„Sie schaut mir doch in die Augen“
Diesen Satz sagen viele Eltern, wenn das Wort Autismus zum ersten Mal fällt. Fehlender Blickkontakt gilt als das Erkennungszeichen schlechthin. Viele autistische Kinder schauen Menschen aber an. Manche lange und starr, manche nur kurz, manche haben es gelernt, weil Erwachsene es immer wieder eingefordert haben. Mehr verrät das Zusammenspiel von Blick, Gesten und Sprache. Achtet darauf, ob euer Kind auf ein Flugzeug zeigt, um es mit euch zu teilen, und dabei zwischen euch und dem Himmel hin und her schaut. Oder ob es euch an der Hand zum Kühlschrank zieht, ohne euch dabei anzusehen.
Autismus-Spektrum heißt: Kommunikation und soziales Miteinander laufen anders, dazu kommen wiederkehrende Interessen und Gewohnheiten. Häufig verarbeitet das Kind Reize anders, Geräusche, Licht oder Berührung können überwältigen. Die Bandbreite ist groß. Ein Kind spricht mit vier Jahren kaum, ein anderes hält mit sechs Vorträge über U-Bahn-Linien und eckt erst in der dritten Klasse an.
Mädchen, die in der Schule funktionieren
Bei Mädchen fällt Autismus oft spät auf. Viele beobachten genau, wie andere Kinder sich verhalten, und übernehmen es: das Lachen an der richtigen Stelle, die Begrüßung, das Gesprächsthema in der Pause. Fachleute nennen das Maskieren. In der Schule läuft dann scheinbar alles. Zu Hause bricht es zusammen, mit Weinen, Wut oder Stunden allein im Zimmer. In der Klinik begegnen mir Jugendliche, bei denen zuerst Angst oder Erschöpfung der Anlass waren und der Autismus erst danach sichtbar wurde.
Im Sandkasten, im Klassenzimmer, in der Clique
Bis zum dritten Geburtstag. Das Kind reagiert selten auf seinen Namen, obwohl es gut hört. Es zeigt kaum auf Dinge, um sie mit euch zu teilen. Die Sprache kommt spät oder besteht aus Sätzen aus Liedern und Filmen. Verliert ein Kind Wörter, die es schon konnte, gehört das zeitnah in die Kinderarztpraxis.
Kita. Es spielt neben den anderen, selten mit ihnen. Autos werden in langen Reihen aufgestellt, gefahren wird kaum. Ein anderer Weg zur Kita oder ein neuer Becher löst einen langen Zusammenbruch aus. Kindergeburtstage, der Staubsauger, das kratzende Etikett im Pulli werden zur Qual.
Grundschule. Ironie geht daneben, Anweisungen nimmt das Kind wörtlich. Die Pause verbringt es allein oder bei der Aufsicht. Ein Spezialthema füllt jedes Gespräch: Fahrpläne, Planeten, eine Spielereihe. Nach Gruppenarbeit oder einem Ausflug kommt es völlig erschöpft nach Hause.
Jugend. Freundschaften folgen Regeln, die niemand ausspricht. Viele ziehen sich zurück. Angst, depressive Verstimmung und Erschöpfung kommen häufig dazu und überdecken das Grundbild.
Was ihr vor dem ersten Termin sammelt
- das gelbe Kinderuntersuchungsheft und alle Befunde, etwa von Hörtest, Logopädie oder Ergotherapie
- kurze Handyvideos aus dem Alltag: freies Spiel, eine Begrüßung, ein Wutanfall, das Rufen beim Namen. In der Praxis verhalten sich Kinder oft anders.
- Notizen zur frühen Entwicklung: erstes Wort, Zeigen, Winken, Lieblingsspiele. Alte Fotos helfen beim Erinnern, denn die Diagnostik fragt ausführlich nach den ersten Lebensjahren.
- schriftliche Berichte aus Kita oder Schule mit konkreten Situationen
- bei der Anmeldung die Frage: „Bieten Sie eine vollständige Autismus-Diagnostik an, oder überweisen Sie dafür weiter?“
Wer abklärt
Der Weg beginnt in der Kinderarztpraxis. Sie schreibt die Überweisung und klärt vorher Hören und Sehen. Bei kleinen Kindern und bei Fragen zu Sprache und Motorik ist ein Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) oft die passende Stelle, weil dort mehrere Fachrichtungen unter einem Dach arbeiten. Schulkinder und Jugendliche werden häufig in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen oder in Autismus-Sprechstunden der Klinikambulanzen untersucht. Nicht jede Praxis bietet die vollständige Diagnostik an, darum lohnt die Frage bei der Anmeldung. Den Weg im Detail beschreibt der Ratgeber Autismus-Abklärung beim Kind.
Was in einer Autismus-Diagnostik passiert
| Baustein | Was passiert | Wer | Umfang |
|---|---|---|---|
| Entwicklungsanamnese | ausführliches Gespräch mit euch über die ersten Lebensjahre und den Alltag heute, oft mit dem strukturierten Interview ADI-R | Ärzt:in oder Psycholog:in der Diagnostikstelle | ADI-R laut Testverlag 1,5 bis 4 Stunden |
| Beobachtung des Kindes | standardisierte Spiel- und Gesprächssituationen mit der Beobachtungsskala ADOS-2 | geschulte Fachperson, manchmal mit Video | ein Modul, laut Testverlag 30 bis 45 Minuten |
| Fremdbeobachtung | Fragebögen und Berichte aus Kita oder Schule, manche Stellen beobachten vor Ort | Erzieher:innen, Lehrkräfte, Diagnostikteam | je nach Stelle |
| Intelligenz- und Sprachdiagnostik | Tests zu Denken und Sprachverständnis, weil sie Einordnung und passende Hilfen bestimmen | Psycholog:in, bei Bedarf Logopädie | je nach Alter des Kindes |
| Hören und Sehen | Hörtest und Sehtest, damit nichts übersehen wird | Kinderarztpraxis, HNO, Augenarztpraxis | vor oder während der Diagnostik |
| Körperliche Untersuchung | neurologischer Befund, bei Hinweisen weitere Abklärung | Ärzt:in | ein Termin |
| Differenzialdiagnostik | Abgrenzung zu ADHS, Sprachentwicklungsstörung, Angst, Bindungsstörung oder Intelligenzminderung. Manches liegt auch zusammen vor. | Diagnostikteam | im Abschlussgespräch |
Das verteilt sich meist auf mehrere Termine. Am Ende stehen ein Gespräch und ein schriftlicher Befund. Bittet ausdrücklich um den schriftlichen Bericht mit Diagnose, ihr braucht ihn für Jugendamt und Schule.
Die Diagnostik orientiert sich an der S3-Leitlinie zur Autismus-Diagnostik (AWMF 028-018) von 2016. Sie ist seit 2021 abgelaufen. Laut Register wird sie überarbeitet, das Anmeldeverfahren ist aber noch nicht abgeschlossen.
Nach der Diagnose
Die S3-Leitlinie zur Therapie (AWMF 028-047) erschien 2021, ihre Gültigkeit lief im März 2026 ab. Sie ist nach Therapiezielen geordnet und unterscheidet nach Alter und kognitiven Fähigkeiten. Für kleine Kinder gibt es Elterntraining und früh einsetzende Förderung auf verhaltenstherapeutischer Grundlage, für Schulkinder Gruppen, in denen sie soziale Situationen üben. Bei Angst oder Depression hilft Psychotherapie. Gegen den Autismus selbst gibt es keine Tabletten. Medikamente kommen bei Begleitproblemen infrage, etwa bei schweren Schlafproblemen oder zusätzlicher ADHS, und gehören in fachärztliche Hand.
Im Alltag tragen kleine Dinge: Vorankündigungen („In fünf Minuten ziehen wir die Schuhe an“), ein Bildplan am Kühlschrank, ein reizarmer Rückzugsort nach der Schule. Geschwister rutschen leicht in die Rolle der Unkomplizierten. Feste Zeit allein mit ihnen, in der es nicht um den Bruder oder die Schwester geht, hält viel zusammen.
Wer was bezahlt
Diagnostik, Behandlung in kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen, SPZ und Ambulanzen sowie Psychotherapie mit Kassensitz trägt die gesetzliche Krankenversicherung. Autismus-Therapiezentren und Schulbegleitung laufen meist über die Eingliederungshilfe. Zuständig ist in der Regel das Jugendamt nach § 35a SGB VIII. Hat das Kind zusätzlich eine geistige Behinderung, ist meist der Träger der Eingliederungshilfe nach SGB IX zuständig. Den Antrag stellt ihr schriftlich, die Entscheidung kommt als Bescheid. Für ambulante Hilfen nach § 35a erhebt das Jugendamt keinen Kostenbeitrag von euch. Kinder bis zur Einschulung können Frühförderung bekommen. In der Schule sichert ein Nachteilsausgleich Dinge wie einen festen Platz, schriftliche statt mündlicher Aufgaben oder mehr Zeit.
Wenn die Warteliste lang ist
Autismus-Diagnostik hat lange Wartezeiten. Meldet euch früh an, auch bei mehreren Stellen. In der Zwischenzeit kann die Kita mit Bildkarten und einer ruhigen Ecke arbeiten, ohne dass eine Diagnose vorliegt. Elterngruppen und Verbände findet ihr über die Selbsthilfe-Seite, freie Plätze über den Therapieplatz-Helfer.
Quellen
- AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 1: Diagnostik“, Registernummer 028-018, Stand 27.04.2016, gültig bis 04.04.2021, abgelaufen. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-018
- AWMF-Leitlinienregister: S3-Leitlinie „Autismus-Spektrum-Störungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter, Teil 2: Therapie“, Registernummer 028-047, Stand 26.04.2021, gültig bis 23.03.2026, abgelaufen. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-047
- Hogrefe Testverlag: Diagnostische Beobachtungsskala für Autistische Störungen 2 (ADOS-2), Produktinformation. hogrefe.com
- Hogrefe Testverlag: Diagnostisches Interview für Autismus, Revidiert (ADI-R), Produktinformation. hogrefe.com
- Sozialgesetzbuch VIII, § 35a (Eingliederungshilfe) und § 91 (Kostenbeiträge). gesetze-im-internet.de/sgb_8/__35a.html