Komorbidität
Komorbidität: Komorbidität bedeutet, dass bei einem Menschen zwei oder mehr Erkrankungen gleichzeitig vorliegen, etwa ADHS zusammen mit einer Lese-Rechtschreib-Störung.
Von Janike Arent, Psychotherapeutin in Ausbildung (Kinder und Jugendliche, Verhaltenstherapie)
Wenn im Befund mehr als eine Diagnose steht
Viele Eltern erschrecken, wenn im Bericht plötzlich zwei oder drei Diagnosen stehen. Bei Kindern und Jugendlichen ist das häufig und kein Zeichen dafür, dass alles schlimmer ist als gedacht. Psychische Störungen treten oft gemeinsam auf. Ein Kind mit ADHS gerät leichter in Konflikte und entwickelt daraus oppositionelles Verhalten. Ein Jugendlicher mit langjähriger Angst rutscht in eine Depression. Ein Kind mit Tics hat zusätzlich Zwangsrituale. Für die Behandlung ist das wichtig, weil die Begleiterkrankung manchmal mehr belastet als die Hauptdiagnose.
Häufige Paare in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
Einige Kombinationen sehen Fachleute immer wieder. Sie sind in den Leitlinien zu ADHS, Tics und Depression ausdrücklich beschrieben.
- ADHS mit Störung des Sozialverhaltens, Lese-Rechtschreib-Störung oder Tics
- Angststörung mit Depression, besonders im Jugendalter
- Tic-Störung mit ADHS oder Zwang
- Autismus mit ADHS, Angst oder Schlafproblemen
- Essstörung mit Depression oder Zwang
Was Komorbidität für die Behandlung heißt
Eine gute Diagnostik sucht nach Begleiterkrankungen, statt bei der ersten passenden Diagnose aufzuhören. Fragt nach, wenn ihr den Eindruck habt, dass ein Teil eures Alltags im Bericht fehlt, etwa die Angst vor dem Einschlafen bei einem Kind, das wegen Unruhe vorgestellt wurde.
Danach geht es um Reihenfolge. Manchmal muss zuerst das behandelt werden, was am meisten Leid oder Gefahr bringt, etwa eine Depression mit Suizidgedanken. Manchmal verbessert die Behandlung der einen Störung die andere gleich mit. Bei Medikamenten prüft die Ärztin, ob sie für beide Störungen passen. Für Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII kann eine Komorbidität wichtig sein, weil sie zeigt, wie stark die Teilhabe betroffen ist.
Abgrenzung zur Differentialdiagnose
Komorbidität heißt, dass beides da ist. Differentialdiagnostik fragt dagegen, welche von mehreren möglichen Erklärungen zutrifft. Ein Kind kann ADHS und eine Angststörung haben. Seine Unruhe kann aber auch ganz von der Angst kommen. Das auseinanderzuhalten ist der Kern einer sorgfältigen Abklärung.
Wann euch der Begriff begegnet
- im Befund stehen mehrere Diagnosen
- eine Behandlung wirkt nur teilweise und etwas anderes bleibt bestehen
- Therapie und Medikation sollen auf mehrere Störungen abgestimmt werden