Mein Kind isst kaum noch oder hat stark abgenommen
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Die Hosen schlackern, das Pausenbrot kommt unberührt zurück, und beim Abendessen schiebt euer Kind die Nudeln auf dem Teller hin und her. Starker Gewichtsverlust bei Kindern und Jugendlichen ist körperlich gefährlich und gehört schnell in ärztliche Hände.
Eltern merken oft zuerst Kleinigkeiten. Plötzlich wird nur noch Salat gegessen, das Kind geht nach jeder Mahlzeit sofort ins Bad oder joggt bei Regen. Solche Beobachtungen sind wertvoll, auch wenn sie sich wie Spionieren anfühlen.
Magersucht, Ekel vor Essen oder ein körperlicher Grund
Bei Jugendlichen, vor allem Mädchen in und nach der Pubertät, steckt hinter starkem Abnehmen häufig eine Magersucht (Anorexia nervosa). Typisch ist die große Angst zuzunehmen, obwohl der Körper schon zu dünn ist. Bulimie fällt weniger am Gewicht auf und mehr an Essanfällen, Erbrechen oder Abführmitteln.
Jüngere Kinder hören aus anderen Gründen auf zu essen. Manche essen nach einem Verschlucken oder Erbrechen aus Angst kaum noch, andere nur eine Handvoll vertrauter Lebensmittel. Fachleute sprechen dann von einer vermeidend-restriktiven Essstörung (ARFID). Mit Schlanksein hat das nichts zu tun.
Auch Depressionen, Mobbing oder ein Verlust verschlagen den Appetit. Und es gibt körperliche Ursachen wie Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, eine Schilddrüsenüberfunktion oder einen beginnenden Diabetes. Deshalb steht die Untersuchung am Anfang, egal wie eindeutig die Lage für euch aussieht.
Puls, Gewicht und Blutwerte zuerst
Zuerst körperlich abklären: Starker Gewichtsverlust und Nahrungsverweigerung können körperlich gefährlich werden. Eine ärztliche Untersuchung von Gewicht und Kreislauf hat Vorrang.
In der Kinderarztpraxis werden Gewicht und Größe gemessen und in die Wachstumskurve eingetragen, dazu Puls, Blutdruck, Temperatur und Blutwerte. Ein sehr langsamer Puls oder niedrige Kaliumwerte, etwa nach häufigem Erbrechen, sind gefährlich, auch wenn euer Kind noch zur Schule geht und funktioniert.
Ihr dürft der Praxis vorab schreiben oder am Telefon sagen, dass ihr eine Essstörung vermutet. Viele Jugendliche spielen die Lage im Sprechzimmer herunter. Eure Beobachtungen helfen der Ärztin, richtig einzuschätzen.
Was ihr beim Essen und drumherum beobachten könnt
- Welche Lebensmittel sind in den letzten Wochen weggefallen, und isst euer Kind noch mit der Familie?
- Wie viel wiegt es heute im Vergleich zum letzten Arztbesuch, und passen Kleidergrößen noch?
- Verschwindet es nach dem Essen auffällig schnell ins Bad, oder findet ihr Abführmittel?
- Treibt es exzessiv Sport, auch wenn es krank oder erschöpft ist?
- Ist bei eurer Tochter die Periode ausgeblieben?
- Friert es ständig, ist ihm schwindelig, wirkt es blass oder ist es beim Aufstehen schon einmal umgekippt?
- Spricht es oft über Kalorien, wiegt es sich mehrmals täglich oder folgt es Accounts zu Diäten und „Clean Eating“?
Was bei Achtjährigen anders ist als bei Fünfzehnjährigen
Bei Grundschulkindern geht es seltener ums Aussehen. Hier stehen Ängste, Ekel oder starke Wählerischkeit im Vordergrund, und Kinder dieses Alters haben wenig Reserven, weil sie eigentlich wachsen müssten. Ein Gewichtsstillstand über Monate ist bei ihnen schon ein Warnzeichen.
Bei Jugendlichen mit Magersucht ist die familienbasierte Behandlung oft der erste Weg. Eltern übernehmen dabei für eine Zeit wieder die Verantwortung für die Mahlzeiten, angeleitet durch eine Therapeutin. Bei jungen Erwachsenen ab 18 entscheiden sie selbst, Eltern bleiben dann in einer begleitenden Rolle.
Woran ihr merkt, dass es nicht bis zum Termin warten kann
Sofort ärztlich bei Kreislaufproblemen, Schwindel, vollständiger Nahrungs- oder Flüssigkeitsverweigerung oder sehr schnellem Gewichtsverlust.
Ohnmacht, Herzstolpern, Verwirrtheit, Brustschmerz oder ein Kind, das gar nichts mehr trinkt, sind ein Fall für die 112 oder die Notaufnahme einer Kinderklinik. Das gilt auch dann, wenn euer Kind sich vehement dagegen wehrt.
Wenn euer Kind innerhalb weniger Wochen sichtbar abnimmt, ruft noch heute in der Praxis an und besteht auf einem Termin in dieser Woche. Bei sehr niedrigem Gewicht kann eine stationäre Aufnahme nötig sein, um den Körper zu stabilisieren.
Sofort 112 oder die nächste Kinderklinik, wenn einer dieser Punkte zutrifft:
- Mein Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, oder hat sich schwer verletzt.
- Es besteht akute körperliche Gefahr (Kreislauf, schwere Verletzung, keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr).
- Es droht gerade jetzt Gewalt oder die Gefahr dauert an.
Dringend, aber nicht lebensbedrohlich: ärztlicher Bereitschaftsdienst 116 117. Mehr auf der Notfallseite.
Von der Kinderärztin zur spezialisierten Behandlung
Kinderärztin oder Kinderarzt für die körperliche Einschätzung, danach spezialisierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.
Nach der körperlichen Untersuchung braucht es Fachleute, die Essstörungen kennen. Das kann eine Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin mit Schwerpunkt Essstörungen sein, eine kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz oder eine Klinik mit eigener Station. Fragt bei Terminanfragen ausdrücklich nach Erfahrung mit Essstörungen.
Das Beratungstelefon des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit zu Essstörungen erreicht ihr unter 0221 892031, montags bis donnerstags von 10 bis 22 Uhr, freitags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr. Dort gibt es auch Adressen von Beratungsstellen in eurer Nähe.
Mahlzeiten wieder zum festen Termin machen
- Kurzfristig einen kinderärztlichen Termin vereinbaren und Gewicht sowie Essverhalten dokumentieren.
- Ruhig bleiben und das Essen nicht erzwingen, aber regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten anbieten.
- Parallel nach einer auf Essstörungen spezialisierten Anlaufstelle suchen.
Drei Mahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten zu festen Zeiten, gemeinsam am Tisch, Handy weg. Am Tisch wird nicht über Kalorien, Figur oder Gewicht gesprochen, auch nicht über eure eigene Diät. Gespräche über die Sorge führt ihr besser zu einer anderen Zeit, ruhig und ohne Zuschauer.
Was bei Essstörungen eher schadet
- Mit Strafen, Handyentzug oder Geschenken ums Essen verhandeln.
- Bemerkungen über Aussehen, auch gut gemeinte wie „Du siehst schon besser aus“.
- Abwarten, bis euer Kind selbst Hilfe will. Bei Magersucht kommt diese Einsicht oft spät.
- Geschwister oder Großeltern zum Aufpassen einspannen und so das ganze Familienleben ums Essen drehen.
Unsicher, wo ihr anfangen sollt?
Der Wegweiser sortiert in wenigen Schritten, wie dringend es ist und welcher nächste Schritt zu eurer Situation passt.
Bei akuter Gefahr, Suizidgedanken oder schwerer Selbstverletzung sofort die 112 wählen oder die nächste Kinderklinik aufsuchen. Mehr unter Notfall. Diese Seite ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Einschätzung.