weg, unerträgliche Anspannung, Leere oder Wut schnell loszuwerden. Die Erleichterung hält kurz, danach kommen oft Scham und der nächste Druck.
Selbstverletzung ist keine eigene Krankheit. Sie tritt bei Depressionen, Ängsten, Essstörungen, nach traumatischen Erlebnissen oder bei Mobbing auf, manchmal auch bei Jugendlichen ohne weitere Diagnose. Manche haben es in sozialen Medien oder von Freundinnen gesehen.
Suizidgedanken sind etwas anderes. Hier geht es um den Wunsch, nicht mehr da zu sein. Jugendliche, die sich wiederholt verletzen, haben ein höheres Risiko für Suizidgedanken. Deshalb fragt jede Fachperson danach, und ihr dürft es auch.
Wunde versorgen, dann die Gefahr einschätzen
Klafft eine Wunde, blutet sie stark, ist sie tief oder entzündet, muss sie ärztlich versorgt werden. Denkt auch an den Tetanusschutz. In der Kinderarztpraxis oder Notaufnahme dürft ihr sagen, wie die Verletzung entstanden ist. Das hilft, die richtige Weiterbehandlung zu bahnen.
Danach kommt die wichtigste Frage, ruhig gestellt: „Hast du dabei auch daran gedacht, dich umzubringen?“ Die Antwort entscheidet, ob ihr heute einen Termin vereinbart oder sofort Krisenhilfe holt.
Was ihr wissen solltet, bevor ihr Hilfe anruft
- Seit wann verletzt sich euer Kind, wie oft und womit?
- Werden die Verletzungen tiefer oder häufiger?
- Was passiert vorher: Streit, Einsamkeit am Abend, Nachrichten im Gruppenchat?
- Spricht euer Kind über Sterben, sucht es im Internet nach Methoden oder hat es einen Plan erwähnt?
- Gibt es zusätzlich Essprobleme, Alkohol, Drogen oder Schlaflosigkeit?
- Mit wem redet euer Kind, wenn es ihm schlecht geht?
Meist beginnt es mit zwölf bis fünfzehn
Selbstverletzung beginnt meist im frühen Jugendalter, viele hören nach einigen Jahren wieder auf. Bei Kindern unter zwölf ist sie seltener. Wenn ein jüngeres Kind sich wiederholt schlägt, beißt oder den Kopf anschlägt, hat das oft andere Gründe und gehört kinderärztlich und kinderpsychiatrisch angeschaut.
Jugendliche ab 15 können selbst eine Beratung oder psychotherapeutische Sprechstunde aufsuchen. Manche tun das lieber ohne die Eltern. Das ist ein guter Schritt, auch wenn es euch ausschließt.
Bei Suizidgefahr zählt jede Stunde
Sofort, wenn Verletzungen versorgt werden müssen oder euer Kind von Suizid spricht. Dann gilt die Notfallroute.
Wenn euer Kind konkrete Gedanken oder Pläne hat, sich das Leben zu nehmen: nicht allein lassen, Medikamente, Klingen, Seile und andere gefährliche Mittel sichern oder aus der Wohnung schaffen und sofort Hilfe holen. Wählt 112 oder fahrt in die Notaufnahme der nächsten Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Wenn es keine akute Gefahr gibt, ihr aber Rat braucht, hilft die TelefonSeelsorge unter 0800 111 0 111 oder 116 123, für euer Kind die Nummer gegen Kummer 116 111 oder krisenchat.de per Chat, rund um die Uhr und kostenlos.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Krisendienst als Anlaufstelle
Kinder- und jugendpsychiatrische Sprechstunde oder Krisendienst; bei frischen oder tiefen Verletzungen ärztliche Versorgung.
Kinder- und jugendpsychiatrische Praxen und Institutsambulanzen der Kliniken sind für Selbstverletzung die erste Fachstelle, weil sie die Gefahr einschätzen und bei Bedarf schnell stationär aufnehmen können. Viele Bundesländer und Großstädte haben zusätzlich Krisendienste mit eigener Nummer.
In der Therapie lernen Jugendliche, Anspannung zu bemerken und anders zu regulieren. Für Jugendliche mit wiederholter Selbstverletzung gibt es spezialisierte Programme wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie für Adoleszente (DBT-A).
Das erste Gespräch nach der Entdeckung
- Ruhig bleiben, das Gespräch ohne Drohung oder Bestrafung suchen und ernst nehmen.
- Gefährliche Gegenstände aus der unmittelbaren Reichweite nehmen. Bei Suizidgefahr zusätzlich weitere gefährliche Mittel sichern, das Kind nicht allein lassen und sofort Krisenhilfe organisieren.
- Zeitnah eine kinder- und jugendpsychiatrische Anlaufstelle oder den Krisendienst kontaktieren.
Schaut euch die Wunden ruhig an, versorgt sie und sagt, dass ihr helfen wollt. Fragt, was vorher los war und wie sich der Druck angefühlt hat. Viele Jugendliche erzählen erst Tage später mehr. Ein Notfallplan auf Papier hilft beiden Seiten: Wen ruft dein Kind an, wenn der Druck steigt, was tut es stattdessen, wo liegen die Nummern?
Reaktionen, die Selbstverletzung oft verstärken
- Ein Versprechen erzwingen, dass es nie wieder passiert. Das treibt die Verletzungen ins Verborgene.
- Strafen, Hausarrest oder Handyentzug als Reaktion.
- Täglich die Arme kontrollieren. Ausnahme: akute Suizidgefahr, dann sichert ihr gefährliche Mittel konsequent.
- Nur in der Familie bleiben, aus Scham vor Ärzten oder Schule.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.