← Wegweiser

Mein Kind hat Zuckungen oder Laute, die es nicht steuern kann

Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)

Euer Kind blinzelt ständig, zieht die Schulter hoch oder räuspert sich alle paar Minuten und kann es nicht abstellen. Tics sind im Grundschulalter häufig. Bei vielen Kindern verschwinden sie nach Wochen oder Monaten wieder.

Was Eltern am meisten beunruhigt, ist das Unberechenbare. Morgens ist nichts zu sehen, abends vor dem Fernseher zuckt es im Minutentakt. Dieses Auf und Ab gehört zum Bild und sagt allein noch nichts über den Verlauf.

Woher Zucken, Blinzeln und Räuspern kommen

Ein Tic ist eine plötzliche, schnelle Bewegung oder ein Laut, der sich wiederholt und keinem Zweck dient. Motorische Tics sind etwa Blinzeln, Grimassieren, Kopfrucken oder Schulterzucken. Vokale Tics sind Räuspern, Schniefen, Hüsteln, Quieken, seltener Wörter. Viele Kinder spüren kurz vorher ein Kribbeln oder einen Druck an der Stelle, ein sogenanntes Vorgefühl. Der Tic entlädt diese Spannung.

Am häufigsten sind vorübergehende Tics, die weniger als ein Jahr bestehen. Halten motorische oder vokale Tics länger als ein Jahr an, sprechen Fachleute von einer chronischen Ticstörung. Kommen mehrere motorische und mindestens ein vokaler Tic über mehr als ein Jahr zusammen und haben sie vor dem 18. Geburtstag begonnen, heißt das Tourette-Syndrom. Es ist deutlich seltener und verläuft meist milder als das Bild aus Fernsehsendungen. Das Ausrufen von Schimpfwörtern betrifft nur einen kleinen Teil der Betroffenen.

Tics entstehen im Gehirn, und es gibt eine starke erbliche Komponente. Stress, Vorfreude, Müdigkeit und Langeweile verstärken sie. Konzentration auf etwas Spannendes schwächt sie oft ab. Erziehung verursacht keine Tics. Bei einem Teil der Kinder mit länger bestehenden Tics kommen ADHS, Zwänge oder Ängste dazu, und die belasten den Alltag dann oft mehr als die Tics selbst.

Was die Kinderärztin bei Tics ausschließt

Zuerst körperlich abklären: Tics sollten kinderärztlich oder neuropädiatrisch angeschaut werden, um die Ursache einzuordnen.

Ständiges Schniefen und Räuspern hat bei vielen Kindern zuerst eine banale Ursache: Heuschnupfen, Hausstauballergie, ein Infekt, der nachhallt. Häufiges Blinzeln kann von einer Bindehautreizung oder einer Sehschwäche kommen. Das sollte geprüft sein, bevor man von Tics spricht.

Kinderärztlich oder neuropädiatrisch wird außerdem abgegrenzt, ob es sich um eine andere Bewegungsstörung handelt, um Nebenwirkungen von Medikamenten oder um kurze Anfälle. Ein Handyvideo von typischen Momenten hilft dabei sehr, weil Tics in der Praxis oft genau dann verschwinden.

Was ihr vor dem Arzttermin zu den Tics notieren könnt

Zwei Wochen Notizen reichen. Ein Zettel am Kühlschrank genügt.

Tics zwischen Einschulung und Pubertät

Die meisten Tics beginnen im Grundschulalter, oft mit Blinzeln oder Grimassen im Gesicht. Bei Kindern mit chronischen Tics sind sie meist um das zehnte bis zwölfte Lebensjahr am stärksten und werden in der Jugend wieder schwächer. Ein Teil verliert sie bis zum Erwachsenenalter ganz.

Jüngere Kinder merken ihre Tics oft gar nicht. Ab etwa zehn Jahren schämen sich viele und versuchen, sie in der Schule zu unterdrücken. Das kostet Kraft. Zu Hause bricht dann alles heraus, und ihr seht abends das volle Ausmaß, das die Lehrkraft nie zu Gesicht bekommt.

Wann Tics schneller abgeklärt werden sollten

Kein akuter Notfall. Wichtiger wird es, wenn die Tics stark zunehmen, wehtun oder euer Kind darunter leidet.

Plötzlich auftretende, heftige Bewegungen zusammen mit Fieber, Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung oder Lähmung haben mit Tics nichts zu tun. Dann sofort in die Kinderklinik.

Innerhalb weniger Wochen gehört ein Termin auf den Plan, wenn Tics Schmerzen machen, euer Kind sich verletzt, sein Alltag in Schule und Freundschaften deutlich leidet oder zusätzlich Zwänge, starke Unruhe oder eine gedrückte Stimmung auffallen.

Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:

  • Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
  • Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
  • Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.

Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.

Kinderarzt, Neuropädiatrie oder Psychotherapie bei Tics

Kinderärztin oder Kinderarzt, bei Bedarf Neuropädiatrie oder Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Kinderarztpraxis kennt euer Kind und kann viele leichte Tics einordnen. Sie überweist bei Bedarf in die Neuropädiatrie, in eine Tic-Sprechstunde einer Universitätsklinik oder in die Kinder- und Jugendpsychiatrie, vor allem wenn Begleiterkrankungen dazukommen.

Am Anfang steht fast immer Aufklärung: Familie, Kind und Schule verstehen, was Tics sind. Bei vielen Kindern reicht das. Bleiben die Tics und belasten sie, ist eine verhaltenstherapeutische Behandlung erste Wahl. Das Habit-Reversal-Training, oft in der erweiterten Form CBIT angeboten, bringt dem Kind bei, das Vorgefühl zu bemerken und eine unauffällige Gegenbewegung zu machen. Medikamente kommen erst bei starken Tics infrage und werden ärztlich verordnet.

Wie ihr Tics im Alltag gelassener begegnet

  1. Notieren, seit wann die Tics bestehen und ob sie in Stress zunehmen.
  2. Euer Kind nicht ständig darauf hinweisen oder das Unterdrücken verlangen.
  3. Einen kinderärztlichen Termin zur Einordnung vereinbaren.

Erklärt eurem Kind in einfachen Worten, dass sein Körper manchmal etwas von allein macht und dass das bei vielen Kindern so ist. Wenn es möchte, hilft ein kurzer Satz für Mitschüler: „Das ist ein Tic, das mache ich nicht absichtlich.“ Mit der Klassenlehrkraft lohnt ein Gespräch, damit niemand das Räuspern im Unterricht als Störung wertet.

Was Tics eher verstärkt

Unsicher, wo ihr anfangen sollt?

Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.

Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.

Nike fragen