Mein Kind hat starke Ängste oder Panik
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Euer Kind schläft nur noch mit Licht, sagt den Kindergeburtstag ab oder bekommt im Supermarkt Herzrasen und Atemnot. Ängste gehören zum Aufwachsen. Werden sie so groß, dass das Leben um sie herum schrumpft, gibt es gute Hilfe.
Normale Angst, Angststörung oder etwas dazwischen
Jedes Kind kennt Ängste: vor Dunkelheit, Hunden, Gewitter, fremden Menschen. Sie tauchen in bestimmten Altersphasen auf und verschwinden meist wieder. Von einer Angststörung sprechen Fachleute, wenn die Angst viel stärker ist, als die Situation hergibt, lange anhält und euer Kind deshalb Dinge vermeidet, die es eigentlich will oder muss.
Häufige Formen sind Trennungsangst, spezifische Phobien, soziale Angst vor Bewertung, generalisierte Sorgen und bei Jugendlichen Panikattacken. Oft hat ein ängstliches Temperament, eine belastende Erfahrung oder ein Elternteil, das selbst viel Angst hat, einen Anteil.
Herzrasen, Schwindel und Atemnot können sich wie ein Herzanfall anfühlen. Bei den ersten Attacken ist eine ärztliche Untersuchung sinnvoll, auch um euch und dem Kind die Sorge vor einer Herzkrankheit zu nehmen.
Körperliche Symptome einmal sauber anschauen lassen
Bei Herzklopfen, Zittern oder Atemnot schaut die Kinderarztpraxis auf Herz, Schilddrüse, Blutzucker und Asthma. Auch Koffein aus Energydrinks kann Unruhe und Herzrasen auslösen.
Ist körperlich alles in Ordnung, hilft eine nüchterne Bestandsaufnahme: In welchen Situationen tritt die Angst auf, was vermeidet euer Kind, und was kostet das an Alltag?
Wie viel Platz die Angst schon einnimmt
- Was genau macht Angst, und was befürchtet euer Kind, was passieren könnte?
- Welche Situationen meidet es inzwischen: Übernachten, Busfahren, Melden im Unterricht, Telefonieren?
- Wie viel Zeit am Tag kreisen Gedanken und Fragen um das Thema?
- Fragt es ständig nach Rückversicherung, etwa „Bist du sicher, dass nichts passiert?“
- Wie reagiert ihr, wenn die Angst kommt, und übernehmt ihr Dinge für euer Kind?
- Schläft es schlecht, hat es Bauchweh oder Kopfschmerzen vor bestimmten Ereignissen?
Monster mit vier, Blamage mit vierzehn
Kleinkinder fürchten Trennung, Vorschulkinder Dunkelheit und Fantasiewesen, Grundschulkinder eher reale Gefahren wie Einbrecher, Krankheit, Unfälle. Das ist entwicklungstypisch und gibt sich meist.
In der Pubertät rücken soziale Ängste und Panikattacken in den Vordergrund. Eine unbehandelte Angststörung kann sich später mit Depressionen verbinden. Deshalb lohnt es sich, nicht jahrelang abzuwarten.
Wann Angst schnell fachliche Hilfe braucht
Dringlicher, wenn Ängste den Alltag stark einschränken, Schule oder Schlaf betroffen sind.
Dringlich wird es, wenn euer Kind wegen der Angst nicht mehr zur Schule geht, kaum noch isst oder schläft oder sich ganz von Freunden zurückzieht. Ruft dann bei der Terminservicestelle 116 117 an und fragt nach einer psychotherapeutischen Sprechstunde.
Kommen Hoffnungslosigkeit oder Gedanken an den Tod dazu, gilt die Notfallroute mit 112 oder der nächsten Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Psychotherapie mit Übungen gegen die Angst
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie; bei körperlichen Symptomen kann die Kinderarztpraxis zuerst einordnen.
Für Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen ist kognitive Verhaltenstherapie mit schrittweiser Konfrontation am besten untersucht. Euer Kind lernt dort in kleinen Schritten, gefürchtete Situationen wieder zu betreten, bis die Angst merklich kleiner wird. Eltern werden meist eingebunden.
Der Einstieg läuft über die psychotherapeutische Sprechstunde, ohne Überweisung. Bei körperlichen Beschwerden kann die Kinderarztpraxis zuerst einordnen und danach den Weg in die Psychotherapie bahnen.
Mut in kleinen Portionen
- Notieren, in welchen Situationen die Angst auftritt und was hilft.
- Euer Kind nicht in die angstauslösende Situation zwingen, aber auch nicht jede Vermeidung mitgehen.
- Eine psychotherapeutische Sprechstunde für Kinder und Jugendliche suchen.
Sucht mit eurem Kind einen kleinen Schritt, der machbar ist, etwa fünf Minuten beim Nachbarshund stehen, und lobt den Versuch. Erklärt, dass Angst kommt, steigt und von allein wieder sinkt, wenn man bleibt. Eine Skala von 0 bis 10 hilft Kindern, ihre Angst zu benennen. Wenn euer Kind nach dem dritten Versuch nur noch bei 4 statt bei 8 landet, ist das ein Erfolg, den ihr laut feiern dürft. Schreibt euch auch auf, was ihr selbst sagt, wenn die Angst kommt. Viele Eltern merken dabei, wie oft sie beruhigen, bevor das Kind es selbst versuchen konnte.
Gut gemeint und trotzdem angstverstärkend
- Alles abnehmen: Bestellen, Telefonieren, Absagen. Die Vermeidung wird so dauerhaft.
- Mit „Stell dich nicht so an“ abwiegeln.
- Ein Kind unvorbereitet in die schlimmste Situation schicken, damit es „sieht, dass nichts passiert“.
- Jede Sorge ausführlich bereden, bis spät abends.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.