Wenn die Zimmertür seit Wochen zu ist
Viele Eltern merken es zuerst an Kleinigkeiten. Das Handballzeug bleibt in der Ecke liegen. Nachrichten der besten Freundin laufen ungelesen auf. Auf die Frage nach dem Tag kommt „Weiß nicht“ oder gar nichts. Eine Depression zeigt sich bei Kindern und Jugendlichen oft als Gereiztheit, Rückzug und eine graue Gleichgültigkeit.
Selten ist das nicht. Die S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen (AWMF 028-043) nennt für das Jugendalter Häufigkeiten zwischen 8 und 15 Prozent. Sie gilt für Kinder ab 3 Jahren, denn depressive Episoden kommen schon im Kindergartenalter vor.
Traurigsein sieht bei Kleinen anders aus als bei Jugendlichen
Kita und Vorschule. Das Kind spielt weniger, wirkt freudlos, weint schnell oder klammert. Manche reagieren gereizt auf alles. Im Spiel tauchen auffällig oft traurige oder bedrohliche Themen auf. Bauchweh und Müdigkeit ohne körperlichen Befund kommen dazu.
Grundschule. „Ich bin dumm“ und „Mich mag keiner“ fallen öfter. Hausaufgaben ziehen sich über Stunden, weil die Konzentration fehlt. Das Kind will nicht mehr zum Fußball, lädt niemanden mehr ein und hat morgens vor der Schule Kopfschmerzen.
Jugendalter. Schlaf kippt in beide Richtungen: nachts wach, tagsüber nicht aus dem Bett. Noten fallen ab, Fehltage häufen sich. Viele ziehen sich in Handy und Zimmer zurück und reagieren auf jede Frage gereizt. Manche essen kaum noch, andere deutlich mehr. Selbstabwertung kann bis zu Sätzen über Sinnlosigkeit gehen. Mehr Beobachtungshilfen stehen im Wegweiser zu Rückzug und gedrückter Stimmung.
Pubertätstief oder Depression?
Launisch sein gehört zum Jugendalter. Die Frage ist, wie lange es anhält und ob noch etwas Freude durchkommt. Diese Tabelle ersetzt keine Diagnostik. Sie hilft euch zu sortieren, was ihr der Praxis erzählt.
| Was ihr beobachtet | Spricht eher für ein Pubertätstief | Spricht eher für eine Depression |
|---|---|---|
| Dauer | Ein paar schlechte Tage, dann wieder bessere | Fast jeden Tag, seit mindestens zwei Wochen |
| Freude an irgendetwas | Zockt, lacht über Videos, freut sich aufs Wochenende | Auch das Lieblingshobby reizt nicht mehr, Vorfreude fehlt ganz |
| Schlaf und Appetit | Spät ins Bett, am Wochenende bis mittags | Liegt nachts wach oder schläft ständig, isst deutlich mehr oder weniger, Gewicht verändert sich |
| Schule | Null Bock, Noten schwanken | Leistungen brechen ein, kann sich nicht konzentrieren, fehlt öfter |
| Freunde | Zieht sich von euch zurück, trifft aber Gleichaltrige | Zieht sich auch von Freunden zurück, sagt Treffen ab |
| Was gesagt wird | „Ihr nervt.“ „Alles peinlich hier.“ | „Ist doch eh egal.“ „Ich krieg nichts hin.“ „Wäre besser, wenn ich nicht da wäre.“ |
Die letzte Zeile hat Vorrang vor allen anderen. Sätze über Sinnlosigkeit oder Nicht-mehr-da-sein sind ein Grund, sofort nachzufragen. Auch dann, wenn der Rest der Tabelle harmlos aussieht.
Nach Suizidgedanken fragen: ein Gesprächsleitfaden
Viele Eltern haben Angst, ihr Kind mit der Frage erst auf die Idee zu bringen. In der kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik gehört die direkte Frage dazu. Eine Übersichtsarbeit im Deutschen Ärzteblatt (Becker und Correll, 2020) hält fest, dass angstfreies Nachfragen Suizidalität weder auslöst noch verstärkt. In der Klinik erlebe ich oft, dass Jugendliche erleichtert sind, wenn endlich jemand die Frage laut stellt.
- Einen ruhigen Moment wählen. Nebeneinander klappt oft besser als gegenüber: im Auto, beim Spaziergang mit dem Hund, spätabends in der Küche.
- Sagen, was ihr seht. „Du sagst seit Wochen, dass alles egal ist. Und du hast dein Fahrrad verschenkt. Ich mache mir Sorgen.“
- Die Frage klar stellen. „Denkst du manchmal daran, nicht mehr leben zu wollen? Oder dich umzubringen?“ Umschreibungen wie „Du machst doch keinen Unsinn?“ laden zum Abwinken ein.
- Bei einem Ja ruhig weiterfragen. Wie oft kommen die Gedanken? Gibt es eine Vorstellung, wie? Ist schon etwas vorbereitet oder gesammelt?
- Zuhören und aushalten. Nicht diskutieren, ob das Leben doch schön ist. Danke sagen, dass euer Kind es euch erzählt.
- Kein Geheimnis versprechen. „Das behalte ich nicht für mich. Wir holen uns zusammen Hilfe.“
Wann es ein Notfall ist. Gibt es einen Plan, Vorbereitungen, Abschiedsbriefe oder verschenkte Dinge? Kann euer Kind nicht zusagen, sich bis zum nächsten Termin nichts anzutun? Dann wählt ihr 112 oder fahrt in die Notaufnahme der nächsten Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Kinderklinik. Lasst euer Kind bis dahin nicht allein. Schließt Medikamente weg und räumt Klingen und andere gefährliche Mittel aus der Reichweite.
Sind die Gedanken da, aber ohne Plan, braucht euer Kind trotzdem zeitnah eine Fachperson, möglichst am selben oder nächsten Tag: in der Institutsambulanz einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, in der Kinderarztpraxis oder nachts und am Wochenende über den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117. Rund um die Uhr erreichbar ist die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111. Für junge Menschen gibt es außerdem die Nummer gegen Kummer 116 111 und krisenchat.de. Für euch als Eltern gibt es das Elterntelefon 0800 111 0 550. Alles Weitere auf der Seite Notfall und Krise. Wenn sich euer Kind selbst verletzt, lest auch die Themenseite Selbstverletzung und Suizidgedanken.
Vor dem ersten Termin: was ihr mitbringt
Im Termin fällt einem aus dem Gedächtnis oft nur der letzte schlimme Abend ein. Zwei Wochen Notizen zeigen der Praxis den Verlauf. Schreibt kurz auf, wann euer Kind ins Bett geht und aufsteht, was es isst, welche Schultage ausgefallen sind und welche Sätze euch erschreckt haben. Der Beobachtungsbogen gibt dafür eine Struktur.
- Die letzten Zeugnisse und, falls vorhanden, Rückmeldungen der Klassenleitung.
- Eine Liste der Medikamente, die euer Kind nimmt.
- Psychische Erkrankungen in der Familie, auch bei euch selbst. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, das in der Behandlung zu berücksichtigen.
- Fragt die Klassenlehrerin oder den Klassenlehrer, was in der Schule aufgefallen ist. Lehrkräfte sehen euer Kind in Situationen, die ihr nicht seht.
Welche Tür ihr zuerst nehmt
Die Kinderarztpraxis prüft zuerst körperliche Ursachen, zum Beispiel über eine Blutuntersuchung, und kann überweisen. Eine psychotherapeutische Sprechstunde bekommt ihr über die Terminservicestelle 116 117. Dort klärt sich, ob eine Psychotherapie nötig ist. Eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis ist der richtige Ort, wenn Medikamente in Frage kommen oder die Lage unübersichtlich ist. Die Institutsambulanz einer Klinik übernimmt bei schweren Verläufen, bei Suizidgedanken und wenn ambulante Termine nicht reichen. Die Erziehungsberatungsstelle ist für euch als Familie da, ohne Überweisung.
Was die Leitlinie 028-043 nach Alter empfiehlt
Die Leitlinie 028-043 ist im März 2026 aktualisiert worden und gilt bis Dezember 2030. Sie unterscheidet nach Alter.
- 3 bis 6 Jahre: Eine Eltern-Kind-Therapie mit Fokus auf Gefühlen (PCIT-ED) kann erste Wahl sein. Auf Medikamente soll in diesem Alter verzichtet werden.
- 7 bis 12 Jahre: Psychotherapie hat Vorrang vor Medikamenten. Als erste Wahl nennt die Leitlinie die kognitive Verhaltenstherapie.
- Jugendliche: Auch hier geht Psychotherapie vor, erste Wahl ist die KVT. Als Alternative nennt die Leitlinie die interpersonelle Therapie, die in Deutschland für Kinder und Jugendliche keine Kassenleistung ist. Systemische Therapie und psychodynamische Verfahren können erwogen werden.
Bei einer leichten Episode sollen Jugendliche keine Medikamente als erste Behandlung bekommen. Bei mittelgradiger oder schwerer Depression kann ein Antidepressivum dazukommen. Das entscheiden Kinder- und Jugendpsychiater:innen, mit Kontrollen von Gewicht, Blutdruck und weiteren Werten. Sport ist als Ergänzung genannt: dreimal pro Woche 45 bis 60 Minuten über mindestens sechs Wochen, angeleitet und gern in der Gruppe.
Was Kasse und Jugendamt bezahlen
Sprechstunde, Probatorik und Psychotherapie in einem Richtlinienverfahren trägt die gesetzliche Krankenkasse, bei Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bis zum 21. Geburtstag. Kinderarzt, kinder- und jugendpsychiatrische Praxis und Institutsambulanz laufen ebenfalls über die Kasse. Die Erziehungsberatung ist kostenlos. Wenn die Depression die Teilhabe dauerhaft gefährdet, etwa weil euer Kind seit Monaten nicht mehr in die Schule geht, kann beim Jugendamt Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII in Frage kommen. Die Leitlinie empfiehlt Behandelnden, auf solche Jugendhilfe-Leistungen hinzuweisen. Privat Versicherte klären die Erstattung über ihren Tarif. Findet ihr trotz Kassenversicherung keinen Platz, gibt es den Weg über die Kostenerstattung.
Die Zeit bis zum Therapieplatz
Auf einen Therapieplatz wartet ihr oft lange. Die Leitlinie warnt, dass eine verzögerte Behandlung im Jugendalter zur Chronifizierung beiträgt. Deshalb lohnt es sich, parallel mehrere Wege zu gehen. Der Therapieplatz-Helfer sortiert die Anrufe, die Tipps zum Überbrücken der Wartezeit füllen die Wochen dazwischen.
Für euer Kind selbst nennt die Leitlinie das Portal „ich bin alles“ der Kinder- und Jugendpsychiatrie am LMU Klinikum München. Dort erklären Videos und Podcasts in jugendlicher Sprache, was eine Depression ist. Einen Elternbereich gibt es auch. Feste Aufstehzeiten, eine Mahlzeit gemeinsam am Tag und ein kurzer Weg nach draußen halten den Alltag zusammen, bis die Behandlung beginnt. Wie ihr Anzeichen bei Jugendlichen noch genauer einordnet, steht im Ratgeber Depression bei Jugendlichen erkennen.
Quellen
- AWMF-Leitlinie 028-043 (S3): Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. DGKJP, Stand 10.03.2026, gültig bis 01.12.2030. Registereintrag, Langfassung als PDF
- AWMF-Leitlinie 028-031 (S2k): Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. DGKJP, Stand 21.07.2016, Gültigkeit am 30.05.2021 abgelaufen, wird überarbeitet. Registereintrag
- Becker M, Correll CU: Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. Deutsches Ärzteblatt 2020; 117: 261-267. Artikel
- „ich bin alles“, Informationsportal zu Depression für Kinder und Jugendliche, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums München (in Leitlinie 028-043 genannt). ich-bin-alles.de