Zu Hause ein Wasserfall, in der Kita kein Ton
Im Auto erzählt eure Tochter ohne Pause von den Dinos aus dem Bilderbuch. Im Flur der Kita sieht sie die Erzieherin, und die Stimme ist weg. Sie nickt vielleicht noch, zeigt auf ihren Haken an der Garderobe, sonst nichts. Das kann über Monate so bleiben.
Beim selektiven Mutismus spricht ein Kind in vertrauter Umgebung normal und verstummt zuverlässig in bestimmten anderen Situationen, meistens in Kita oder Schule. Dahinter steckt fast immer Angst. Der Körper schaltet in der gefürchteten Situation auf Erstarren, und die Stimme ist das Erste, was dabei wegbricht. In diesem Moment kommt das Kind schlicht nicht an seine Stimme heran, auch wenn es sprechen möchte.
Fachleute sprechen von selektivem Mutismus, wenn das Schweigen länger als einen Monat anhält und nicht nur die ersten Wochen nach dem Kita- oder Schulstart betrifft. Kinder, die gerade Deutsch als neue Sprache lernen, schweigen oft eine Zeit lang. Das ist eine normale Phase des Spracherwerbs und für sich kein Mutismus.
Von der Kita bis zur weiterführenden Schule
In der Kita spricht das Kind mit euch beim Abholen, verstummt aber, sobald die Erzieherin dazukommt. Manche gehen dort nicht auf die Toilette oder essen kaum, weil sie dafür fragen müssten. Im Spiel mit anderen Kindern ist es oft trotzdem dabei, nur eben stumm.
In der Grundschule hat die Klassenlehrerin die Stimme des Kindes nach einem halben Jahr noch nie gehört. Vorlesen und Melden gehen nicht, mündliche Noten fallen schlecht aus. Manche Kinder flüstern mit einer einzigen Freundin, die dann für sie antwortet.
Bei Jugendlichen, deren Mutismus nie behandelt wurde, kommt oft soziale Angst dazu. Telefonieren, ein Referat oder eine Frage beim Bäcker werden unmöglich, der Freundeskreis schrumpft. Mit jedem Jahr ohne Behandlung gibt es mehr Situationen, in denen das Kind nie gesprochen hat. Wenn ihr unsicher seid, ob das Verhalten schon über Schüchternheit hinausgeht, hilft der Wegweiser zu Mutismus.
Kommunikationsstufen in Kita und Schule
Kinder mit Mutismus kommen selten von null auf ganze Sätze. Sie gehen Stufen hinauf und manchmal wieder eine hinunter. Diese Tabelle ist eine Orientierung für Erzieher:innen und Lehrkräfte. Welche Stufe gerade dran ist, stimmt ihr mit der Therapie ab.
| Stufe | So sieht es aus | Was in Kita und Schule hilft |
|---|---|---|
| 1. Erstarren | Das Kind steht still, schaut nach unten, reagiert kaum | Nähe ohne Erwartung, neben dem Kind spielen oder arbeiten, keine Fragen |
| 2. Zeigen und Nicken | Ja und Nein mit dem Kopf, auf Dinge zeigen, Daumen hoch | Ja-Nein-Fragen und Auswahlfragen stellen, Bildkarten anbieten |
| 3. Schreiben und Malen | Schulkinder schreiben Antworten auf, Kita-Kinder malen | Antwortkarten oder ein kleines Whiteboard auf dem Tisch |
| 4. Geräusche | Lachen, Pusten, Summen, Tierlaute im Spiel | Spiele mit Geräuschen, ohne das zu kommentieren |
| 5. Flüstern zu einer Person | Das Kind flüstert einer Freundin oder einem Elternteil etwas zu | Die geflüsterte Antwort über diese Person annehmen |
| 6. Sprechen mit einer Bezugsperson allein | Leise Wörter oder Sätze, nur zu zweit, oft im Nebenraum | Feste Zeit, fester Raum, immer dieselbe Person |
| 7. Sprechen in der kleinen Gruppe | Zwei oder drei vertraute Kinder sind dabei | Die Gruppe bleibt gleich, neue Kinder kommen einzeln dazu |
| 8. Sprechen vor der Klasse | Antworten im Unterricht, später Vorlesen | Erst kurze, vorbereitete Beiträge |
Was Erzieher:innen und Lehrkräfte besser lassen
- Zum Sprechen auffordern, auch freundlich: „Sag doch mal Tschüss.“
- Eine Belohnung fürs erste Wort vor der Gruppe ausloben. Damit wird das erste Wort zur Bühnenprüfung, und die Angst steigt.
- Laut reagieren, wenn das Kind doch spricht („Oh, du kannst ja reden!“). Viele Kinder verstummen danach wieder für Wochen.
- Andere Kinder für das Kind antworten lassen, ohne dass es dabei mitentscheiden kann.
- Mündliche Leistungen benoten, ohne eine andere Form anzubieten.
Was stattdessen hilft
- Fragen so stellen, dass Zeigen oder Nicken als Antwort reicht.
- Wenn das Kind spricht, ruhig weitermachen und später unter vier Augen kurz anerkennen.
- Für mündliche Noten Alternativen vereinbaren, etwa eine Audioaufnahme von zu Hause. In der Schule kann ein Nachteilsausgleich das absichern.
- Regelmäßig kurz mit euch und der Therapie sprechen, damit alle an derselben Stufe arbeiten.
Für das Gespräch mit Kita oder Schule gibt es eine eigene Vorbereitung unter Gespräch mit Schule und Kita.
Leitlinie und Behandlung
Für selektiven Mutismus gibt es im AWMF-Register keine Leitlinie, auch keine angemeldete. Die S3-Leitlinie zu Angststörungen bei Erwachsenen (051-028) schließt Mutismus ausdrücklich aus. Ein Beitrag im Deutschen Ärzteblatt (2015) beschreibt Mutismus als Thema, das eine einzelne Fachrichtung nicht abdecken kann. Sprachtherapie, Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten im besten Fall zusammen. In Deutschland gibt es sprachtherapeutische Konzepte wie die Dortmunder Mutismus-Therapie (DortMuT), die auch verhaltenstherapeutische Elemente nutzen. Zu ihrer Wirksamkeit liegen bisher nur wenige Studien vor.
In der Behandlung beginnt die Arbeit meist dort, wo das Kind schon spricht, und weitet den Kreis in kleinen Schritten aus. Eine vertraute Person kommt dazu, dann ein neuer Raum, dann ein Laut in der Kita. Aufnahmen und Flüstern sind Brücken. Das Vorgehen folgt dem Prinzip der kognitiven Verhaltenstherapie bei Angst.
Kinderarzt, Logopädie, Psychotherapie: wer was übernimmt
Die Kinderarztpraxis prüft Gehör und Sprachentwicklung. Sie kann Sprachtherapie (Logopädie) als Heilmittel auf Rezept verordnen, über Notwendigkeit und Umfang entscheidet die verordnende Ärztin oder der Arzt. Fragt in der logopädischen Praxis vorher: „Haben Sie Erfahrung mit selektivem Mutismus?“
Eine Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie behandelt die Angst hinter dem Schweigen. Den Einstieg bildet die psychotherapeutische Sprechstunde, Termine vermittelt die 116 117.
Die kinder- und jugendpsychiatrische Praxis klärt ab, ob noch etwas anderes dahintersteckt, zum Beispiel eine Autismus-Spektrum-Störung oder eine Sprachentwicklungsstörung. Bei kleinen Kindern mit unklarer Entwicklung kann auch ein Sozialpädiatrisches Zentrum die richtige Adresse sein, dafür braucht ihr eine Überweisung.
Was ihr vor dem ersten Termin vorbereitet
- Eine kurze Audio- oder Videoaufnahme, auf der euer Kind zu Hause spricht. Nur mit seinem Einverständnis. Die Ärztin hört das Kind sonst womöglich nie.
- Eine Sprechkarte: mit wem und wo euer Kind spricht, flüstert oder schweigt. Mama ja, Opa ja, Nachbarin nein, Erzieherin nur über die Freundin.
- Eine schriftliche Rückmeldung aus Kita oder Schule.
- Das gelbe Untersuchungsheft mit Hörtests und Sprachentwicklung.
- Welche Sprachen in der Familie gesprochen werden.
Logopädie auf Rezept, Wartelisten für die Therapie
Logopädie auf Rezept, die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und die kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung zahlt die gesetzliche Krankenkasse. Für Kinder und Jugendliche unter 18 fällt bei Heilmitteln keine Zuzahlung an. Privat Versicherte klären die Kostenübernahme vorher nach Tarif. Erziehungsberatung ist kostenfrei.
Sowohl für Psychotherapie als auch für Logopädie mit Mutismus-Erfahrung gibt es Wartelisten. Lasst euer Kind in dieser Zeit weiter in Kita oder Schule gehen. Jeder Tag zu Hause füttert die Angst. Was ihr bis zum Therapiebeginn tun könnt, steht unter Wartezeit überbrücken. Freie Plätze findet ihr über den Therapieplatz-Helfer.
Quellen
- Subellok K, Starke A: Selektiver Mutismus. Ein interdisziplinäres Phänomen. Deutsches Ärzteblatt PP 2015; 13(10): 455-456. aerzteblatt.de/archiv/172527
- AWMF-S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“, Register 051-028, Stand 16.06.2021, gültig bis 05.04.2026 (abgelaufen). Gilt für Erwachsene und schließt selektiven Mutismus ausdrücklich aus. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/051-028
- AWMF-Leitlinienregister: keine Leitlinie und keine Anmeldung zu selektivem Mutismus (Abfrage Oktober 2026). register.awmf.org
- ICD-10-Code F94.0 „Elektiver Mutismus“, Erklärung auf gesund.bund.de. gesund.bund.de/icd-code-suche/f94-0