Wartezeit auf ADHS-/Autismus-Diagnostik: was Eltern tun können
Monate bis zum Diagnostiktermin für ADHS oder Autismus: welche Stellen es gibt, was ihr vorher klärt und wann ihr nicht warten solltet.
Von Janike Arent · Stand
Die Anmeldung ist raus, die Bestätigung kam. „Sie stehen auf unserer Warteliste.“ Ein Termin steht nicht drin. Dafür steht montags um 7:40 Uhr wieder das Kind im Flur, das seit zwanzig Minuten einen Schuh in der Hand hält.
Diese Seite ist für die Monate dazwischen. Sie zeigt, welche Stellen eine Diagnostik machen, was ihr vorher klären könnt und wie ihr Beobachtungen sammelt, die später jemand braucht. Und wann ihr nicht warten solltet. Wie die Diagnostik selbst abläuft, steht in den Ratgebern ADHS-Diagnostik beim Kind und Autismus-Abklärung beim Kind.
Wie lange wartet man wirklich?
Eine verlässliche bundesweite Zahl für die Wartezeit auf eine Diagnostik habe ich nicht gefunden (Stand Oktober 2026). Jede Stelle führt ihre Liste anders. Manche Praxen haben die Liste geschlossen. Manche Zentren nehmen nur Kinder aus dem eigenen Einzugsgebiet.
Für die Zeit nach einer Autismus-Diagnose gibt es eine Angabe. Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) schrieb 2023, dass bei der überwiegenden Mehrzahl der Autismus-Therapiezentren Wartezeiten von einem Jahr und länger bestehen, ehe eine Therapie beginnen kann. Als Grund nennt sie den personellen Engpass in fast allen medizinischen, psychosozialen und therapeutischen Berufen. Die Zahl betrifft die Therapie. Sie zeigt trotzdem, dass es hinter der Diagnose selten schnell weitergeht, und darum lohnt es sich, die Monate davor zu nutzen.
Fragt bei jeder Stelle, mit welcher Wartezeit sie gerade rechnet, und schreibt das Datum des Anrufs dazu. Eine Auskunft vom Frühjahr gilt im Herbst oft nicht mehr.
Die Wege im Überblick
Eine Diagnostik kann an mehreren Stellen stattfinden. Welche in eurer Region gerade Kinder aufnimmt, erfahrt ihr nur dort.
| Weg | Wie ihr hinkommt | Was ihr wissen solltet |
|---|---|---|
| Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) | Meist mit Überweisung der Kinderarztpraxis | Laut § 119 SGB V für Kinder, die wegen Art, Schwere oder Dauer ihrer Erkrankung nicht von niedergelassenen Ärzten oder Frühförderstellen behandelt werden können. Fragt nach Altersgrenze und Einzugsgebiet. |
| Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie | Überweisung, bei dringendem Bedarf mit Dringlichkeitscode über die Terminservicestelle 116 117 | Die 116 117 vermittelt dann einen Facharzttermin mit höchstens vier Wochen Wartezeit. Das kann ein erster Termin sein, noch keine vollständige Diagnostik. |
| Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie (Klinikambulanz) | Je nach Klinik mit Überweisung, Anmeldung über die Ambulanz | Für komplexere Verläufe. Nicht jede Ambulanz macht für alle Altersgruppen ADHS- oder Autismus-Diagnostik. |
| Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie | Psychotherapeutische Sprechstunde ohne Überweisung, auch über 116 117 | Hier bekommt ihr eine erste fachliche Einschätzung. Fragt, ob die Praxis die vollständige Diagnostik mit Testpsychologie selbst macht oder an eine zweite Stelle abgibt. |
| Kinderarztpraxis | Direkt, ohne Überweisung | Erste Einordnung, Überweisung, Prüfung von Hören und Sehen. |
Ihr dürft euch an mehreren Stellen gleichzeitig anmelden. Notiert, wo ihr wann angefragt habt, und sagt ab, sobald ihr irgendwo einen Termin habt. Wie so ein Protokoll mit Datum, Praxis und Antwort aussieht, zeigt der Ratgeber Wartezeit überbrücken.
Was die Terminservicestelle leistet
Für einen Facharzttermin über die 116 117 braucht ihr nach § 75 Abs. 1a SGB V grundsätzlich eine Überweisung. Die Wartezeit auf den vermittelten Termin darf vier Wochen nicht überschreiten, und die Entfernung zur Praxis muss zumutbar sein. Findet die Terminservicestelle in der Frist keinen Termin, muss sie einen ambulanten Termin in einem zugelassenen Krankenhaus anbieten.
Die Verbraucherzentrale beschreibt, was dafür nötig ist: eine Überweisung mit zwölfstelligem Dringlichkeitscode aus der Hausarztpraxis. Bei Kindern ist das in der Regel die Kinderarztpraxis, denn Kinder- und Jugendärzte gehören nach § 73 Abs. 1a SGB V zur hausärztlichen Versorgung. Ohne Code vermittelt die 116 117 Facharzttermine nur in bestimmten Fällen. Bittet in der Kinderarztpraxis ausdrücklich um den Code.
Einen belegten Weg, die Diagnostik selbst zu beschleunigen, kenne ich nicht. Was ihr beeinflussen könnt, sind die Wochen, die durch fehlende Unterlagen oder liegengebliebene Fragebögen verloren gehen.
Was ihr vor dem Termin klärt
Ein Teil der Abklärung lässt sich erledigen, bevor das erste Gespräch beginnt.
- Hören und Sehen. Die S3-Leitlinie ADHS (AWMF 028-045, Version 2.0 von 2026) nennt Seh- oder Hörstörungen als Ursache, die als Unaufmerksamkeit fehlgedeutet werden kann. Zur Ausschlussdiagnostik gehört dort eine orientierende Prüfung von Hör- und Sehvermögen. Die Kinderarztpraxis kann das jetzt schon machen.
- Schlaf. Dieselbe Leitlinie zählt Müdigkeit bei Schlafstörungen zu den Dingen, die von ADHS abzugrenzen sind. Notiert zwei Wochen lang, wann euer Kind einschläft und wann es aufwacht.
- Unterlagen. U-Heft, Impfpass, Zeugnisse ab Klasse 1, Kita-Berichte, frühere Befunde. Die Originale behaltet ihr, die Praxis bekommt Kopien. Eine Packliste steht im Ratgeber ADHS-Diagnostik beim Kind.
- Fragen an die Praxis. „Machen Sie die vollständige Diagnostik mit Testpsychologie oder nur das Erstgespräch?“ „Brauchen Sie vorab Fragebögen von der Schule?“ „Wie lange gilt die Überweisung?“
Beobachtungen sammeln, die später jemand braucht
Im Erstgespräch wird gefragt, wie es zu Hause aussieht. Nach Monaten verschwimmen die Tage. Eine Seite pro Woche reicht.
Haltet fest, was vor einer Situation war, was euer Kind getan hat und was danach kam. Schreibt in Szenen: „Dienstag, Hausaufgaben, 16 Uhr. Nach vier Minuten steht sie auf, nach zehn rechnet sie wieder. Um 17:10 Uhr Tränen.“ Ein solcher Satz sagt einer Fachperson mehr als „Konzentration schwierig“. Notiert auch, wann es gut läuft und bei wem. Ein Raster dafür gibt der Beobachtungsbogen.
Die ADHS-Leitlinie begründet, warum auch die Schule gefragt wird: Die Angaben von Eltern und von Erziehern oder Lehrkräften stimmen allenfalls im mittleren Bereich überein. Beide Blickwinkel werden gebraucht. Steht eine Autismus-Abklärung an, schreibt auf, was ihr über die ersten Jahre noch wisst. Wann kamen die ersten Wörter? Wie hat euer Kind mit anderen gespielt, wie hat es auf laute Geräusche reagiert? Welche Fragen dort typischerweise kommen, steht im Ratgeber Autismus-Abklärung beim Kind.
Die Schule oder Kita einbinden
Schickt eine Praxis Fragebögen für die Schule, gebt sie am selben Tag weiter. Vor den Ferien zählt jede Woche. Eine Lehrkraft, die den Bogen drei Wochen vor dem Termin bekommt, schafft ihn. Kommt er erst nach den Herbstferien bei ihr an, wird es eng.
Bereitet das Gespräch mit der Klassenleitung vor: Was wollt ihr wissen, worauf soll die Lehrkraft achten, wer meldet sich bei wem? Der Leitfaden Gespräch mit Schule und Kita hilft dabei. Bittet um zwei oder drei Beobachtungen aus dem Unterricht, mit Datum. Das ist leichter zu erfüllen als „Wie ist denn sein Verhalten so?“.
Anpassungen, bevor eine Diagnose da ist
Für einen förmlichen Nachteilsausgleich fragen Schulen in der Regel nach einem fachlichen Befund. Schulrecht ist Ländersache, die Regeln unterscheiden sich von Land zu Land.
Kleine Änderungen im Unterricht lassen sich oft schon vorher absprechen. Ein Platz vorn bei der Lehrkraft. Kurze Bewegungspausen. Aufgaben in kleineren Schritten. Schlagt eine oder zwei solche Dinge vor und setzt euch nach einigen Wochen noch einmal zusammen. Die Schulpsychologie oder eine Beratungslehrkraft kann das Gespräch begleiten. Was eure Schule zulässt, hängt von Bundesland und Schule ab, also fragt nach, bevor ihr euch auf eine Zusage verlasst.
Entlastung im Alltag
Das Warten zehrt, weil das Kind in der Zwischenzeit weiter durch seine Tage muss. Und ihr mit ihm.
Die Erziehungsberatung ist eine Leistung der Jugendhilfe nach § 28 SGB VIII. Nach § 36a Abs. 2 SGB VIII soll das Jugendamt zulassen, dass Familien sie direkt nutzen, ohne vorherige Entscheidung des Amtes. Einen Antrag oder eine Diagnose braucht ihr dafür in der Regel nicht. Stellen in eurer Nähe findet ihr im Verzeichnis der Erziehungsberatung. Fragt beim ersten Anruf nach offenen Sprechzeiten.
Für euch selbst gibt es das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer: 0800 111 0 550, anonym und kostenlos. Montags, mittwochs und freitags von 9 bis 17 Uhr, dienstags und donnerstags von 9 bis 19 Uhr. Eltern, die denselben Weg gerade gehen, trefft ihr über die Selbsthilfe.
Und dann der Morgen. Das ersetzt keine Therapie. Ein vorhersehbarer Ablauf nimmt trotzdem Reibung raus: ein Bild an der Tür mit drei Schritten, ein fester Platz für den Ranzen. Sucht euch einen Brennpunkt aus, vielleicht zwei. Den Rest lasst ihr erst einmal, wie er ist.
Wann es nicht bis zum Termin warten kann
Wer auf einer Warteliste steht, ist damit noch nicht versorgt. Hat sich etwas verändert, meldet euch bei der Stelle, bei der ihr angemeldet seid. Eine neue Einschätzung kann die Dringlichkeit ändern. Sofort Hilfe braucht ihr in diesen Fällen:
- Euer Kind spricht davon, nicht mehr leben zu wollen, verletzt sich oder hat sich etwas angetan.
- Es isst oder trinkt kaum noch oder nimmt deutlich ab.
- Es geht seit Wochen nicht mehr zur Schule, verlässt kaum noch das Zimmer oder wirkt wie ausgewechselt.
- Es gefährdet sich oder andere, etwa durch Weglaufen in den Straßenverkehr oder Schläge gegen die Geschwister.
Bei akuter Gefahr ruft die 112 oder fahrt in die Notaufnahme einer Kinderklinik oder einer Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar. Kinder und Jugendliche selbst können die Nummer gegen Kummer unter 116 111 anrufen, krisenchat schreibt mit jungen Menschen unter 25 rund um die Uhr. Weitere Kontakte stehen auf der Notfallseite.
Quellen
- § 75 Abs. 1a SGB V (Terminservicestelle, Überweisung, Vier-Wochen-Frist, Krankenhaustermin), abgerufen am 26.10.2026: gesetze-im-internet.de
- § 73 Abs. 1a SGB V (Kinder- und Jugendärzte in der hausärztlichen Versorgung), abgerufen am 26.10.2026: gesetze-im-internet.de
- § 119 SGB V (Sozialpädiatrische Zentren), abgerufen am 26.10.2026: gesetze-im-internet.de
- Verbraucherzentrale: Termin beim Facharzt nach 4 Wochen, so vermittelt Sie die Nummer 116 117 (Stand 01.10.2024), abgerufen am 26.10.2026: verbraucherzentrale.de
- Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin: Pressemitteilung zum Welt-Autismus-Tag 2023 (Wartezeiten der Autismus-Therapiezentren), abgerufen am 26.10.2026: dgspj.de
- AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie ADHS im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Registernummer 028-045, Version 2.0 (2026): register.awmf.org
- S3-Leitlinie ADHS, Version 2.0, Langfassung (PDF bei der DGPPN; Abschnitte Differenzialdiagnostik und Exploration), abgerufen am 26.10.2026: dgppn.de
- § 28 SGB VIII (Erziehungsberatung), abgerufen am 26.10.2026: gesetze-im-internet.de
- § 36a SGB VIII (unmittelbare Inanspruchnahme der Erziehungsberatung), abgerufen am 26.10.2026: gesetze-im-internet.de
- Nummer gegen Kummer: Elterntelefon 0800 111 0 550 (Zeiten), abgerufen am 26.10.2026: nummergegenkummer.de
- TelefonSeelsorge: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, rund um die Uhr, abgerufen am 26.10.2026: telefonseelsorge.de
- krisenchat (rund um die Uhr, für alle unter 25), abgerufen am 26.10.2026: krisenchat.de
Häufige Fragen
Muss ich auf die Diagnose warten, um Hilfe zu bekommen?
Nein. Erziehungsberatung, das Elterntelefon, das Gespräch mit der Schule und eine psychotherapeutische Sprechstunde gibt es ohne Diagnose.
Kann ich auf mehreren Wartelisten stehen?
Ja. Sagt bei den übrigen Stellen ab, sobald ihr einen Termin habt. Dann rückt die nächste Familie nach.
Braucht eine Autismus-Abklärung eine Überweisung?
Für ein Sozialpädiatrisches Zentrum und für eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Regel ja. Fragt bei der Anmeldung, was die Stelle verlangt und wie lange die Überweisung gilt.
Was mache ich, wenn die Wartezeit sehr lang ist?
Haltet Kontakt zur Stelle, bei der ihr gelistet seid. Ist der Alltag kaum noch zu halten, fragt in der Kinderarztpraxis nach einer Überweisung mit Dringlichkeitscode. Verschlechtert sich der Zustand deutlich, wendet euch an eine Institutsambulanz.
Diese Information dient der Orientierung. Sie ersetzt keine individuelle fachliche Einschätzung.