Thema

Angst, Panik und Unsicherheit

Ängste, Panik und Trennungsangst einordnen: was altersüblich ist, wann Hilfe nötig wird und welche Behandlung belegt ist.

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Elternsprache

Mein Kind vermeidet Situationen oder hat starke Angst.

Fachliche Orientierung: ICD-10 F40-F41, ICD-11 6B00-6B0Z. Diese Seite stellt keine Diagnose.

Wie viel Angst zum Großwerden gehört

Ein Zweijähriger versteckt sich hinter dem Bein seiner Mutter, sobald die Nachbarin klingelt. Eine Siebenjährige schläft nur bei offener Tür und Flurlicht ein. Beides ist normal. Angst warnt, schützt und verschwindet meistens wieder, wenn das Kind die nächste Entwicklungsstufe erreicht.

Zum Thema für eine Fachpraxis wird sie, wenn sie bleibt und wächst. Dann fängt ein Kind an, Dinge zu meiden, die zu seinem Leben gehören: die Schule, die Geburtstagsfeier, das Übernachten bei Oma. Oft meldet sich die Angst zuerst im Körper, als Bauchweh am Sonntagabend, als Kopfschmerzen vor dem Sportunterricht oder als Einschlafen erst gegen Mitternacht.

Für die Einordnung zählen drei Fragen: Wie lange geht das schon? Wie viel lässt das Kind deswegen aus? Wie sehr leidet es darunter?

Altersübliche Ängste und Warnzeichen im Vergleich

AlterWas in diesem Alter dazugehörtWas aufhorchen lässt
Baby, zweites LebenshalbjahrFremdeln: Weinen bei fremden Gesichtern, Beruhigung auf dem Arm von Mama oder PapaDas Kind lässt sich auch von vertrauten Personen über lange Zeit kaum beruhigen (dazu mehr bei Regulationsstörungen)
Kita-AlterAngst vor Dunkelheit, Monstern, Gewitter, großen Hunden. Weinen beim Abschied in der Eingewöhnung, das nach ein paar Minuten nachlässtDas Abschiedsdrama hält nach Monaten noch jeden Morgen an. Das Kind erbricht vor Trennungen, will auch bei Oma nicht ohne euch bleiben oder träumt immer wieder, euch passiere etwas
GrundschuleAngst vor Krankheit, Einbrechern, Tod. Lampenfieber vor dem ersten DiktatSorgen kreisen abends stundenlang. „Passiert morgen auch nichts?“ kommt zwanzigmal. Bauchweh tritt nur an Schultagen auf, Einladungen werden abgesagt
JugendAngst vor Bewertung, Peinlichkeit, Referaten, dem eigenen AussehenDas Kind fehlt an Referatstagen, isst nicht in der Mensa, telefoniert mit niemandem. Panikattacken mit Herzrasen, Atemnot und Todesangst

Die rechte Spalte ist keine Diagnose. Wenn ihr euer Kind dort über mehrere Wochen wiederfindet, lohnt sich eine Abklärung. Der Wegweiser zu Ängsten bei Kindern hilft beim Sortieren.

Warum Schonen die Angst wachsen lässt

Wenn ihr eurem Kind die gefürchtete Situation abnehmt, wird es sofort ruhiger. Das Gehirn speichert dabei: Das war gefährlich, gut, dass ich nicht hinmusste. Beim nächsten Mal liegt die Schwelle höher. In der Klinik sehe ich oft Familien, die längst eine Treppe gebaut haben, nur abwärts: Jede Woche fällt eine Situation mehr weg, erst der Schwimmkurs, dann der Bus, dann die Schule.

Eine Angsttreppe als Beispiel

In der Behandlung geht es Stufe für Stufe wieder hinauf. So kann eine Treppe für ein Grundschulkind mit Trennungsangst aussehen, das bei einer Freundin übernachten möchte. Das Kind schätzt seine Angst für jede Stufe auf einer Skala von 0 bis 10 selbst ein.

StufeÜbungAngst (0 bis 10)
1Allein im eigenen Zimmer spielen, ein Elternteil ist im Nachbarzimmer2
2Mama geht 20 Minuten einkaufen, Papa bleibt da3
3Zwei Stunden bei der Freundin spielen, Abholzeit fest vereinbart4
4Bei der Freundin zu Abend essen5
5Bei Oma übernachten6
6Bei der Freundin übernachten, ein kurzer Anruf vor dem Einschlafen ist erlaubt8
7Bei der Freundin übernachten ohne Anruf9

Jede Stufe wird so lange wiederholt, bis die Angst deutlich sinkt. Erst dann kommt die nächste. Das Kind erlebt dabei, dass Angst von selbst abklingt, wenn es bleibt.

Diese Tabelle dient der Anschauung. Zieht so eine Treppe nicht ohne Therapie zu Hause durch. Ist eine Stufe zu groß oder bricht das Kind mitten in der Übung ab, lernt es genau das Gegenteil. Welche Stufen passen, wie lange geübt wird und was bei Panik passiert, plant die Therapeutin oder der Therapeut mit eurem Kind und mit euch. Eure Rolle zu Hause ist meist kleiner und klarer: Mut loben, ruhig bleiben, nicht vorzeitig retten.

Was über die Behandlung bekannt ist

Für Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen gibt es im AWMF-Register derzeit keine Leitlinie und auch keine Anmeldung für eine. Die S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“ (Register 051-028) gilt ausdrücklich für Erwachsene. Trennungsangst und selektiven Mutismus behandelt sie nicht, und ihre Gültigkeit ist im April 2026 abgelaufen.

Die beste Grundlage für Kinder ist deshalb ein Cochrane-Review von 2020 mit 87 Studien und knapp 6.000 Kindern und Jugendlichen. Nach einer kognitiven Verhaltenstherapie hatten 49 Prozent die Angststörung nicht mehr, wegen der sie behandelt wurden. In den Gruppen auf der Warteliste waren es 18 Prozent. Die Autorinnen und Autoren bewerten die Beweislage als mittel. Ob KVT besser wirkt als andere Behandlungen, ist weniger klar belegt.

KVT bei Angst heißt: Das Kind versteht, was Angst im Körper macht, lernt seine Angstgedanken zu prüfen und übt Schritt für Schritt die Situationen, die es meidet. Bei jüngeren Kindern arbeiten Eltern eng mit. Ob ein Medikament infrage kommt, entscheidet eine Fachärztin oder ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Was ihr vor dem ersten Termin aufschreibt

  • Zwei Wochen lang jede Angstsituation: wann, wo, was euer Kind gesagt oder getan hat, welche Körperzeichen kamen und wie es ausging. Der Beobachtungsbogen hat dafür Spalten.
  • Eine Liste mit Dingen, die euer Kind früher gemacht hat und heute meidet.
  • Fehltage in Kita oder Schule und Rückmeldungen der Erzieherinnen oder Lehrkräfte.
  • Ob es in der Familie Angsterkrankungen gab. Das wird in der Diagnostik gefragt.
  • Bei häufigem Bauchweh, Herzrasen oder Schwindel: vorher in der Kinderarztpraxis körperliche Ursachen abklären lassen.

Kinderarzt, Sprechstunde, Beratung: die Wege bei Angst

Die Kinderarztpraxis ist die erste Station, wenn Körperbeschwerden im Vordergrund stehen. Sie schließt körperliche Ursachen aus und kennt euer Kind oft seit Jahren.

Ohne Überweisung kommt ihr in die psychotherapeutische Sprechstunde einer Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Termine vermittelt die 116 117. Am Ende bekommt ihr das Formular PTV 11 mit einer Empfehlung. Für Angst sind Praxen mit Verhaltenstherapie die naheliegende Wahl.

Eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis ist richtig, wenn Panikattacken gehäuft auftreten, wenn neben der Angst auch Niedergeschlagenheit da ist oder ein Medikament besprochen werden soll.

Die Erziehungsberatungsstelle behandelt keine Angststörung. Dort könnt ihr aber kostenfrei und ohne Diagnose besprechen, wie ihr im Alltag reagiert, wenn euer Kind wieder an der Tür klammert.

Geht euer Kind wegen der Angst seit Wochen nicht mehr zur Schule, lest auch die Seite zu Schulvermeidung. Sagt euer Kind, es wolle nicht mehr leben, gilt sofort der Notfallweg.

Bezahlung und Wartezeit: der Vermeidung keinen Vorsprung lassen

Sprechstunde, probatorische Sitzungen und Verhaltenstherapie sind für gesetzlich Versicherte Kassenleistung. In einer Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie kann euer Kind bis zum 21. Geburtstag behandelt werden. Bei privat Versicherten hängt es vom Tarif ab, fragt vorher schriftlich nach. Erziehungsberatung ist kostenfrei. Findet ihr trotz Bemühungen keinen Kassenplatz, gibt es den Weg über die Kostenerstattung.

Zwischen Sprechstunde und Therapiebeginn liegt oft eine lange Wartezeit. Nutzt die Zeit, damit die Liste der gemiedenen Dinge nicht länger wird: Schulbesuch und feste Termine beibehalten, Erziehungsberatung nutzen, mit der Kita oder Schule einen Plan absprechen. Konkrete Schritte stehen im Ratgeber Angst beim Kind: Hilfe finden und unter Wartezeit überbrücken.

Quellen

  • James AC, Reardon T, Soler A, James G, Creswell C: Cognitive behavioural therapy for anxiety disorders in children and adolescents. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, Ausgabe 11, CD013162. doi.org/10.1002/14651858.CD013162.pub2
  • AWMF-S3-Leitlinie „Behandlung von Angststörungen“, Register 051-028, federführend DGPM, Stand 16.06.2021, gültig bis 05.04.2026 (abgelaufen), gilt für Erwachsene. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/051-028
  • AWMF-Leitlinienregister: keine Leitlinie und keine Anmeldung zu Angststörungen im Kindes- und Jugendalter (Abfrage Oktober 2026). register.awmf.org

Häufige Eltern-Fragen

Wann ist die Angst meines Kindes behandlungsbedürftig?

Wenn euer Kind über Wochen Dinge meidet, die andere in seinem Alter schaffen: beim Bäcker bezahlen, bei Freunden übernachten, im Unterricht etwas sagen. Und wenn die Angst Schule, Freundschaften oder den Familienalltag einschränkt. Bauchweh oder Übelkeit vor bestimmten Situationen gehören oft dazu. Lasst solche Beschwerden zuerst in der Kinderarztpraxis anschauen, damit nichts Körperliches übersehen wird.

Welche Therapie hilft Kindern mit Angststörungen?

Am besten untersucht ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Das Kind nähert sich darin Schritt für Schritt dem, was ihm Angst macht, und erlebt, dass die Angst nachlässt. Eltern werden meist eingebunden. Eine deutsche AWMF-Leitlinie für Angststörungen im Kindes- und Jugendalter gibt es nicht; die S3-Leitlinie zu Angststörungen gilt nur für Erwachsene.

Soll ich mein Kind vor Situationen schützen, die ihm Angst machen?

Kurzfristig fühlt sich das richtig an. Auf Dauer wächst die Angst aber, wenn ihr dem Kind alles abnehmt. Hilfreicher sind kleine, machbare Schritte: erst mit euch zum Kindergeburtstag, dann eine Stunde allein, später der ganze Nachmittag. Lobt den Mut, auch wenn es wacklig war.

Was tun, wenn mein Kind eine Panikattacke hat?

Bleibt ruhig und in der Nähe. Atmet langsam vor und lasst das Kind mitatmen. Sagt ihm, dass die Attacke nach einigen Minuten nachlässt, und diskutiert in dem Moment nicht über die Angst. Kommen Panikattacken öfter, lasst kinderärztlich Herz und Schilddrüse prüfen und meldet euch dann in einer psychotherapeutischen Sprechstunde für Kinder und Jugendliche.

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