Thema

Essstörungen und Körperbild

Frühe Hilfe bei Essstörungen, Ambulanzen und Gespräche ohne Druck.

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Elternsprache

Essen, Gewicht oder Körper werden zum Familienthema.

Fachliche Orientierung: ICD-10 F50, ICD-11 6B80-6B8Z. Diese Seite stellt keine Diagnose.

Fachliche Leitlinie

Diese Einordnung orientiert sich an der AWMF-S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“ (Register 051-026). Ihre Gültigkeit ist am 30.05.2023 abgelaufen. Eine überarbeitete Fassung ist bei der AWMF angemeldet, den aktuellen Stand findet ihr im Register.

Wenn am Esstisch gerechnet wird

Es fängt oft harmlos an. Erst gibt es keine Süßigkeiten mehr, dann kein Brot am Abend. Plötzlich hat das Kind schon bei der Freundin gegessen. Die Joggingrunde wird jeden Tag länger. Wenn ihr das Gefühl habt, dass beim Abendessen jemand im Kopf Kalorien zählt, nehmt das Gefühl ernst.

Essstörungen gehören zu den ernstesten psychischen Erkrankungen im Jugendalter. Eine Magersucht (Anorexie) kann lebensbedrohlich werden. Die Bulimie verläuft mit Essanfällen und Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, die Binge-Eating-Störung mit Essanfällen ohne Gegenmaßnahmen. Mädchen sind häufiger betroffen, Jungen aber auch. Bei ihnen dreht sich die Sorge manchmal um Muskeln und „sauberes Essen“.

Wann es sofort in die Klinik geht

Ohnmacht, Schwindel bis zum Umfallen, Herzstolpern, Verwirrtheit oder ein Kind, das kaum noch isst oder trinkt: Dann fahrt ihr in die Notaufnahme oder wählt 112. Das gilt auch bei Suizidgedanken. Rund um die Uhr erreichbar ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Für junge Menschen gibt es die Nummer gegen Kummer unter 116 111. Alles Weitere unter Notfall und Krise.

Zwischen Grundschule und Oberstufe: was sich am Essen zeigt

Kleinkind und Grundschule. Magersucht ist hier selten. Häufiger sind Kinder, die nur eine Handvoll Lebensmittel essen, beim Anblick von Neuem würgen oder seit einer Verschluckung kaum noch feste Nahrung nehmen. Die Leitlinie erwähnt dafür die „Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme“ (ARFID) aus dem amerikanischen Diagnosesystem DSM-5. Sie betrifft vor allem das Kindesalter und hat mit Figur oder Gewicht meist nichts zu tun. Wenn euer Kind wenig isst und an Gewicht verliert, schaut in den Wegweiser zu Essensverweigerung. Bei Säuglingen und Kleinkindern hilft die Themenseite Regulationsstörungen weiter.

Späte Grundschulzeit und frühe Pubertät. Sätze wie „Ich bin zu dick“ werden häufiger. Diäten aus dem Netz, Kalorien-Apps, Verzicht auf ganze Lebensmittelgruppen. Das Kind isst in der Schule nichts mehr oder wirft das Pausenbrot weg.

Jugendalter. Mahlzeiten werden ausgelassen oder in Krümel zerlegt. Nach dem Essen geht es sofort ins Bad. Weite Kleidung im Sommer, ständiges Wiegen, Sport auch mit Fieber. Bei Binge-Eating verschwinden größere Mengen aus dem Vorratsschrank, Verpackungen tauchen im Zimmer auf. Viele Betroffene wirken nach außen diszipliniert und erfolgreich. Das macht es schwer, sie zu erkennen.

Ein normales Gewicht beweist wenig

Die Waage im Badezimmer beruhigt viele Eltern zu früh. Bei Kindern und Jugendlichen zählt der Verlauf: Ein Kind wächst, und wer beim Wachsen das Gewicht nur hält, wird relativ dünner. Kinderärzt:innen tragen deshalb Gewicht und Größe in Perzentilkurven ein, also in Wachstumskurven für Kinder gleichen Alters und Geschlechts. Rutscht euer Kind auf dieser Kurve deutlich nach unten, ist das ein Warnzeichen, auch wenn der Wert noch im Normalbereich liegt. Bei Bulimie und Binge-Eating haben viele Betroffene ein normales oder erhöhtes Gewicht. Die Leitlinie nennt ausdrücklich normalgewichtige Menschen mit Sorgen ums Gewicht als Gruppe, bei der genauer hingeschaut werden soll. Ebenso Kinder und Jugendliche, deren Eltern sich um Gewicht und Essverhalten sorgen.

Was ihr beim Kinderarzt konkret ansprecht

Viele Eltern sitzen in der Praxis und sagen nur: „Sie isst so wenig.“ Das reicht oft nicht, damit genau hingeschaut wird. Bereitet den Termin vor.

Mitbringen

  • Das gelbe U-Heft mit den Größen- und Gewichtskurven und, falls gemacht, die Werte der J1.
  • Eure eigenen Notizen zu Gewicht und Essen der letzten Wochen, mit Datum.
  • Eine Liste der Mittel, die ihr gefunden habt, etwa Abführmittel oder Entwässerungstabletten.

Ansprechen

  • „Seit den Sommerferien hat sie sichtbar abgenommen. Können Sie Gewicht und Größe in die Perzentilkurve eintragen und mit den U-Untersuchungen vergleichen?“
  • „Ihre Periode ist seit dem Frühjahr ausgeblieben.“
  • „Ihr ist beim Aufstehen schwindelig, sie friert ständig, die Finger sind oft kalt und bläulich.“
  • „Bitte messen Sie Puls, Blutdruck und Temperatur.“ Ein niedriger Puls und niedriger Blutdruck gehören laut Patientenleitlinie zu den körperlichen Folgen von Mangelernährung.
  • „Braucht es Blutwerte oder eine Untersuchung des Herzens?“
  • „Ab wann müssen wir wiederkommen, und wann ist es ein Fall für die Klinik?“
  • „An wen überweisen Sie uns: Kinder- und Jugendpsychiatrie, Essstörungsambulanz oder Psychotherapie?“

Lasst eurem Kind einen Teil des Termins allein mit der Ärztin. Die Leitlinie empfiehlt, bei der J1 zwischen 12 und 14 Jahren gezielt nach Essverhalten und Gewichtsverlauf zu fragen. Ist die J1 schon vorbei, bittet trotzdem genau darum. Weigert sich euer Kind, mitzukommen, sagt die Patientenleitlinie deutlich: Bei Minderjährigen tragen die Eltern Mitverantwortung und müssen den Arztbesuch im Einzelfall auch gegen den Willen des Kindes durchsetzen.

Wer nach dem Kinderarzt zuständig ist

Die Kinderarztpraxis klärt die körperliche Lage und begleitet mit regelmäßigen Kontrollen. Behandelt wird in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Praxis, einer Institutsambulanz, einer spezialisierten Essstörungsambulanz oder bei Psychotherapeut:innen mit Erfahrung in Essstörungen. Diese Erfahrung fordert die Leitlinie ausdrücklich. Fragt beim Erstkontakt danach. Eine psychotherapeutische Sprechstunde bekommt ihr über die Terminservicestelle 116 117. Die Erziehungsberatungsstelle ist für euch als Familie da, wenn jede Mahlzeit zum Streit wird.

Was die S3-Leitlinie zur Behandlung empfiehlt

Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Essstörungen“ (AWMF 051-026) gilt für alle Altersgruppen. Ihre Gültigkeit ist im Mai 2023 abgelaufen, die Neufassung ist für Ende 2026 geplant. Die Empfehlungen unterscheiden nach Alter und Form.

  • Magersucht bei Kindern und Jugendlichen: Ambulante Behandlung erster Wahl ist eine familienbasierte Therapie. Eltern sollen ausführlich informiert und in die Behandlung einbezogen werden. In der ersten Phase übernehmen sie oft vorübergehend wieder die Verantwortung für die Mahlzeiten, mit fachlicher Begleitung. Ernährungsberatung allein reicht nicht.
  • Stationär: bei schnellem Gewichtsverlust oder starkem Untergewicht, bei körperlichen Komplikationen, Suizidalität oder wenn die Kräfte der Familie erschöpft sind. Nach einem Klinikaufenthalt soll sich bei Kindern und Jugendlichen eine familienbasierte ambulante Psychotherapie anschließen.
  • Bulimie: Für Kinder und Jugendliche ist die kognitive Verhaltenstherapie erste Wahl, angepasst an den Entwicklungsstand. Eine familienbasierte Therapie kann angeboten werden.
  • Binge-Eating: Psychotherapie ist erste Wahl, am besten untersucht ist bei Erwachsenen die KVT. Bei Kindern und Jugendlichen empfiehlt die Leitlinie, die Eltern einzubeziehen.

Körperliche Sicherheit steht immer vor allem anderen. Für schwere Verläufe gibt es spezialisierte Stationen in Kinder- und Jugendpsychiatrien.

„Iss doch einfach“ funktioniert nicht

Ein unterernährtes Gehirn denkt eng. Hunger wird zum Gegner, jedes Brötchen zur Verhandlung. Die Krankheit redet mit der Stimme eures Kindes. Viele Familien entlastet es, das zu trennen: Ihr steht mit eurem Kind gegen die Erkrankung. Kommentare über Figur und Aussehen lasst ihr ganz weg, auch die gut gemeinten. Gemeinsame Mahlzeiten bleiben, ohne Diskussion über Kalorien am Tisch.

Kasse, Wartezeit und die Zeit dazwischen

Von der Kinderarztpraxis über die Essstörungsambulanz bis zur Station läuft die Behandlung über die gesetzliche Krankenkasse, die Psychotherapie eingeschlossen. Die Erziehungsberatung ist kostenlos. Bei privater Versicherung entscheidet der Tarif, lasst euch die Zusage schriftlich geben.

Auf einen ambulanten Platz bei einer erfahrenen Therapeutin wartet ihr oft lange. Bei Magersucht darf diese Zeit nicht ohne ärztliche Kontrolle vergehen. Vereinbart in der Kinderarztpraxis feste Wiege- und Kontrolltermine bis zum Behandlungsbeginn. Die Tipps zum Überbrücken der Wartezeit und der Ratgeber Essstörung bei Kindern und Jugendlichen helfen beim Sortieren. Rückfälle kommen vor, dann geht die Behandlung weiter. Viele junge Menschen werden mit Behandlung wieder gesund.

Quellen

  • AWMF-Leitlinie 051-026 (S3): Diagnostik und Therapie der Essstörungen. DGPM, DGKJP, Stand 30.01.2019 (Langfassung März 2020), Gültigkeit am 30.05.2023 abgelaufen, Überarbeitung angemeldet, geplante Fertigstellung 31.12.2026. Registereintrag, Langfassung als PDF
  • Patientenleitlinie „Diagnostik und Behandlung von Essstörungen“ zur S3-Leitlinie 051-026, im Register als Fassung von Januar 2024 eingestellt. PDF

Häufige Eltern-Fragen

Woran merke ich, dass mein Kind eine Essstörung entwickelt?

Oft an kleinen Verschiebungen: Das Kind isst nicht mehr mit, zählt Kalorien, trainiert jeden Abend, trägt weite Kleidung oder geht direkt nach dem Essen ins Bad. Das Gewicht sinkt schnell oder schwankt stark. Bei Mädchen kann die Periode ausbleiben. Bei jüngeren Kindern bleibt die Gewichtskurve im Wachstum manchmal einfach stehen; auch das ist ein Warnzeichen.

Wohin wende ich mich bei Verdacht auf eine Essstörung?

Zuerst in die Kinder- und Jugendarztpraxis. Dort werden Gewicht, Puls, Blutdruck und Blutwerte geprüft, weil eine Magersucht den Körper schnell gefährden kann. Die Behandlung übernehmen kinder- und jugendpsychiatrische Praxen und Ambulanzen, Psychotherapeut:innen für Kinder und Jugendliche oder spezialisierte Essstörungs-Ambulanzen. Die deutsche S3-Leitlinie zu Essstörungen ist von 2019, ihre Gültigkeit ist abgelaufen, eine Neufassung ist in Arbeit.

Was ist familienbasierte Behandlung bei Magersucht?

Bei Kindern und jüngeren Jugendlichen mit Magersucht übernehmen die Eltern dabei für eine Zeit die Verantwortung fürs Essen. Sie planen die Mahlzeiten, sitzen mit am Tisch und begleiten das Kind durch jede Mahlzeit. Ein Behandlungsteam berät die Familie eng. Später gibt das Kind die Verantwortung schrittweise zurück. Bei älteren Jugendlichen sowie bei Bulimie oder Essanfällen steht die Einzeltherapie stärker im Vordergrund, oft als KVT.

Wann muss ein Kind mit Essstörung in die Klinik?

Bei sehr schnellem Gewichtsverlust, starkem Untergewicht, langsamem Puls, Kreislaufproblemen, auffälligen Blutwerten oder Suizidgedanken. Bei Kindern zählt die BMI-Perzentile für Alter und Geschlecht; der Erwachsenen-BMI führt in die Irre. Verweigert das Kind auch das Trinken, fahrt sofort in die Notaufnahme. Über die stationäre Aufnahme entscheiden die Ärzt:innen der Kinderklinik oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Essstörungen und Körperbild: Therapeut:innen vor Ort finden

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Bei schwerem Verlauf

Wenn eine Praxis nicht ausreicht

Bei schwerem, komplexem oder akutem Verlauf ist die Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie die richtige Stelle, mit einem multiprofessionellen Team. Im Verzeichnis der Klinikambulanzen findet ihr die Häuser nach Bundesland. Bei akuter Gefahr zählt zuerst der Notfallweg.

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