ADHS-Diagnostik beim Kind: So läuft die Abklärung
Vom Kinderarzt bis zum Befund: wer ADHS bei Kindern abklärt, was getestet wird, was ihr mitbringt und wie ihr die Lehrkraft einbindet.
Von Janike Arent · Stand
Meist fängt es mit einem Satz aus der Schule an. „Er kann nicht stillsitzen.“ Oder mit dem dritten Zeugnis, auf dem „arbeitet unkonzentriert“ steht. Bis daraus eine Diagnose wird, oder eben keine, vergehen oft Monate.
Unten steht der Weg Schritt für Schritt, von der Kinderarztpraxis bis zum Befundgespräch. Was ADHS ist und wie es sich von anderen Ursachen abgrenzt, steht auf der Themenseite ADHS bei Kindern.
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie sehe ich oft Familien, die mit einer Tüte loser Zettel zum ersten Termin kommen. Dann geht im Termin viel Zeit mit Sortieren verloren, die für Fragen gedacht war. Die Packliste für eine geordnete Mappe steht weiter unten.
Schritt 1: Kinderarztpraxis und Überweisung
Erste Anlaufstelle ist die Kinder- und Jugendarztpraxis. Sie kennt euer Kind meist seit den ersten U-Untersuchungen. Dort werden Hören, Sehen, Schlaf und mögliche körperliche Ursachen geprüft, und dort bekommt ihr die Überweisung.
Wohin die Überweisung geht, hängt vom Gesamtbild ab:
| Stelle | Passt gut, wenn | Zugang |
|---|---|---|
| Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie | ADHS die Hauptfrage ist und später vielleicht Medikamente besprochen werden | Termin direkt in der Praxis, viele Praxen wollen eine Überweisung |
| Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) | zusätzlich Sprache, Motorik oder eine chronische Erkrankung mitspielen oder das Kind noch im Vorschulalter ist | nur mit Überweisung, meist vom Kinderarzt |
| Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie | Angst, Stimmung oder Belastung in der Familie ebenso im Raum stehen | ohne Überweisung über die psychotherapeutische Sprechstunde |
| Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie | das Bild komplex ist oder ambulant bisher nichts gegriffen hat | je nach Klinik, meist mit Überweisung |
Fragt bei der Anmeldung nach: „Machen Sie die vollständige ADHS-Diagnostik mit Testpsychologie, oder nur das Erstgespräch?“ Manche Praxen geben den Testteil ab und schicken euch danach an eine zweite Stelle. Das kostet Wochen, wenn ihr es zu spät erfahrt.
Bei gesetzlich versicherten Kindern trägt die Krankenkasse die Diagnostik in Praxen mit Kassenzulassung, im SPZ und in Klinikambulanzen. Bei Privatversicherten entscheidet der Tarif. Wie sich die Wege unterscheiden, steht im Ratgeber Kasse, privat oder Selbstzahler.
Was in den Diagnostikterminen passiert
Eine sorgfältige ADHS-Diagnostik besteht aus mehreren Bausteinen. Kein einzelner Test beweist ADHS oder schließt es aus. Die Diagnose entsteht aus dem Gesamtbild.
- Anamnese: ein langes Gespräch mit euch über Schwangerschaft, Geburt, frühe Entwicklung, Kita, Schule, Schlaf und Familie. Gefragt wird auch, ob jemand in der Familie Ähnliches kennt.
- Fragebögen für Eltern und Schule: Ihr und die Lehrkraft füllt meist parallele Bögen zu Aufmerksamkeit, Unruhe und Impulsivität aus. Die Auffälligkeiten müssen seit mindestens sechs Monaten und in mehr als einem Lebensbereich bestehen. Deshalb zählt der Blick aus der Schule so viel.
- Gespräch und Beobachtung: Schulkinder werden selbst befragt. Die Fachleute achten darauf, wie euer Kind mit Aufgaben, Pausen und Frust umgeht.
- Testpsychologie: oft ein Intelligenztest, Aufmerksamkeitstests am Computer, bei Bedarf Lese-, Rechtschreib- oder Rechentests. So wird geprüft, ob eine Lernstörung, Über- oder Unterforderung das Bild erklärt.
- Körperliche Untersuchung: Hören, Sehen, neurologischer Befund, Größe, Gewicht, Puls und Blutdruck. Die beiden letzten Werte werden vor einer möglichen Medikation ohnehin gebraucht. EEG oder Blutwerte gibt es nur bei konkretem Anlass.
- Abgrenzung: Angst, depressive Verstimmung, Schlafmangel, Hörprobleme, Autismus oder eine schwere Zeit in der Familie können ähnlich aussehen oder zusätzlich da sein.
Zwei Dinge irritieren viele Eltern. In der Praxis sitzt euer Kind oft ruhig und konzentriert da, weil alles neu ist und eine erwachsene Person nur für es da ist. Das spricht nicht gegen ADHS. Und ein unauffälliger Aufmerksamkeitstest am Computer schließt ADHS ebenfalls nicht aus.
Wie lange ihr rechnen müsst
Die Diagnostik selbst verteilt sich meist auf mehrere Termine über einige Wochen. Länger dauert oft die Wartezeit bis zum ersten Termin. Sie unterscheidet sich stark nach Region und Stelle.
Lasst euch früh auf mehrere Wartelisten setzen und sagt ab, sobald ihr einen Platz habt. Drängt die Lage, fragt in der Kinderarztpraxis nach einer Überweisung mit Vermittlungscode. Damit muss die Terminservicestelle unter 116 117 innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin vermitteln (§ 75 Abs. 1a SGB V). Das ist ein Termin in einer Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie, noch keine Garantie für eine vollständige Diagnostik.
Gebt Fragebögen für die Schule sofort weiter, besonders vor Ferien. Was ihr in der Zeit bis zum Termin tun könnt, steht im Ratgeber Wartezeit überbrücken.
Packliste für den ersten Diagnostiktermin
Legt alles in eine Mappe, nach Schuljahren sortiert. Die Originale behaltet ihr, die Praxis bekommt Kopien.
- Gelbes Kinderuntersuchungsheft (U-Heft) und Impfpass
- Versichertenkarte und Überweisung
- Alle Zeugnisse ab Klasse 1, vor allem die mit Bemerkungen zum Arbeits- und Sozialverhalten, auch Berichtszeugnisse ohne Noten
- Kita-Entwicklungsberichte und den Befund der Einschulungsuntersuchung
- Schulberichte, Einträge im Mitteilungsheft, Protokolle von Elterngesprächen, Förderpläne
- Befunde aus Logopädie, Ergotherapie, Hör- und Sehtests, SPZ oder Klinik
- Die vorab geschickten Fragebögen, ausgefüllt von euch und von der Schule
- Eine Liste aktueller Medikamente und Allergien
- Eigene Notizen auf ein bis zwei Seiten: Wann fiel euch was zuerst auf? Was hilft, was macht es schlimmer? Ein Beobachtungsbogen über zwei, drei Wochen ordnet diese Notizen.
- Eure Fragen auf einem Zettel, sonst sind sie im Termin weg
- Für das Kind: Brille, falls vorhanden, etwas zu essen und zu trinken. Testtage sind lang.
Besonders wertvoll sind Zeugnisbemerkungen aus Klasse 1 und 2 wie „lässt sich leicht ablenken“ oder „ruft häufig ohne Meldung in die Klasse“. Sie zeigen, dass die Auffälligkeiten früh da waren, lange bevor jemand das Wort ADHS benutzt hat.
Die Lehrkraft um einen Beobachtungsbogen bitten
Die Praxis gibt euch meist einen Fragebogen für die Schule mit. Die meisten Lehrkräfte füllen ihn aus, wenn die Bitte klar und kurz ist. Fragt die Klassenleitung und, wenn möglich, eine Fachlehrkraft aus einem Fach, in dem es schwer läuft. Zwei Bögen zeigen mehr als einer.
Damit die Praxis bei der Schule nachfragen darf, braucht sie eure schriftliche Schweigepflichtentbindung. Viele Praxen haben dafür ein Formular.
So kann das Begleitschreiben aussehen:
„Sehr geehrte Frau [Name], unser Sohn [Name] wird im [Monat] in [Praxis oder SPZ] auf ADHS untersucht. Die Fachleute brauchen dafür auch den Blick aus der Schule. Wir möchten Sie deshalb bitten, den beigefügten Fragebogen auszufüllen. Hilfreich wären zusätzlich zwei, drei Sätze in Ihren eigenen Worten: In welchen Situationen fällt Ihnen [Name] auf, und was hilft im Unterricht? Wenn es Ihnen möglich ist, geben Sie den Bogen bitte bis zum [Datum] im verschlossenen Umschlag an [Name] mit oder schicken ihn direkt an die Praxis. Eine Schweigepflichtentbindung für Rückfragen der Praxis liegt in Kopie bei. Vielen Dank für Ihre Zeit. Mit freundlichen Grüßen, [Namen]“
Wenn ihr das Thema lieber im Gespräch ansprecht, hilft die Vorlage Gespräch mit Schule oder Kita vorbereiten.
Nach dem Befundgespräch
Am Ende stehen ein Befundgespräch und ein schriftlicher Bericht. Fragt nach, wenn der Bericht nach einigen Wochen nicht da ist. Ihr braucht ihn für Schule, Krankenkasse und alle weiteren Behandler.
Lautet die Diagnose ADHS, beginnt die Behandlung meist mit Information für euch und euer Kind, einem Elterntraining und Absprachen mit der Schule, zum Beispiel über einen Nachteilsausgleich. Psychotherapie, häufig Verhaltenstherapie, kann dazukommen. Ob auch Medikamente infrage kommen, hängt von Alter und Schwere ab. Das entscheidet ihr gemeinsam mit einer Fachärztin oder einem Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.
Lautet sie anders, beschreibt ein guter Bericht, was dahintersteckt, etwa eine Lese-Rechtschreib-Störung, Angst oder chronischer Schlafmangel, und was als Nächstes passt.
Fachliche Grundlage ist die S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ (AWMF 028-045) von 2018. Ihre Gültigkeit ist 2022 abgelaufen. Die neue Fassung (Version 2.0) war im Herbst 2026 in der öffentlichen Konsultation und ist noch nicht veröffentlicht. Bis dahin bleibt die Fassung von 2018 der Bezugspunkt.
Quellen
- AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie „ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“, Registernummer 028-045, Stand 22.06.2018, gültig bis 01.05.2022, in Überarbeitung. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-045
- BKJPP-Newsletter 07/2026: Beginn der öffentlichen Konsultation zur Aktualisierung der S3-Leitlinie ADHS. https://www.bkjpp.de/wp-content/uploads/2026/06/BKJPP_Newsletter_07-2026.pdf
- § 75 Abs. 1a SGB V (Terminservicestellen, Vier-Wochen-Frist für Facharzttermine mit Überweisung), abgerufen am 21.10.2026. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__75.html
Häufige Fragen
Brauchen wir für die ADHS-Diagnostik eine Überweisung?
Für das SPZ ja. Viele Praxen für Kinder- und Jugendpsychiatrie wünschen sie ebenfalls, und für die Vermittlung über 116 117 braucht ihr eine Überweisung mit Vermittlungscode. Eine psychotherapeutische Sprechstunde könnt ihr ohne Überweisung buchen.
Wer bezahlt die ADHS-Abklärung?
Bei gesetzlich versicherten Kindern die Krankenkasse, solange ihr zu einer Praxis mit Kassenzulassung, ins SPZ oder in eine Klinikambulanz geht. Bei Privatversicherten gilt der Tarif. Reine Privatpraxen stellen gesetzlich Versicherten in der Regel selbst eine Rechnung.
Der Aufmerksamkeitstest war unauffällig. Ist ADHS damit vom Tisch?
Nein. Computertests messen ein kurzes Zeitfenster in ruhiger Umgebung. Die Diagnose stützt sich auf Anamnese, Fragebögen aus mehreren Lebensbereichen, Beobachtung und Untersuchung zusammen.
Ab welchem Alter kann ADHS festgestellt werden?
Im Vorschulalter ist die Diagnose möglich, aber schwieriger, weil Unruhe in dem Alter häufig ist. Viele Abklärungen finden im Grundschulalter statt, wenn die Anforderungen der Schule dazukommen. Bei kleinen Kindern ist ein SPZ oft die passende Stelle.
Diese Information dient der Orientierung. Sie ersetzt keine individuelle fachliche Einschätzung.