Differentialdiagnostik
Differentialdiagnostik: Differentialdiagnostik grenzt ähnlich aussehende Störungen und Ursachen voneinander ab, um zu klären, welche Erklärung für die Beschwerden zutrifft.
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Das gleiche Verhalten, verschiedene Ursachen
Ein Kind, das im Unterricht abwesend wirkt, kann ADHS haben. Es kann aber auch schlecht hören, nachts kaum schlafen, sich Sorgen um die kranke Oma machen oder kurze Absencen haben, eine Form der Epilepsie. Von außen sieht das ähnlich aus. Differentialdiagnostik heißt, diese Möglichkeiten der Reihe nach zu prüfen, bevor man sich festlegt. Für Eltern bedeutet das manchmal mehr Termine, als ihnen lieb ist. Es schützt aber vor einer Behandlung, die am eigentlichen Problem vorbeigeht.
Wie Fachleute Ursachen gegeneinander abgrenzen
Am Anfang stehen fast immer körperliche Erklärungen: Hören und Sehen, Schilddrüse, Eisenmangel, Schlafstörungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, neurologische Auffälligkeiten. Bei Psychotherapie verlangt die Kasse dafür vor Behandlungsbeginn einen Konsiliarbericht. Danach folgen ausführliche Gespräche zur Entwicklung, Fragebögen für Eltern und Schule, Tests und Beobachtung.
Wichtig ist der Verlauf. Wann hat es angefangen, gab es ein auslösendes Ereignis, ist es in allen Lebensbereichen gleich? Unruhe, die erst nach einem Umzug oder einer Trennung beginnt und nur in der Schule auftritt, deutet in eine andere Richtung als Unruhe, die seit dem Kindergarten überall auffällt.
Typische Verwechslungen bei Kindern
- Unaufmerksamkeit: ADHS, Angst, Depression, Schlafmangel, Hörstörung, Absencen, Über- oder Unterforderung
- Schweigen außerhalb der Familie: selektiver Mutismus, Sprachentwicklungsstörung, Autismus, große Schüchternheit
- Rückzug und Gereiztheit im Jugendalter: Depression, Folgen von Mobbing, Substanzkonsum, körperliche Erkrankung
- Bauchweh vor der Schule: Angst, Überforderung, Mobbing, aber auch Unverträglichkeiten oder Verstopfung
- Wiederholte Rituale: Zwangsstörung, autistische Routinen, altersübliche Rituale bei jüngeren Kindern
Was ihr zur Differentialdiagnostik beitragen könnt
Ihr kennt den Verlauf besser als jede Praxis. Ein paar Wochen Notizen mit Datum, Situation und Dauer sind wertvoller als ein Gesamturteil. Bringt Zeugnisse, Berichte aus Kita oder Schule und das gelbe Vorsorgeheft mit. Und fragt am Ende, welche Erklärungen ausgeschlossen wurden und warum. Eine gute Praxis kann das in zwei Sätzen beantworten. Bleibt eine Frage offen, etwa ob ein EEG nötig ist, gehört das in den Bericht und nicht unter den Tisch.
Wann euch der Begriff begegnet
- eine Diagnose wird schnell gestellt und ihr habt Zweifel
- eine Behandlung wirkt nicht wie erwartet
- im Bericht steht „Differentialdiagnostisch auszuschließen“
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