Was hinter Selbstverletzung steckt
Wenn ein Kind sich selbst verletzt, ist das fast immer ein verzweifelter Versuch, mit unerträglicher innerer Anspannung, Leere oder Schmerz fertigzuwerden, wenn die Worte dafür fehlen. Es ist ein Signal, kein Spiel und kein Mittel, um euch zu manipulieren. Selbstverletzung kann, muss aber nicht mit Suizidgedanken einhergehen. Beides ist ernst, und beides verdient ruhige, klare Reaktion statt Panik oder Strafe.
Im Notfall zuerst
Bei Suizidgedanken oder konkreten Plänen, bei tiefen oder stark blutenden Wunden und immer, wenn die Lage nicht mehr sicher ist: sofort Notruf 112 oder die nächste Kinderklinik-Notaufnahme. Rund um die Uhr und kostenlos erreichbar sind die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111, die Nummer gegen Kummer unter 116 111 und der Chat von krisenchat.de für junge Menschen. Lieber einmal zu früh Hilfe holen als einmal zu spät. Alles Weitere unter Notfall und Krise.
Woran ihr es merken könnt
Unerklärliche Schnitte, Kratzer oder Verbrennungen, oft an Armen oder Oberschenkeln. Lange Ärmel auch im Sommer, Rückzug, Stimmungsschwankungen, Verschwinden von Rasierklingen oder Ähnlichem. Viele Jugendliche verbergen es aus Scham sehr lange.
Wie ihr darauf zugeht
Ruhig bleiben, ohne Vorwurf, ohne Drama. Sagt, dass euch die Verletzungen aufgefallen sind, und hört dann vor allem zu. Bei selbstverletzendem Verhalten ohne Suizidgedanken helfen reine Verbote, Kontrollen oder Durchsuchungen meist nicht dauerhaft, weil sie den inneren Druck nicht lösen. Wenn aber Suizidgedanken, konkrete Pläne oder eine akut unsichere Situation dazukommen, geht Sicherheit vor: gefährliche Mittel vorübergehend sichern, das Kind nicht allein lassen und sofort 112, eine Notaufnahme oder den Krisendienst kontaktieren. Die hilfreichste Botschaft bleibt: Ich sehe das, ich verurteile dich nicht, und wir suchen gemeinsam Hilfe.
Wie behandelt wird
Selbstverletzung ist behandelbar. Anlaufstellen sind kinder- und jugendpsychiatrische sowie psychotherapeutische Praxen und Ambulanzen, die Kinderarztpraxis kann ein erster, niedrigschwelliger Schritt sein. Wichtig ist, die Gründe dahinter anzugehen, nicht nur das Verhalten. Den Weg dorthin sortiert der Hilfeweg, bei akuter Gefahr gilt aber immer zuerst der Notruf.
Warum ein Verbot allein nicht reicht
Selbstverletzung ist für viele Jugendliche eine Notlösung, die in dem Moment tatsächlich etwas leistet: Sie macht unerträgliche innere Anspannung für einen Augenblick aushaltbar. Wer nur das Verhalten verbietet, ohne dass es etwas gibt, das an seine Stelle tritt, nimmt dem Kind sein einziges Ventil und lässt es mit dem Druck allein. Deshalb arbeitet eine Therapie nicht zuerst am Aufhören, sondern daran, andere Wege zu finden, mit dem Druck umzugehen, und zu verstehen, woher er kommt. Das Aufhören ist das Ergebnis, nicht der erste Schritt. Verbote, Strafen oder das tägliche Kontrollieren der Arme verschieben die Sache meist nur weiter ins Verborgene.
Wenn ihr selbst erschreckt
Zu entdecken, dass das eigene Kind sich verletzt, löst Angst, Hilflosigkeit, manchmal Wut aus. Das ist menschlich, und es darf sein. Nur sollte es nicht die erste Reaktion sein, die euer Kind zu sehen bekommt, denn Scham ist ohnehin schon der Grund, warum es so lange verborgen blieb. Holt euch eigene Entlastung, bei einer Beratungsstelle, beim Elterntelefon der Nummer gegen Kummer unter 0800 111 0 550 oder in der späteren Behandlung. Ihr müsst nicht die Therapeuten eures Kindes sein. Ihr müsst die Eltern bleiben, die nicht weglaufen.