Mein Kind ist sehr unruhig oder kann sich kaum konzentrieren
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Die Hausaufgaben dauern drei Stunden, das Federmäppchen bleibt in der Schule liegen, und im Elterngespräch fällt zum dritten Mal das Wort „zappelig“. Hinter starker Unruhe kann eine ADHS stecken, sie hat aber viele mögliche Ursachen.
ADHS ist eine Möglichkeit unter mehreren
Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung sind Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Aktivität dauerhaft und in mehreren Lebensbereichen deutlich anders als bei Gleichaltrigen. Für die Diagnose müssen die Auffälligkeiten mindestens sechs Monate bestehen, schon vor dem zwölften Lebensjahr begonnen haben und zu Hause wie in der Schule auftreten.
Ähnlich aussehen können Schlafmangel, eine nicht erkannte Hör- oder Sehschwäche, Über- oder Unterforderung, eine Lese-Rechtschreib- oder Rechenstörung, Ängste, belastende Erlebnisse oder Stress in der Familie. Manche Kinder sind einfach jünger als der Rest der Klasse und sind im Herbst nach der Einschulung noch nicht so weit.
Schlaf, Hören, Sehen und Lernstand abklären
Die Kinderarztpraxis fragt nach Schlaf, Schnarchen, Ernährung und Medikamenten und schaut auf Hören und Sehen. Eine gründliche ADHS-Diagnostik besteht dann aus Gesprächen mit euch und dem Kind, Fragebögen für Eltern und Lehrkräfte, Tests zu Begabung und Lernen und einer Verhaltensbeobachtung.
Ein Fragebogen allein oder ein Computertest reicht nicht. Fragt bei Diagnostikangeboten nach, ob auch die Schule einbezogen wird und Lernstörungen geprüft werden.
Beispiele, die bei der Diagnostik wirklich weiterhelfen
Allgemeine Sätze wie „Er ist unkonzentriert“ helfen weniger als eine konkrete Szene.
- Wie lange schafft euer Kind eine Aufgabe, die ihm keinen Spaß macht, und wie lange beim Lieblingsspiel?
- Verliert es täglich Dinge oder vergisst es Absprachen von vor fünf Minuten?
- Platzt es in Gespräche, kann es beim Spielen nicht warten, bis es dran ist?
- Ist es in der Schule genauso wie zu Hause oder nur an einem Ort?
- Seit welchem Alter fällt das auf? Was stand im Kita-Abschlussbericht?
- Wie schläft euer Kind, und schnarcht es?
- Leidet es selbst darunter, etwa weil es keine Freunde findet oder sich für dumm hält?
Kita-Kind, Grundschüler, Teenager
Im Vorschulalter sind die meisten Kinder lebhaft, und Fachleute stellen die Diagnose hier nur zurückhaltend. Bei sehr jungen Kindern steht Elterntraining im Vordergrund.
In der Grundschule fällt ADHS am häufigsten auf, weil Stillsitzen und Selbstorganisation plötzlich gefordert sind. Im Jugendalter nimmt die sichtbare Unruhe oft ab. Übrig bleiben innere Unruhe, Chaos bei Terminen und Hausaufgaben, riskantes Verhalten. Mädchen mit ADHS fallen häufiger durch Verträumtheit statt Zappeln auf und werden später erkannt.
Wenn Impulsivität gefährlich wird
Kein akuter Notfall. Dringlicher, wenn euer Kind in Schule und Familie stark leidet oder sich gefährdet.
Dringlicher wird es, wenn euer Kind wiederholt ohne zu schauen auf die Straße rennt, sich häufig verletzt, sehr aggressiv wird oder in der Schule kurz vor dem Ausschluss steht. Dann lohnt ein Anruf in der Praxis mit der Bitte um einen früheren Termin.
Kommen Rückzug, Selbstabwertung oder Gedanken, nicht mehr leben zu wollen, dazu, gilt das wie bei jedem Kind: sofort Hilfe holen.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Wer ADHS-Diagnostik macht und wie man drankommt
Kinderärztin oder Kinderarzt als Lotse, danach eine auf Diagnostik spezialisierte Praxis, Kinder- und Jugendpsychiatrie oder ein SPZ.
Diagnostik bieten Kinder- und jugendpsychiatrische Praxen, Sozialpädiatrische Zentren, Institutsambulanzen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutinnen mit diesem Schwerpunkt. Kinderarztpraxen mit Zusatzqualifikation übernehmen das teilweise selbst. Die Wartezeiten sind vielerorts lang, also früh anmelden.
Behandelt wird je nach Alter und Schwere mit Elterntraining, Psychotherapie, Unterstützung in der Schule und gegebenenfalls Medikamenten. Die S3-Leitlinie zu ADHS ist von 2017 und wird derzeit überarbeitet.
Den Familienalltag sofort etwas leichter machen
- Beobachtungen aus Familie und Schule schriftlich sammeln, möglichst mit Beispielen.
- In der Schule nach einer Einschätzung fragen und sie festhalten.
- Nach einer Diagnostikstelle für Aufmerksamkeit und Verhalten in eurer Region suchen.
Kurze Aufgaben statt langer Listen, ein fester Platz für Schulsachen, ein Wecker für Hausaufgabenpausen. Lob für das, was klappt, sofort und konkret. Und klärt mit der Lehrkraft, ob euer Kind vorne sitzen und kurze Bewegungspausen machen darf.
Was bei Unruhe und Ablenkbarkeit wenig bringt
- Strafarbeiten oder lange Hausaufgabensitzungen bis in den Abend.
- Eine Diagnose per Online-Selbsttest.
- Zucker- oder Spezialdiäten ohne Abklärung, ihr Nutzen ist für die meisten Kinder nicht belegt.
- Das Kind vor anderen als „ADHSler“ vorstellen, bevor überhaupt diagnostiziert wurde.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.