Wenn das Kind morgens nicht in die Schule geht: der Ablauf von Tag 1 bis Woche 2
Fehlen melden, Kinderarzt, Klassenleitung, Schulpsychologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit Morgenplan und Musterbrief für den Wiedereinstieg.
Von Janike Arent · Stand
Der erste Morgen, an dem euer Kind nicht geht, fühlt sich wie eine Ausnahme an. Am dritten Morgen merkt ihr, dass ihr schon beim Wecken mit Bauchweh rechnet. Spätestens dann braucht es einen Plan.
Hier steht, was ihr an welchem Tag tut und wen ihr wann anruft. Was hinter Schulvermeidung stecken kann, steht auf der Themenseite Schulvermeidung.
Aus meiner Zeit an Schulen und in der Jugendhilfe weiß ich, wie schnell aus drei Fehltagen drei Wochen werden. Mit jedem Tag zu Hause wird der Weg zurück in die Klasse schwerer. Die erste Woche entscheidet viel.
Tag 1: Fehlen melden, den Vormittag nüchtern halten
Meldet das Fehlen am selben Morgen, so wie eure Schule es verlangt, per Anruf, App oder E-Mail. Sagt kurz, was los ist: „Er hat seit dem Aufstehen Bauchweh und weint. Wir melden uns morgen wieder.“ Mehr braucht es am ersten Tag nicht.
Bleibt euer Kind zu Hause, bleibt der Vormittag ein Schulvormittag. Die Schulsachen liegen auf dem Tisch, Fernseher, Konsole und Handy bleiben bis Schulschluss aus. Ist der Vormittag zu Hause schöner als in der Schule, lernt euer Kind, dass Vermeiden sich lohnt. Sagt ihm die Regel ruhig und ohne Vorwurf.
Sprecht abends, in einem ruhigen Moment, über den Morgen. Fragt konkret: „Was ist das Schwerste am Schultag, auf einer Skala von 0 bis 10?“ Oft kommt die Antwort erst am zweiten oder dritten Abend. Sagt euer Kind, es wolle nicht mehr leben, oder verletzt es sich, gilt sofort der Weg über die Seite Notfall und Krise.
Tag 2 bis 5: Kinderarzt, Klassenleitung, Sprechstunde
Drei Anrufe gehören in diese Tage.
- Kinderarztpraxis: Bauchweh, Kopfweh und Übelkeit werden körperlich abgeklärt, bevor ihr sie als Angst einordnet. Notiert vorher, an welchen Tagen die Beschwerden auftraten und ob sie am Wochenende fehlen. Der Wegweiser Bauchschmerzen vor der Schule hilft beim Sortieren.
- Klassenleitung: Bittet um ein Gespräch in dieser oder der nächsten Woche, wenn möglich mit der Schulsozialarbeit. Eine Vorlage für die erste E-Mail steht auf der Themenseite, die Vorbereitung für das Gespräch unter Gespräch mit Schule und Kita.
- Terminservicestelle 116 117: Fragt jetzt schon eine psychotherapeutische Sprechstunde an. Die Wartezeit darauf darf bis zu vier Wochen dauern. Braucht ihr den Termin am Ende nicht, sagt ihr ihn ab.
Beim Kinderarzt stellt sich die Attest-Frage. Ein Attest entschuldigt die Fehltage. Es löst aber das Problem nicht, und jede weitere Krankschreibung vergrößert den Abstand zur Klasse. Sprecht das offen an: „Sehen Sie körperlich einen Grund, der gegen den Schulbesuch spricht? Wenn nicht, tragen Sie bitte einen schrittweisen Wiedereinstieg mit.“
Woche 2: ein schriftlicher Plan mit der Schule
Im Gespräch mit Klassenleitung und Schulsozialarbeit geht es um zwei Dinge: Was in der Schule los ist und wie die Rückkehr aussieht. Bringt eine Liste der Fehltage mit, eure Beobachtungen und die Einschätzung aus der Kinderarztpraxis. Fragt nach, ob es Ärger in der Klasse gibt. Hinter manchem Bauchweh steckt Mobbing, von dem die Erwachsenen nichts mitbekommen haben.
Am Ende des Gesprächs sollte ein Plan auf Papier stehen: Ab wann kommt euer Kind wieder, wie viele Stunden, wer nimmt es morgens in Empfang, wohin kann es, wenn es nicht mehr geht. Den Musterbrief dazu findet ihr weiter unten.
Hakt es mit der Schule, kann die Schulpsychologie helfen. Sie gehört zur Schulverwaltung des Landes, ist kostenlos und vermittelt zwischen Familie und Schule. Den Kontakt bekommt ihr über das Sekretariat oder das zuständige Schulamt. Für euch als Eltern, für die Morgen, die jedes Mal eskalieren, ist die Erziehungsberatung da. Auch sie kostet nichts.
Der Morgenplan: eine Vorlage zum Anpassen
Ein fester Ablauf nimmt den Verhandlungen am Morgen die Luft. Schreibt den Plan am Wochenende mit eurem Kind und haltet ihn auch an guten Tagen ein. Die Zeiten sind Beispiele.
| Wann | Was passiert | Wer | Was ihr sagen könnt |
|---|---|---|---|
| Abend vorher | Tasche gepackt, Kleidung liegt bereit, Handy um 21 Uhr in die Küche | Kind, ein Elternteil schaut kurz drüber | „Morgen gehst du bis zur großen Pause. Das haben wir so abgemacht.“ |
| 6:45 Uhr | Wecken, Licht an, Vorhang auf | Immer dieselbe Person | „Guten Morgen. In zehn Minuten gibt es Frühstück.“ |
| 7:00 Uhr | Kleines Frühstück. Bei Bauchweh, das ärztlich abgeklärt ist: Wärmflasche für zehn Minuten, dann weiter | Elternteil | „Ich sehe, dass dir der Bauch wehtut. Wir machen trotzdem den nächsten Schritt.“ |
| 7:25 Uhr | Losgehen. Kurzer Abschied, keine langen Gespräche an der Tür | Elternteil bis zum Schultor | „Frau X wartet am Eingang auf dich. Ich hole dich um 11 Uhr ab.“ |
| 7:40 Uhr | Übergabe an die feste Person in der Schule | Lehrkraft oder Schulsozialarbeit | Absprache vorher: kurzer Gruß, ein Auftrag, kein Ausfragen |
| Mittag | Abholen wie vereinbart, nicht früher | Elternteil | „Du warst bis zur großen Pause da. Das war heute dein Ziel.“ |
| Abend | Tag in zwei Minuten anschauen: Skala 0 bis 10, was hat geholfen | Kind und ein Elternteil | „Was machen wir morgen genauso?“ |
Stockt es an der Haustür, wartet ihr fünf Minuten und geht dann zum nächsten machbaren Schritt aus dem Plan, etwa erst zur zweiten Stunde. Zieht euer Kind nicht mit Gewalt zum Auto. Das zerstört Vertrauen, das ihr für die nächsten Wochen braucht. Wenn jeder Morgen in Geschrei endet, sprecht mit der Erziehungsberatung oder der Therapeutin über einen angepassten Plan.
Musterbrief an die Schule zum Wiedereinstieg
Schickt den Brief nach dem ersten Gespräch, damit alle dasselbe Papier haben.
„Sehr geehrte Frau [Name], vielen Dank für das Gespräch am [Datum]. Wie besprochen möchten wir [Vorname] ab [Datum] schrittweise zurück in den Unterricht begleiten. Unser Vorschlag: In der ersten Woche kommt [Vorname] täglich zu den ersten beiden Stunden. In der zweiten Woche bis zur großen Pause. Ab der dritten Woche, wenn es gut läuft, bis zum Ende des Vormittags. Wir bitten Sie um drei Dinge: 1. eine feste Ansprechperson, die [Vorname] morgens am Eingang begrüßt, 2. einen ruhigen Ort, an den [Vorname] sich kurz zurückziehen darf, ohne das Schulgelände zu verlassen, und 3. dass Klassenarbeiten aus der Fehlzeit erst nachgeschrieben werden, wenn [Vorname] wieder regelmäßig da ist. Die Kinderarztpraxis hat [Vorname] untersucht, ein Termin in einer psychotherapeutischen Sprechstunde ist am [Datum]. Wir melden uns jeden Freitag kurz bei Ihnen, wie die Woche gelaufen ist. Gern können wir den Plan nach zwei Wochen gemeinsam anpassen. Mit freundlichen Grüßen [Namen, Telefonnummer]“
Eine Diagnose gehört nicht in diesen Brief. Wenn später eine festgestellt wird, entscheidet ihr, was die Schule erfahren soll.
Wann die Kinder- und Jugendpsychiatrie dazukommt
Fehlt euer Kind trotz Plan nach zwei Wochen weiter ganze Tage, wird es Zeit für eine kinder- und jugendpsychiatrische Abklärung. Dasselbe gilt früher, wenn euer Kind sich stark zurückzieht, kaum noch isst, nachts wach liegt und tagsüber schläft oder Panikattacken hat. Ansprechpartner sind eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder die Institutsambulanz einer Klinik. Die Häuser in eurer Nähe stehen im Verzeichnis der Klinikambulanzen.
Für Kinder, die über lange Zeit gar nicht mehr in die Schule kommen, gibt es Behandlung in einer Tagesklinik. Dort läuft der Unterricht in der Klinikschule weiter. Steckt eine Angststörung dahinter, beschreibt der Ratgeber Angst beim Kind: Hilfe finden, wie der Weg in die Therapie aussieht.
Schulpflicht: was realistisch ist
Die Schulpflicht regelt jedes Bundesland selbst. Unentschuldigtes Fehlen kann dort als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld geahndet werden. Mit Attest ist das Fehlen entschuldigt, die Schulpflicht bleibt trotzdem bestehen. Wer mit der Schule im Kontakt bleibt und einen Plan vorlegen kann, hat in solchen Gesprächen etwas in der Hand.
Bei langer Krankheit kennen die Länder Unterricht zu Hause oder in der Klinikschule. Fragt die Schulleitung, wie das bei euch geregelt ist. Bis dahin hält Material aus der Klasse den Faden zur Schule.
Quellen
- § 75 Abs. 1a SGB V, Terminservicestellen: Vermittlung der psychotherapeutischen Sprechstunde ohne Überweisung, Wartezeit höchstens vier Wochen. Abgerufen am 21.10.2026. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_5/__75.html
- § 28 SGB VIII, Erziehungsberatung. Abgerufen am 21.10.2026. https://www.gesetze-im-internet.de/sgb_8/__28.html
- AWMF-Leitlinienregister: keine Leitlinie und keine Anmeldung zu Schulvermeidung, Abfrage Oktober 2026. https://register.awmf.org/de/start
- Nummer gegen Kummer e. V.: Elterntelefon 0800 111 0 550 und Kinder- und Jugendtelefon 116 111. Abgerufen am 21.10.2026. https://www.nummergegenkummer.de
Häufige Fragen
Sollen wir unser Kind krankschreiben lassen?
Wenn es körperlich krank ist, ja. Bei Bauchweh ohne körperlichen Befund entschuldigt ein Attest die Fehltage, ändert aber nichts an der Ursache. Besprecht mit der Kinderarztpraxis, ob sie stattdessen einen schrittweisen Wiedereinstieg mitträgt.
Hilft ein Schulwechsel?
Bei Mobbing oder einer festgefahrenen Lage mit einer Lehrkraft manchmal. Bei einer Angststörung zieht die Angst oft mit um. Klärt erst, was dahintersteckt, und entscheidet dann.
Unser Kind ist schon seit Wochen zu Hause. Ist es zu spät?
Nein. Der Weg zurück dauert dann länger und braucht meist fachliche Hilfe. Fangt mit einem kleinen Schritt an, etwa einer Stunde pro Tag, und holt die Kinder- und Jugendpsychiatrie dazu.
Wer hilft uns als Eltern, wenn die Morgen eskalieren?
Die Erziehungsberatungsstelle, kostenlos und ohne Überweisung. Anonym und telefonisch berät das Elterntelefon unter 0800 111 0 550. Euer Kind kann sich selbst an die Nummer gegen Kummer unter 116 111 wenden.
Was ist, wenn unser Kind gar nicht sagen kann, warum es nicht geht?
Das ist häufig, besonders bei jüngeren Kindern. Beobachtet, an welchen Tagen und vor welchen Fächern es schwerer ist. Der Wegweiser Kind verweigert die Schule hilft beim Sortieren der Beobachtungen.
Diese Information dient der Orientierung. Sie ersetzt keine individuelle fachliche Einschätzung.