Thema

Störungen des Sozialverhaltens

Wenn Wut und Regelverstöße zum Dauerthema werden: was dahinterstecken kann, welche Elterntrainings belegt sind und wer euch hilft.

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Elternsprache

Mein Kind ist oft aggressiv, missachtet Regeln oder gerät ständig in Konflikte.

Fachliche Orientierung: ICD-10 F91, ICD-11 6C91. Diese Seite stellt keine Diagnose.

Fachliche Leitlinie

Diese Einordnung orientiert sich an der AWMF-S3-Leitlinie „Störungen des Sozialverhaltens: Empfehlungen zur Diagnostik und Behandlung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ (Register 028-020). Gültig bis 14.09.2028.

Wenn jeder Morgen mit Geschrei anfängt

7.40 Uhr, die Schuhe sind noch nicht an. Ihr sagt es zum dritten Mal, dann lauter. Euer Kind wirft den Schuh in den Flur, ihr droht mit Handyverbot, es knallt die Tür. Am Ende fahrt ihr zu spät los und alle sind erschöpft. Wenn solche Szenen über Monate den Alltag bestimmen, in der Familie und in Kita oder Schule, sprechen Fachleute von einer Störung des Sozialverhaltens.

Oft sind andere Themen mit im Spiel: ADHS, Ängste, Lernprobleme, eine Belastung in der Familie. Und der Hebel, den die neue Leitlinie für Kinder bis 12 Jahre zuerst nennt, liegt bei euch: das Elterntraining.

Wutanfälle mit vier, Regelbrüche mit vierzehn

Kita und Vorschule. Wutanfälle, die weit über das hinausgehen, was in dem Alter üblich ist, und die viele Male am Tag kommen. Hauen, Beißen, Sachen kaputt machen. Die Kita ruft an, weil andere Eltern sich beschweren.

Grundschule. Ständiger Streit mit Erwachsenen, Regeln werden absichtlich gebrochen, andere gezielt geärgert. Schuld haben immer die anderen. Es gibt Prügeleien, Einträge ins Hausaufgabenheft, irgendwann die erste Ordnungsmaßnahme.

Jugendliche. Schwänzen, nachts wegbleiben, Diebstahl, Sachbeschädigung, Gewalt gegen andere. Fachleute unterscheiden hier das oppositionell-aufsässige Verhalten (ICD-11 6C90) von dissozialem Verhalten, bei dem Regeln und Rechte anderer verletzt werden (ICD-11 6C91). In Deutschland wird noch nach ICD-10 verschlüsselt, dort unter F91.

Die Eskalationskette und wo Elterntraining ansetzt

Fast jede Familie kennt den Ablauf. Er läuft so oft, dass niemand mehr merkt, wie er funktioniert.

SchrittWas passiertWas das Kind daraus lerntHier setzt Elterntraining an
1. Aufforderung„Zieh deine Schuhe an“, aus der Küche gerufen, während das Kind spielt.Gerufene Sätze kann man überhören.Hingehen, Blickkontakt, ein klarer Satz. Als Aufforderung formuliert, ohne „Kannst du mal …?“.
2. Weigerung„Gleich!“ oder gar keine Reaktion.Abwarten lohnt sich manchmal.Kurz warten, dann eine angekündigte, kleine Folge, die ihr auch umsetzt.
3. Wiederholung, lauterDritte, vierte Aufforderung, der Ton wird schärfer.Ernst wird es erst beim Schreien.Nicht in Wiederholungsschleifen gehen. Einmal sagen, einmal erinnern.
4. EskalationSchreien, Drohungen, Türenknallen auf beiden Seiten.Wer lauter ist, bestimmt.Rechtzeitig aussteigen, bevor es kippt. Auszeit für alle, auch für euch.
5. Nachgeben oder harte StrafeIhr zieht die Schuhe selbst an oder verhängt eine Woche Handyverbot.Bei Nachgeben: Eskalation zahlt sich aus. Bei der großen Strafe: Groll, und die Strafe hält ohnehin niemand durch.Kurze, vorher besprochene Folgen. Dazu viel Aufmerksamkeit für die Momente, in denen es klappt.

Von innen kommt kaum eine Familie allein aus diesem Kreislauf heraus. Ein Elterntraining nimmt sich die fünf Stellen nacheinander vor, mit Übungen für zu Hause zwischen den Terminen.

Was die neue Leitlinie empfiehlt

Seit September 2026 gibt es eine neu gefasste S3-Leitlinie „Störungen des Sozialverhaltens“ (AWMF 028-020, Stand 18.09.2026, gültig bis 14.09.2028). Sie gilt für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Die wichtigsten Punkte für Eltern:

  • Abklärung. Wenn Eltern, Kita, Schule oder Jugendhilfe überdauerndes oppositionelles, aggressives oder dissoziales Verhalten beschreiben, soll das abgeklärt werden. Die ausführliche Diagnostik gehört zu Spezialist:innen, etwa in eine Praxis für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie oder für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Mit geprüft werden ADHS, Autismus, Depression, Ängste, Traumafolgen und Suchtprobleme.
  • Elterntraining. Für Eltern von Kindern zwischen 3 und 12 Jahren sollte es angeboten werden, einzeln oder in der Gruppe. Für Jüngere und für Jugendliche ab 12 kann es angeboten werden, dann an das Alter angepasst. Die Leitlinie verlangt ein evaluiertes, etabliertes Trainingsmanual und, wo möglich, beide Bezugspersonen. Bei Kleinkindern und Vorschulkindern sollte eine Fachperson euch direkt im Spiel mit eurem Kind anleiten (Eltern-Kind-Interaktionstherapie).
  • Training für das Kind. Ab 6 Jahren empfiehlt die Leitlinie ein Training für das Kind selbst: Probleme lösen, mit Streit unter Gleichaltrigen umgehen, möglichst zusammen mit der Elternarbeit.
  • Intensivhilfe. Wenn mehrere Lebensbereiche schwer betroffen sind, sollte eine aufsuchende Behandlung kommen, die Familie, Schule und Jugendhilfe zusammenbringt.
  • Medikamente kommen erst in Frage, wenn psychosoziale und psychotherapeutische Hilfen nicht ausreichen, und in der Regel frühestens ab 6 Jahren, immer ergänzend. Die Entscheidung liegt bei Fachärzt:innen für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Die Leitlinie nennt keine Markennamen. In Deutschland verbreitet sind zum Beispiel Triple P (Positive Parenting Program), oft als Gruppenkurs bei Familienbildungsstätten und Beratungsstellen, und das Therapieprogramm THOP für Kinder mit hyperkinetischem und oppositionellem Problemverhalten, das in Praxen und Kliniken eingesetzt wird. Die Eltern-Kind-Interaktionstherapie ist international als PCIT bekannt. Fragt bei jedem Angebot: „Nach welchem Manual arbeiten Sie?“

Was ihr vor dem ersten Termin sammelt

  • Zwei Wochen lang ein kurzes Protokoll: Was war direkt vorher, was hat euer Kind getan, was ist danach passiert? Drei Spalten reichen. Die Leitlinie nennt genau diese Analyse von Auslösern und Folgen als Teil der Diagnostik.
  • Zeugnisse, Briefe der Schule, Einträge, Ordnungsmaßnahmen, Berichte der Kita.
  • Frühere Befunde, etwa aus dem SPZ oder einer ADHS-Abklärung.
  • Notizen zu Stärken: Wo kommt euer Kind gut zurecht, wofür brennt es? In der Klinik sehe ich oft Akten voller Beschwerden über ein Kind und kaum einen Satz darüber, was es gut kann.

Kinderpsychiatrie, Psychotherapie, Jugendamt: wer was macht

Die Erziehungsberatungsstelle ist oft der schnellste Einstieg, kostenlos und ohne Überweisung. Viele bieten Elternkurse an. Die Kinderarztpraxis prüft Hören, Sehen, Schlaf und überweist bei jüngeren Kindern mit Entwicklungsfragen an ein SPZ. Für Diagnostik und Psychotherapie führt der Weg über die psychotherapeutische Sprechstunde, vermittelt über 116 117. In der Psychotherapie für Kinder sind Termine nur für euch Eltern ausdrücklich vorgesehen, die sogenannten Bezugspersonenstunden. Kommen ADHS oder Medikamente ins Spiel, ist die kinder- und jugendpsychiatrische Praxis zuständig. Wenn ambulant nichts mehr greift oder Gefahr für andere besteht, hilft die Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Was das Jugendamt beitragen kann

Die Leitlinie empfiehlt, die Kinder- und Jugendhilfe früh einzubeziehen, grundsätzlich mit eurem Einverständnis. Mögliche Hilfen zur Erziehung nach dem SGB VIII:

  • Erziehungsberatung (§ 28)
  • Soziale Gruppenarbeit für ältere Kinder und Jugendliche (§ 29)
  • Erziehungsbeistand (§ 30), eine feste Fachkraft für euer Kind
  • Sozialpädagogische Familienhilfe (§ 31), die zu euch nach Hause kommt
  • Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung (§ 35) für Jugendliche in schwierigen Lagen

Ist ein Jugendlicher straffällig geworden, ist die Jugendgerichtshilfe beim Jugendamt die erste Kontaktstelle. Was bei einem Gespräch mit Schule oder Kita hilft, steht im Leitfaden Gespräch mit Schule und Kita.

Elterntraining und Jugendhilfe: was euch nichts kostet

Diagnostik, Psychotherapie samt Bezugspersonenstunden und die kinderpsychiatrische Behandlung sind Leistungen der gesetzlichen Krankenkasse. Erziehungsberatung und ambulante Hilfen zur Erziehung kosten euch nichts. Elternkurse an Familienbildungsstätten haben unterschiedliche Gebühren, fragt nach Ermäßigung. Auf einen Therapieplatz wartet ihr oft Monate. Ein Elternkurs in der Beratungsstelle kann in dieser Zeit schon viel verändern. Mehr dazu sammelt der Ratgeber Wartezeit überbrücken.

Quellen

Häufige Eltern-Fragen

Ist mein Kind einfach schwierig oder steckt mehr dahinter?

Wiederkehrende Aggression, häufiges Lügen, Wutausbrüche und Regelbrüche über Monate deuten auf mehr als eine schwierige Phase. Oft tragen Kinder so eine Überforderung nach außen, für die ihnen die Worte fehlen. Häufig sind ADHS, Ängste, Lernprobleme oder Belastungen in der Familie mit im Spiel.

Hilft bei aggressivem Verhalten mehr Strenge?

Härtere Strafen drehen die Spirale meist weiter. Besser wirken wenige klare Regeln mit vorher angekündigten Folgen, die ihr ruhig durchzieht, und viel Aufmerksamkeit für die Momente, in denen es gut läuft. Genau das üben Eltern in Elterntrainings, die zu den am besten untersuchten Hilfen gehören. Im September 2026 ist dazu eine neue S3-Leitlinie zu Störungen des Sozialverhaltens erschienen.

Wohin wenden wir uns bei aggressivem Verhalten unseres Kindes?

Für eine erste Einordnung an eine Erziehungsberatungsstelle, kostenlos und ohne Antrag. Diagnostik und Behandlung übernehmen kinder- und jugendpsychiatrische Praxen und Psychotherapeut:innen für Kinder und Jugendliche. Eskaliert es zu Hause oder in der Schule, könnt ihr beim Jugendamt Hilfen zur Erziehung beantragen, zum Beispiel eine Sozialpädagogische Familienhilfe, die regelmäßig zu euch nach Hause kommt.

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