Erst zur Augenärztin, dann zum HNO, dann fällt das Wort Tic
Das Blinzeln fing nach den Sommerferien an. Die Augenärztin fand nichts. Dann kam das Räuspern, und alle dachten an eine Erkältung, die nicht weggeht. Viele Familien machen diesen Umweg, bevor jemand von Tics spricht.
Tics sind plötzliche, wiederkehrende Bewegungen oder Laute, die ein Kind kaum steuern kann. Motorische Tics sind etwa Blinzeln, Grimassen, Kopfrucken oder Schulterzucken. Vokale Tics klingen wie Räuspern, Schniefen, Hüsteln oder Quieken, seltener sind es Wörter. Die Tics wechseln die Form und kommen in Wellen. Aufregung, Vorfreude und Müdigkeit verstärken sie oft. Viele Tics beginnen im Grundschulalter und verschwinden wieder von selbst. Bestehen motorische und vokale Tics zusammen länger als ein Jahr, sprechen Fachleute vom Tourette-Syndrom. Gefährlich sind Tics nicht. Ein heftiges Kopfrucken kann aber den Nacken schmerzen lassen.
Was in welchem Alter auffällt
Kita und Einschulung. Blinzeln, Augenrollen, Naserümpfen. Das Kind selbst bemerkt es oft gar nicht, die Erwachsenen sehen es zuerst.
Grundschule. Ein neuer Tic löst den alten ab. Aus der Schule kommt die Rückmeldung, das Kind mache im Unterricht Geräusche. Nach Schulschluss, auf dem Sofa, häufen sich die Tics. Viele Kinder halten sie in der Klasse zurück, so gut es geht, und zu Hause lässt der Druck nach.
Jugend. Die Scham wächst. Jugendliche meiden Referate, den vollen Bus oder das Kino. Häufig laufen andere Themen mit, etwa ADHS, Zwänge oder Ängste. Manchmal belasten diese mehr als die Tics selbst.
„Das macht er doch mit Absicht“
Diesen Vorwurf hören Kinder mit Tics oft, von Mitschülern, manchmal von Lehrkräften. Er trifft nicht zu. Viele Kinder spüren kurz vor dem Tic ein Kribbeln, einen Druck oder ein Jucken an der Stelle, ähnlich wie vor einem Niesen. Fachleute nennen das Vorgefühl. Der Tic löst dieses Gefühl kurz auf. Unterdrücken geht eine Weile, kostet aber viel Konzentration, und irgendwann kommt der Tic doch.
Kommentiert die Tics zu Hause deshalb am besten gar nicht. Ein „Lass das doch mal“ erhöht den Druck und oft auch die Tics. Im angeleiteten Training der Verhaltenstherapie entscheidet das Kind selbst, wann es übt, und lernt die Technik mit einer Fachperson.
Das Tic-Tagebuch
Eine oder zwei Wochen Notizen zeigen Muster, die im Alltag untergehen: wann es schlimmer wird, was davor passiert, was entlastet. Schreibt unauffällig mit und beobachtet euer Kind dafür nicht ständig. Ältere Kinder können die Spalte zur Anspannung oft selbst ausfüllen. Das ist schon eine erste Übung im Wahrnehmen.
| Zeitpunkt | Welcher Tic | Situation, möglicher Auslöser | Anspannung vorher (0 bis 10) | Was danach half |
|---|---|---|---|---|
| Mo, 7:30 Uhr | Blinzeln, Kopfrucken | Frühstück, heute Diktat | 6 | nicht darauf eingehen, Radio an |
| Mo, 15:00 Uhr | Räuspern in Serien | nach der Schule auf dem Sofa | 8 | eine halbe Stunde draußen |
| Di, 17:00 Uhr | fast keine | Klavier üben | 2 | |
| Mi, 20:30 Uhr | Schulterzucken, Schniefen | beim Einschlafen, morgen Ausflug | 7 | Vorlesen |
Nehmt zusätzlich ein kurzes Handyvideo auf. In der Praxis sind die Tics oft wie weggeblasen, und die Ärztin sieht nur ein ruhiges Kind. Ins Tagebuch gehören auch Schmerzen, Schlafprobleme und Hänseleien, wenn es sie gibt. Eine kürzere Einstiegshilfe bietet der Wegweiser Tics.
Wer Tics behandelt
- Kinderarztpraxis. Ordnet ein, denkt an Allergie, Augen oder andere Bewegungsstörungen und schreibt bei Bedarf eine Überweisung.
- Neuropädiatrie oder SPZ. Wenn die Bewegungen untypisch aussehen oder das Kind noch klein ist.
- Kinder- und jugendpsychiatrische Praxis. Wenn ADHS, Zwänge oder Ängste mitlaufen oder die Tics stark belasten. Dort fällt auch die Entscheidung über Medikamente.
- Verhaltenstherapeutische Praxis für Kinder und Jugendliche. Einstieg über die psychotherapeutische Sprechstunde, Termine vermittelt die 116 117. Fragt gezielt: „Bieten Sie Habit Reversal Training oder CBIT an?“ Nicht jede Praxis hat Erfahrung damit.
Wie behandelt wird
Eine gültige deutsche Leitlinie gibt es derzeit nicht. Die S1-Leitlinie „Tics“ (AWMF 030-012) von 2013 ist seit 2017 abgelaufen. Eine neue S3-Leitlinie („TicCare“) ist seit dem 1. Oktober 2026 angemeldet, die Fertigstellung ist für 2029 geplant. Bis dahin gelten die europäischen Leitlinien der European Society for the Study of Tourette Syndrome (ESSTS) als Referenz.
Deren Teil zu psychologischen Behandlungen empfiehlt als Start in jedem Fall Aufklärung von Kind, Familie und Umfeld. Für viele Kinder mit milden Tics reicht das. Reicht es nicht, sind zwei verhaltenstherapeutische Verfahren erste Wahl. Beim Habit Reversal Training, in erweiterter Form CBIT, lernt das Kind zuerst, das Vorgefühl genau zu bemerken. Dann übt es eine Gegenbewegung, die gleichzeitig mit dem Tic nicht möglich ist, etwa ruhiges Atmen durch die Nase gegen das Räuspern. Bei Exposition mit Reaktionsverhinderung hält das Kind das Vorgefühl immer länger aus, ohne dem Tic nachzugeben. Für HRT und CBIT gibt es die meisten Studien, auch für die Durchführung per Videosprechstunde. Untersucht wurden vor allem Kinder ab etwa acht Jahren, für jüngere sind die Daten noch dünn. Mehr zur Verhaltenstherapie.
Medikamente kommen infrage, wenn Tics stark schmerzen, den Schulbesuch gefährden oder das Kind seelisch schwer belasten. Darüber entscheiden Fachärzt:innen.
Viel bringt Aufklärung in der Klasse. Die ESSTS-Leitlinie verweist auf eine Übersichtsarbeit: Nach solcher Aufklärung wissen Lehrkräfte und Mitschüler mehr über Tics und begegnen dem Kind freundlicher. Manche Kinder erklären ihre Tics gern selbst, andere möchten, dass die Lehrkraft das übernimmt. Fragt euer Kind vorher.
Kosten, Schule und die Zeit bis zum Termin
Diagnostik und Verhaltenstherapie übernimmt die gesetzliche Krankenversicherung, Verhaltenstherapie ist ein anerkanntes Richtlinienverfahren. Belasten die Tics den Familienalltag, hilft die kostenfreie Erziehungsberatung. Für Klassenarbeiten kann die Schule je nach Bundesland einen Nachteilsausgleich gewähren, etwa einen eigenen Raum bei lauten vokalen Tics.
Praxen mit HRT- oder CBIT-Erfahrung haben oft lange Wartelisten. Nutzt die Zeit für das Tagebuch und das Gespräch mit der Schule. Familien mit derselben Erfahrung findet ihr über die Selbsthilfe-Seite, Ideen für die Wartezeit im Ratgeber Wartezeit überbrücken.
Quellen
- AWMF-Leitlinienregister: S1-Leitlinie „Tics“, Registernummer 030-012, Stand 14.05.2013, gültig bis 29.09.2017, abgelaufen. Neue S3-Leitlinie „Diagnostik und Behandlung primärer Tic-Störungen“ (TicCare) angemeldet am 01.10.2026, geplante Fertigstellung 14.09.2029. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/030-012
- Andrén P. et al.: European clinical guidelines for Tourette syndrome and other tic disorders, version 2.0. Part II: psychological interventions. European Child & Adolescent Psychiatry 31 (2022), S. 403 bis 423. DOI 10.1007/s00787-021-01845-z. pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8314030